Der Schuss von der Kanzel

Wenn ein zivilgesellschaftlicher Vorgang mit der Ankündigung konfrontiert wird, nun werde sich „die Politik einschalten“, ist Schlimmstes zu befürchten. Denn „die Politik“ hat die Weisheit bekanntlich auch nicht mit Löffeln gefressen, ihre Protagonisten leben vielmehr davon, Stereotypen volksnah zu verpacken und auch gerne der vermuteten Volksempörung nach dem Munde zu reden.

So auch im Fall des Schützenkönigs Mithat Gedik aus Sönnern in Nordrhein-Westfalen, der als Muslim sozusagen versehentlich in einem Schützenverein Karriere machte, dessen Satzung nur katholische Mitglieder vorsieht. Ein muslimischer König in einem katholischen Schützenverein – das musste sich also als Problem erweisen und wurde von den Verbandsoberen als solches benannt.

Bereits diese Ingredienzien verlocken, zumal im Sommerloch, zu  sofortiger politischer Profilierung in einem Land, das sich dem vornehmlich von Grünen und Linken vorangetriebenen Tugendterror der politischen Korrektheit nur allzu gern ergibt. So meldete sich der nordrhein-westfälische Integrationsminister von der SPD  zu Wort und sprach, hier spiele sich ein “Stück aus dem Tollhaus“ ab, das von „Provinzialität“ zeuge. Selbstverständlich standen die Grünen in nichts nach: Die Landtagsabgeordnete Dagmar Hanses, von Ausbildung Erzieherin, aber dennoch rechtspolitische Sprecherin der Grünen, trat mit der Ansicht hervor, Tradition dürfe nicht als „Totschlag-Argument missbraucht werden, um Mitmenschen auszugrenzen“.  Die Schützen in Sönnern hätten keinen Grund, sich beim Dachverband zu entschuldigen, denn: „Jeder Verein sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden, wen er aufnimmt.“

Mit diesem Satz wiederum kommt Frau Hanses der Lage recht nahe. Denn die Schützen in Sönnern hatten sich per Satzung entschieden, nur Katholiken aufzunehmen und also keine Muslime. Das ist ihr gutes Recht, denn wer immer einen Verein gründet, kann die Abgrenzungen handhaben, wie er will – solange sich der Verein nicht „gegen die verfassungsmäßige Ordnung“ oder „gegen den Gedanken der Völkerverständigung“ richtet (und das ist beim Katholizismus nicht der Fall).

Dieses gute Recht ergibt sich aus Artikel 9 des Grundgesetzes: „Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden“. Die Kriterien dafür können sie auch selbst festlegen und auf diese Weise ihrem Bedürfnis nach Distinktion nachkommen, nach Unterscheidung, nach Abgrenzung.  Die einen gründen Parteien, die auf bestimmten gesellschaftspolitischen Ideen fußen. Die anderen gründen Kirchen, weil sie eine bestimmte Gottesidee haben. Andere tun sich zusammen, weil sie rote Briefmarken oder blaue Porsches sammeln, andere wollen bestimmte Traditionen pflegen, die deutsche Brauchtums-Landschaft ist voll davon.

So ist es also vollkommen selbstverständlich, dass auch Tradition als Argument verwendet werden darf, um Mitmenschen auszugrenzen – nämlich die, die mit dieser Tradition nichts anfangen können oder sie nicht pflegen wollen und einem solchen Verein nicht beitreten möchten. Immer sind es Abgrenzungen und Ausgrenzungen: Die SPD, in der CDU-Mitglieder nichts zu suchen haben; die CDU, die niemanden in ihren Reihen duldet, der zugleich Mitglied der Linken bleiben will; die Gewerkschaften, die keine Arbeitgeber aufnehmen; die islamischen Kulturvereine, deren Kreis sich auf Muslime beschränkt; oder der Zentralrat der Juden in Deutschland, der keine Katholiken als Mitglieder hat.

