23. September 2020

Europa-Genöle – Brief an die Kanzlerin, 2

Liebe Frau Merkel,

Sie sind, wie könnte es anders sein, eine überzeugte Europäerin. Nicht erst bei Helmut Kohl haben Sie gelernt, dass der Zusammenhalt Europas die Straße zum Frieden pflastert, Streit aber den zu Mißerfolg und Krieg. In der nächsten Dekade werden sich Europas Anteil am Welthandel und auch sein Anteil an der Weltbevölkerung beinahe halbieren. Hätten wir dann nicht unsere Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft und eine ganz enge politische Kooperation – wir wären nichts, die Weltgeschichte würde über die einzelnen Staaten Europas hinwegmarschieren. Und auch der deutsche  Export – eben haben wir wieder neue Rekordzahlen vernommen – würde derart beschädigt, dass die Arbeitslosenzahlen wieder kräftig wüchsen.
 
Wir müssen Europa also schon aus ganz realistischen, ja: materiellen Gründen mögen. Europa aber  ist mehr: eine Wertegemeinschaft, die der Welt nach manchen Irrwegen den Gedanken der Freiheit und den der Demokratie gegeben hat; ein gewachsener Kulturraum, der die Geisteswelt des Abendlandes in Literatur, Musik, Philosophie bis heute prägt; der Ursprung der Zivilisation, ein Vorbild und Sehnsuchtsort für so viele Menschen in der Welt. Europa ist so Vieles, auf das man stolz sein kann.

Nur: Von diesem Stolz spüren wir Bürger wenig. Regierungsamtlich wird uns Europa immer nur sorgenzerfurcht serviert, als Last und bürokratisches Monster, über das man nur mit trübem Blick reden kann, auch deshalb, weil so viele andere Europäer uns deutschen „Zahlmeistern“ das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Kein Wunder, dass auch immer mehr Deutsche europaskeptisch werden. Auch Sie selbst, verehrte Frau Bundeskanzlerin, lassen bei diesem Thema das blitzende Charisma, zu dem sie ja fähig sind, völlig vermissen. Immer argumentieren Sie und Ihre Kabinettskollegen aus der Defensive heraus, weil sie alle glauben, sich gegen maue Demoskopie-Ergebnisse oder miesepetrige Journalisten verteidigen zu müssen.

Das müssen Sie überhaupt nicht. Auch nicht dann, wenn es im Euro kriselt wegen noch unsoliderer Volkswirtschaften als wir es selbst sind. Ganz offenkundig mussten die Dinge erst schlimmer kommen, damit sie besser werden können: Und nun haben wir alle begriffen, dass es ins Chaos führt, wenn man auf Dauer mehr ausgibt als man einnimmt. Endlich kehrt – und darauf müssen Sie weiter dringen – solides Gebaren ins europäische und nationale Haushalten ein. Auch wir selbst haben mit unserer Billionen-Verschuldung da noch genug zu tun.

Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Premier und Chef der Euro-Gruppe, kann begeisternd über Europa reden.  Er sagt dann Sätze wie: „Europa ist die Liebe meines Lebens“, und wenn er nach einer Europa-Rede vom Podium steigt, sind die Leute so hingerissen, dass sie unbesehen und in großen Summen Euro-Bonds zeichnen würden, wenn es sie gäbe. Aus einem Europa-Saulus macht er im Handumdrehen einen Paulus, und jeder im Saal fühlt sich berührt von der Größe der europäischen Idee.

Warum ist bei uns die Regierungs-Kommunikation zu Europa so schmallippig? Warum lassen Sie, Frau Merkel,  es zu, dass die Henkels und Sinns dieser Welt Europa zerreden dürfen, ohne bei ihrer Alternativlosigkeit ertappt zu werden? Warum müssen wir uns das Europa-Genöle in deutschen öffentlich-rechtlichen Fernseh-Talkshows anhören, ohne dass die Regierung als unser Europa-Motor dem etwas entgegensetzt? Auch dafür sind Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin, ja gewählt: Die Menschen von den Voraussetzungen für eine gute Zukunft Deutschlands und Europas zu überzeugen.

Jetzt zum Beispiel wäre es nicht schlecht, sie würden – wie seinerzeit Bayern-Trainer Trapattoni – einmal aus der Haut fahren, wenn sich Finanzmärkte und Journalisten einen Spaß daraus machen, Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und damit den Euro und Europa in immer größere Krisen hineinzureden. Bad news are good news, man kann an ihnen verdienen. Aber am Ende des Tages zerstört diese Attitüde, die sich mit journalistischem Ethos schon gar nicht erklären lässt, alle guten Seiten Europas, die ganze schwer erarbeitete Solidität unserer politischen und wirtschaftlichen Existenz.

Das würde ich mir wünschen: dass Sie sich, Frau Bundeskanzlerin, zu diesem Thema einmal richtig in Rage reden und all den leichtfertigen Besserwissern und Krisengewinnlern übers Maul fahren. Argumente hätten Sie genug.

Herzlich
Ihr

Michael Rutz(Erschienen am 9.5.2011 in Christ und Welt/ DIE ZEIT)

Den Zeitgeist prägen! Brief an die Kanzlerin, 1

Liebe Frau Merkel,

man muss es einmal sagen: Sie haben das schwerste Amt. Ein deutscher Bundeskanzler trägt mit an der Geschichte der ganzen Welt, wie Atlas in der griechischen Mythologie:  Der wurde als Rebell  von Zeus damit bestraft, die „Mutter Gaia“ an ihrem westlichen Rand auf die Schultern zu nehmen, damit sie dem Himmel fernbleibt.

Ihre Kanzler-Last ist keine Strafe. Sie machen das, weil Ihnen Deutschland am Herzen liegt. Je überzeugter Sie vorangingen, erklärt und entschieden haben, umso beliebter waren Sie. Führung erzeugt Gefolgschaft. In Ihrer CDU kam man an dieser Führungskunst nicht vorbei. Heute macht Ihnen – Sie haben da ein bisschen nachgeholfen – keiner Ihren Posten streitig.

Ich spüre, dass sich das ändert. Das Volk ist tief verunsichert. Uns beschleicht das Gefühl, dass immer mehr Entscheidungen nicht nach Faktenlage fallen, sondern nach dem Pegelstand von Emotionen. Dass ein angstgetriebener Dezisionismus einzieht. Dass Kompromisse zugelassen werden bei Themen,  die Halbherzigkeiten gar nicht ertragen. Dass nicht Deutschlands Zukunft im Blick ist, sondern die Gegenwart mit ihren Stimmungen, die wegen anstehender Wahlen bedient werden sollen.

Erstes Beispiel: Die Energiepolitik. Sichere, immer verfügbare und bezahlbare Energie war die Grundlage unsres Wohlstandes. Unser Erfindungsreichtum hat den Morgenthau-Plan erledigt, der uns zum Agrarland degradieren wollten. Unsere Ingenieure haben nicht nur die weltbesten Maschinen, sondern auch die sichersten Kraftwerke gebaut. Deutschland hat deswegen auch in der komplizierten Kernkraft-Technologie keinen riskanten Störfall erlebt. Tschernobyl und Fukushima hätten bei uns nicht passieren können.

Es ist, verehrte Frau Merkel, absolut richtig, Deutschland auf den Weg zur Autarkie schicken, spät genug. Öl und Gas beziehen wir zumeist aus Staaten mit schütteren politischen Systemen. Kohle ist und bleibt schmutzig. Bei der Kernkraft ist das Endlager nicht geklärt, weil politische Feigheit und Führungsschwäche das verhindert haben. Wer nun Kernkraftwerke abschalten will, der muss alle Kraft in die großen Energietechnologien der Zukunft stecken: Die Kernfusion beispielsweise, auch in modernste viel risikoärmerere Kernkraftwerke mit risikoärmerer Technologie, oder in die Wasserstofftechnologie. Stattdessen wird uns die Rückkehr zur Windmühlentechnik als Großfortschritt verkauft von einem Umweltminister, dessen populistische Salti auf die Nerven gehen. Wir haben Solarzellen und erneuerbare Energien hoch subventioniert, ohne uns dafür wenigstens  die technologische Marktführerschaft eingehandelt zu haben. Ein verlässliches Zukunfts-Energiekonzept gibt es nicht, nur immer den Satz: Der Verbraucher wird’s schon zahlen.

Weitere Begründungen für den Stimmungswandel:  Wieso darf ein amtsschwacher Außenminister unsere feste Einbindung ins westliche Bündnis (der wir unsere Einheit zu verdanken haben) von heute auf morgen zerstören? Wieso inszeniert die CDU eine bevormundende Familienpolitik, die unter dem Vorwand der Gleichberechtigung Frauen in Wirklichkeit belastet, entmachtet und Familien schädigt? Warum lassen Sie beim Euro eine Solidarität zu, in der (wie auch in der deutschen Sozialpolitik) der Eigenbeitrag der Hilfsbedürftigen klein-, der Finanztransfer des deutschen Steuerzahlers aber großgeschrieben wird? Warum dürfen CDU-Abgeordnete eine Präimplantationsdiagnistik fordern, in der der Wunsch nach einem gesunden Kind das Recht auf Leben überstimmt? Warum redet die CDU ständig von Bildung, gibt aber (wie jetzt wieder in Sachsen-Anhalt) die bildungspolitische Verantwortung ständig an die Grünen oder die SPD ab?
Gehen Sie wieder voran, kümmern Sie sich nicht um Medienlärm, Stimmen und Stimmungen. Dem Zeitgeist folgt man nicht, man prägt ihn. Sie, Frau Bundeskanzlerin, können das.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Michael Rutz(Erschienen am 16.4.2011 in Christ und Welt/ DIE ZEIT)



Männerpolitik? Nein, danke.

Also, Kristina Schröder fanden wir bisher toll. Jeder soll nach seiner Facon selig werden, das war ihre Maxime der Familienpolitik. Rollenbilder wolle sie nicht vorgeben, keineswegs und niemals. Das predigte sie landauf, landab, in Interviews und Akademien. Und wenn, dann seien es die Frauen, die Unterstützung brauchten. Das war auch in Ordnung, und wir Männer haben applaudiert, weil wir unsere Frauen lieben und niemandem im Wege stehen wollen, der sie (außer uns, sowieso) unterstützt. Wir haben auch hingenommen, dass Frau Schröderganz  in der Tradition ihrer Vorgängerin und siebenfachen niedersächsischen Mutter vom Pfad ihrer selbstdefinierten Tugend der Rollenneutralität abwich, indem sie die Rolle berufstätiger Eltern bei Kinderauszeiten finanziell besserstellte und jene leer ausgehen ließ, die sich zu Hause gleich um Kinder und Haus kümmerten und den Umweg über die Subventionsvoraussetzungen gar nicht erst nahmen.  Alles war ok, solange unsere Frauen mit dieser yuppie-Frauenpolitik auch glücklich waren und Kristina uns ansonsten in Ruhe ließ. 

Jetzt aber hat, so scheint es uns, auch Kristina Schröder dieses ganze System aus Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten und Gender Mainstreaming satt, jetzt hat auch sie gefühlt, dass das Gewese um die angeblich benachteiligten Frauen den Zenit seiner Glaubwürdigkeit überschritten hat und auch die feministischsten Frauen den biologischen Unterschied zwischen Männer und Frauen nicht werden hinwegdebattieren können. Das Ende der politischen Gleichstellungsbeglückung, von absurden Gesetzen, deren Lebensfremdheit mit zunehmender Entfernung der gesetzgebenden Instanz von der Basis steigt (Brüssel also als Maximum) scheint gekommen.

Wahrscheinlich hat neben Kristina Schröder auch Alice Schwarzer längst begriffen, dass Männer und Frauen sich längst emanzipiert haben von ihren Vormündern der Politik, dass sie keine Lust mehr haben auf die Pose der feministischen Erzieherinnen, die ihre Geschlechtsgenossinnen wie schwachsinnige Adepten an die Hand nehmen wollen, um sie in eine leuchtende, selbstbestimmte Zukunft zu führen. Vermutlich sitzen die beiden oft zusammen, beklagen einmütig die sie frustrierende Lage und beratschlagen dann, wie sich dennoch die nächste Stufe ihres öffentlichen Konfliktes schauspielerisch erstklassig inszenieren ließe. Denn sie brauchen diese Inszenierung: Ohne Streit und Hader, ohne persönliche Herabsetzung als Stilmittel bräuchte die beiden keine Talkshow mehr. Das wäre der größte anzunehmende Unfall für Politiker und publizierende Schauspieler, wie Frau Schwarzer eine ist. Also muss man das Konfliktrad weiterdrehen.

Auch das wäre noch hinzunehmen, wenn Frau Schröder jetzt nicht entdeckt hätte, dass man „vor lauter Frauenpolitik die Männer vergessen“ habe. Wir Männer hatten damit gar kein Problem. Wir wollten gar nicht entdeckt werden, alles war gut. Wir haben in der Tradition unserer seit Jahrtausenden angeborenen Jagdleidenschaft die Muskeln spielen lassen, haben uns in den jeweils anstehenden Kampf geworfen, haben Beute nach Hause gebracht. Dort saßen die Ehefrauen und haben über die Verteilung der Beute entschieden. Sie haben geboren und erzogen, gekocht und gewoben, haben die Waffen fürs Leben bereitgelegt, und haben in allem klar gemacht, wo’s lang geht.

Sie hatten und haben das Sagen, und zwar nicht erst als Ergebnis akademischer Karrieren oder politisch schicker Machtquoten (in oft sinnentleerten Tätigkeiten, die Männer für Macht halten). Frauen hatten und haben die Macht auch nicht (nur) deswegen, weil Männer – so lesen wir – durchschnittlich alle sieben Sekunden an Sex denken. Sie waren und sind deswegen am Ruder, weil sie klüger sind als wir. Zugleich haben wir damit bestens gelebt, wenn man uns  nur ein wenig Bewunderung entgegenbrachte. Und Frauen sowieso, denn das war der Deal: Den Frauen die Macht, den Männern die selbstbewußte und ein wenig eitle Vorstellung davon.

Nun will Frau Schröder die Sache umkehren, den Frauen die Macht entwinden. „Wir haben“, schreibt sie in der Frankfurter Sonntagszeitung, „uns so sehr an den Monopolanspruch der Frauenpolitik auf alle Belange der Gleichberechtigung gewöhnt, dass der Gedanke, Jungen und Männer stärker in die Gleichstellungspolitik einzubeziehen, im besten Fall ignoriert und im schlechtesten Fall als Verrat an den Zielen der Frauenbewegung gebrandmarkt wird.“ Wir lesen von „männlichen Bildungsverlierern“, vom Mangel an männlichen Fachkräften in den Kindertagesstätten, vom auf den Männern lastenden „Diktat der uneingeschränkte Verfügbarkeit in Sechzig- bis Achtzig-Stunden-Woche“ (wieviel arbeitet eigentlich eine Familienmutter?), von „mangelnder Zeit für Verantwortung“ (??). Deshalb wird dieser Donnerstag der „boy’s day“ sein, eine Initiative der Bundesfamilienministerin. Er soll „Jungen berufliche Zukunftsperspektiven jenseits typischer Männerberufe eröffnen.“

Die Lösung des Problems heißt also auch in der Exegese dieser konservativ-liberalen Bundesregierung, die Frauen mehr zu Männern und die Männern mehr zu Frauen zu machen. Man wird ja noch mal fragen dürfen, ob diese Politik in Wirklichkeit nicht die Lösung, sondern das Problem ist. 

(Erschienen am 11.4.2011 in Christ und Welt/ DIE ZEIT) 

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