Das Rauschen im Blätterwald hat im Falle Gedik dem deutschen Empörungsjournalismus wieder alle Ehre gemacht, zumal auch hier wieder eine gegenwärtig gern goutierte Prise Katholizismus-Bashing beizufügen war, konnte man das ganze doch quasi als Schuss von der Kanzel gegen die Muslime deuten. „Alles dreht sich um die Frage: Muss man Christ sein, um in einer Schützenbruderschaft zu schießen?“ fragte der Autor auf Zeit online. Falsch, möchte man sagen, die richtige Frage lautet: „Darf eine Schützenbruderschaft nur Christen als Mitglieder aufnehmen?“. Die Antwort lautet:  Ja, selbstverständlich, genau das darf sie. Und wer als Nichtchrist Schützenbruder werden will, kann das in den vielen tausend anderen Schützenvereinen tun, deren Satzung auf die christliche Tradition nicht abhebt.

 

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt vom 13.8.2014)

Städter, bleibt in der Stadt!

Es herrsche, erklärt man uns, Landflucht in Deutschland. Die Menschen wollten dorthin, wo das Leben tobt. Wo Menschen, Autos, Geschäfte dicht beieinander sind. Wo der Lärmpegel so hoch ist wie die Mieten. Das alles, predigen uns die Immobilienunternehmer, sei wahnsinnig attraktiv.

Dann aber klingelt an der Etagenwohnung jemand vom Institut für Demoskopie in Allensbach. Ob sie mit ihrem Stadt-Leben zufrieden seien? Zum Ärger der Immobilienmakler sagen nur acht Prozent der Städter: ja! Sie vermuten das Glück vielmehr auf dem Land: Gute Luft, günstiger Wohnraum, Nachbarschaftshilfe, Zufriedenheit. „Die Sehnsucht der Städter nach dem Land wird immer größer“, folgern die Demoskopen.

Die Soziologen – meist Städter – sind irritiert. Im Deutschlandfunk faselte neulich einer, es handele sich um ein Phänomen der „Spätmoderne“, die Städter lebten eine eingeübte „Ästhetik und Ikonografie des Natürlichen“ aus, die Sehnsucht gelte dem Wald und den Wiesen und damit auch einer im Geschwindschritt der globalen Ubiquität verlorengegangenen Langsamkeit. Dann sagte der Deutschlandfunk-Soziologe: „Die Menschen denken ans Landleben und glauben, die Kuh grüßt um die Ecke – wir wissen aber, das ist nicht so.“

Der Mann war nie auf dem Land. Während ich diese Zeilen schreibe, grasen Kühe nur hundert Meter von hier, große, braune, echte Kühe. Aus Nachbars Garten kräht der Hahn, und in meinem eigenen Gemüse- und Obstgarten wachsen gerade Salate, Sauerampfer, Zucchini, Gurken, Mangold, Radieschen, Busch- und Stangenbohnen, Tomaten, Kohlrabi, Grünkohl, Rosenkohl, Kürbis, rote Beete, Zuckermais, Johannisbeeren, Äpfel, Zwetschgen, Holunder, Zwiebeln und Lauch. Nicht zu vergessen etwa 25 verschiedene Würz- und Heilkräuter. Zehn Gehminuten, dann bin ich im Naturschutzpark der Lüneburger Heide, dort, wo die Heidschnuckenherden ihrer Wege ziehen, (auch vor dem Wolf) behütet von Schäfern und ihren Hunden.

Jeden Morgen, bevor um acht der Büroalltag beginnt, gehe ich eine Stunde in die Beete. Man muss jäten, Schnecken sammeln, die Beete hacken und wässern. Die Salatsamen müssen in die Anzuchtgefäße und die schon kräftigen Setzlinge ins Beet. Die Staudenbeete wollen gejätet und geschnitten sein, die verblühten Rosen gekappt.   Vor allem muss man ernten: heute zwei Schlangengurken, zwei Zucchinis, zwei Kohlrabi, Radieschen und Mangold.

Die Morgenstunden sind still, ab und an fährt ein Traktor auf die Felder hinaus, Erntezeit.  Später hört man Autos, die die Dorfstraße hinunter zur Autobahn streben, weiter nach Hamburg, 25 Minuten braucht man bis zur Innenstadt, auch nicht mehr als jemand aus Blankenese. 60 000 Pendler allein aus dem Süden Hamburgs machen das so, mit Bahnen, Bussen, Autos. Aber sobald sie können, wollen sie wieder heim.

Wir Landmenschen neiden den Städtern nicht einmal ihr Freizeitangebot. Zugegeben, wir haben keine Staatsoper. Aber dafür musizieren in den jahrhundertealten Kirchen von Egestorf und Undeloh Konservatoriumsabsolventen ganz wunderbar, jeden Sonntag, den ganzen Sommer über, immer um 17 Uhr, immer für zehn Euro. Wir haben auch kein Schauspielhaus, dafür aber den „Ebendörper Immenschworm“, der die Skandale des Landlebens erschütternd auf die Bretter bringt. Wir sonnen uns nicht am künstlich sandaufgeschütteten Elbstrand mit Kübelpalmen und Caipirinha, dafür aber im wunderbar gepflegten Waldnaturbad mit sauberem Quellwasser, das umgeben ist von einem Barfußpark, in dem man unter den Füßen spüren kann, was es in der Großstadt kaum mehr hundekotfrei gibt: Moor, Sand, Wiese, Kiesel, Blätter, Rindenmulch.

Wir haben Schulen ohne Drogen, Kitas mit fröhlichen Kindern, Bauernmärkte. Wir Landleute, sagt Allensbach, sind total zufrieden, was die Städter ja kaum glauben möchten. Vielleicht ist es ja auch besser, sie bleiben in der Stadt. Dort können sie ihre geheime Land-Sehnsucht bei „Urban Gardening“ und der Lektüre von Sehnsuchtszeitschriften wie „Landlust“, „Landidee“, „Mein liebes Land“, „Mein schönes Land“ ,„Landgarten“, „LandSeele“ oder „Kraut und Rüben“ ausleben. Ich hingegen erwäge, mir fünf Hühner zuzulegen und einen Steinbackofen in den Garten zu bauen. Doch das wird eine andere Geschichte.

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt 6.8.2014)

 

 

Militanz durch Religionen

Kriege im Namen von Religionen und gegen Religionen sind kein neues Phänomen. Die Religionsgeschichte ist voller solcher Ereignisse.  Die Unterdrückung religiöser Bewegungen hatte ihren Beweggrund meist in der Durchsetzung totalitärer weltlicher Machtansprüche – Diktatoren wollen keine anderen Götter neben sich haben. Unvergessen bleibt hier der wahnhafte Tagebucheintrag von Goebbels vom 5. August 1933: „Wir werden selbst Kirche werden“, der zur Erklärung der Hitlerschen Verfolgungssystematik wesentlich beiträgt.

Christentum und Judentum haben sich im Laufe ihrer Geschichte zu Religionen des Friedens gewandelt. Das hatte die Hoffnung aufkommen lassen, auch der Islam als dritte mosaische Religion könnte zu einer weltweiten friedenssichernden Kraft aufwachsen. Das war die Vision: drei große Religionen als weltweit wirksames Friedensbündnis.

Doch jene Formen eines modernen Islam, die religiöses Leben und Demokratie miteinander in Einklang bringen, haben es nicht geschafft, die Ausbreitung solcher fundamentalistischer islamischer Bewegungen zu stoppen, die religiösen Absolutheitsanspruch und weltliche Diktatur in menschenverachtender Weise miteinander verbinden. Die gegenwärtigen Christenverfolgungen in Syrien oder solche in Afrika sind beredtes, grauenhaftes Zeugnis davon.

Die Lehre ist: Wenn man den Hass auf religiös Andersdenkende nur lange genug schürt, dann entgleitet auch den politischen und religiösen Führungskräften die Möglichkeit des Einflusses. Die Geste von Papst Franziskus, mit dem israelischen und dem palästinensischen Präsidenten im Vatikan ein Friedensgebet abzuhalten, erweist sich rückblickend als rührend, aber wirkungslos.

Nüchtern muss man bilanzieren: Religionen haben ihre friedensstiftende Wirkungsmacht verloren und sind selbst wieder hineingezogen in interreligiöse Kriege. Es macht sich (in allen Religionen) ein Fundamentalismus breit, der das Vernunftprinzip nicht mehr akzeptiert, vorangetrieben von Fanatikern, die „sich in einer Zeit der forcierten Modernisierung und Verwestlichung an den Rand gedrängt und ausgeschaltet fühlten“ (Hans Maier) – im Iran, im Irak, in Afghanistan, in Afrika und anderswo.

Das sind keine guten Aussichten.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: