Militanz durch Religionen

Kriege im Namen von Religionen und gegen Religionen sind kein neues Phänomen. Die Religionsgeschichte ist voller solcher Ereignisse.  Die Unterdrückung religiöser Bewegungen hatte ihren Beweggrund meist in der Durchsetzung totalitärer weltlicher Machtansprüche – Diktatoren wollen keine anderen Götter neben sich haben. Unvergessen bleibt hier der wahnhafte Tagebucheintrag von Goebbels vom 5. August 1933: „Wir werden selbst Kirche werden“, der zur Erklärung der Hitlerschen Verfolgungssystematik wesentlich beiträgt.

Christentum und Judentum haben sich im Laufe ihrer Geschichte zu Religionen des Friedens gewandelt. Das hatte die Hoffnung aufkommen lassen, auch der Islam als dritte mosaische Religion könnte zu einer weltweiten friedenssichernden Kraft aufwachsen. Das war die Vision: drei große Religionen als weltweit wirksames Friedensbündnis.

Doch jene Formen eines modernen Islam, die religiöses Leben und Demokratie miteinander in Einklang bringen, haben es nicht geschafft, die Ausbreitung solcher fundamentalistischer islamischer Bewegungen zu stoppen, die religiösen Absolutheitsanspruch und weltliche Diktatur in menschenverachtender Weise miteinander verbinden. Die gegenwärtigen Christenverfolgungen in Syrien oder solche in Afrika sind beredtes, grauenhaftes Zeugnis davon.

Die Lehre ist: Wenn man den Hass auf religiös Andersdenkende nur lange genug schürt, dann entgleitet auch den politischen und religiösen Führungskräften die Möglichkeit des Einflusses. Die Geste von Papst Franziskus, mit dem israelischen und dem palästinensischen Präsidenten im Vatikan ein Friedensgebet abzuhalten, erweist sich rückblickend als rührend, aber wirkungslos.

Nüchtern muss man bilanzieren: Religionen haben ihre friedensstiftende Wirkungsmacht verloren und sind selbst wieder hineingezogen in interreligiöse Kriege. Es macht sich (in allen Religionen) ein Fundamentalismus breit, der das Vernunftprinzip nicht mehr akzeptiert, vorangetrieben von Fanatikern, die „sich in einer Zeit der forcierten Modernisierung und Verwestlichung an den Rand gedrängt und ausgeschaltet fühlten“ (Hans Maier) – im Iran, im Irak, in Afghanistan, in Afrika und anderswo.

Das sind keine guten Aussichten.

Kein Asyl für Snowden

Seit Monaten wird die deutsche Öffentlichkeit in Atem gehalten mit den Folgen der Enthüllungen des amerikanischen Geheimdienstmitarbeiters Snowden. Er hat, als er den Umfang der Abhörpraxis der NSA offenlegte, gegenüber seinem und mit uns eng befreundeten Heimatland Landesverrat begangen – mit dramatischen Auswirkungen für die USA und die Freunde der Freiheit weltweit.

Erstaunlich an diesem Vorgang ist vor allem die widerspruchslose Empörung, die hierzulande darum inszeniert wird. Denn es ist nichts Neues, dass die Mächte des geopolitischen Spiels sich gegenseitig ausforschen. Es ist legitimes Interesse und sogar staatspolitische Verantwortung, mit den bestmöglichen Mitteln die Schachzüge politische Partner und Gegner zu prognostizieren. Schon Metternich ließ als österreichischer Außenminister und Gastgeber des Wiener Kongresses seine Gäste aus Russland, Frankreich, Großbritannien, Preußen und dem Vatikan eifrig ausspionieren, die Akten der Wiener Hofpolizei aus jenen Zeiten füllen ganze Regale.

Bis heute hat sich nichts daran geändert. Russland, China, die USA und andere Mächte liegen in einem erbitterten Ringen um die Weltpolitik: Im Nahen Osten, in Mittelasien, in Afrika, im chinesischen Meer. Es geht nicht nur um Einfluss, auf dem Spiel stehen in großer Zahl Menschenleben, die in Kriegen und Terror vernichtet werden. Es geht auch um den Wert der Freiheit in einem Ringen, in dem totalitäre Machthaber und religiöse Fundamentalisten ihre Macht rücksichtslos zu festigen suchen.

Die Konsequenz muss also sein: Wer seine Freiheit sichern und der Freiheit anderer zum Durchbruch verhelfen will, braucht solche Informationen. Denn die offene Gesellschaft, in der wir leben, ist es wert, verteidigt zu werden. Aber ihre Offenheit ist zugleich das Einfallstor für jene, die sie vernichten wollen.

Also braucht es Nachrichtendienste, die einschlägige Informationen sammeln, mit allen technischen Möglichkeiten. Und jene Dienste, deren Regierungen sich gleichen freiheitlichen Werten verpflichtet fühlen, müssen selbstverständlich kooperieren, also auch die deutschen und die amerikanischen. Wir stehen auf der Seite der Freiheit, und wir haben allzu leidvoll erfahren, wie rasch sie bedroht werden kann. Wir müssen wehrhaft sein.

Was also steht hinter der täglichen Attacke, die aus politischen und Medienkreisen auf die USA gefahren werden? Ist es latenter Antiamerikanismus, den dort jetzt jene ausleben, deren politische Sozialisation – im Westen wie in der DDR – in solchem amerikafeindlichen Umfeld stattfand? Warum werden die russische und chinesische Spionage so lautstark beschwiegen?

Warum soll ein Landesverräter wie Edward Snowden, der noch nicht hat klarmachen können, dass nur eine der gesammelten NSA-Informationen zu unserem Nachteil verwendet worden wäre, unbedingt bei uns Asyl erhalten? Warum will man seine Dauerbleibe in Deutschland erpressen, indem man ihm rät, Aussagen nur in Deutschland zu machen und nirgendwo sonst – wo er natürlich sofort um politisches Asyl nachsuchen wird und die Bundesregierung damit gegenüber unseren amerikanischen Freunden in eine absehbar heikle Lage bringt? Warum wird nicht endlich darüber geredet, wie man die deutschen und europäischen Geheimdienste so stärken kann, dass sie im Weltkonzert ihrer Branche mithalten können?

Wer also, so muss man fragen, hat ein politisches Interesse, Deutschland und die USA zu spalten, deren politische Nähe zu lockern oder aufzulösen? Es ist nicht schwer, die Antwort darauf  im Blick nach Osten zu finden, von wo aus wir ohnehin gegenwärtig mit Propaganda überzogen werden.

Selbstverständlich muss die Bundesregierung dabei bleiben, Snowden die Einreise nach Deutschland zu verwehren Er wird gerühmt als Vorkämpfer einer informationellen Selbstbestimmung und individueller Freiheit im Internet – in Wirklichkeit hat er der wehrhaften Freiheit und der Verteidigung offener Gesellschaften weltweit einen Bärendienst erwiesen. Es wird Zeit, dass das auch im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages endlich mutig zur Sprache kommt.

 

 

Schavan: Einstand im Vatikan

Als Annette Schavan im Frühjahr 1965 in der Pfarrei Heilig Dreikönig in Neuss zur Kinderkommunion ging, war die rheinisch-katholische Welt noch in Ordnung. Der Jugendkaplan, Norbert Feldhoff mit Namen, und sein Chef Pfarrer Heinz-Werner Ketzer galten etwas im politischen Neuss, „das waren fröhliche Menschen, man merkte“, erinnert sich Annette Schavan heute, „dass die Religion, von der sie so selbstverständlich sprachen, etwas Wichtiges sein musste.“ Dass die beiden Geistlichen in ihrer Fröhlichkeit die ganze Stadtkultur mit prägten, kann man auch daran nachvollziehen, dass sie es beide weit brachten: Ketzer und später Feldhoff wurden beide Dompropst des Kölner Domes, und beide erhielten den Orden Wider den tierischen Ernst. Rheinisch-katholische Musterkarrieren also, und das Vorbild eines Katholizismus, der sich nicht so wichtig nahm, aber von den Menschen ganz selbstverständlich wichtig genommen wurde.

„Nun schließt sich ein Kreis“, sagt Schavan. Der Kreis, der in Neuss begann, führt sie über die “kulturprägenden Formen des Katholizismus in Baden-Württemberg” und besonders den „oberschwäbischen Katholizismus mit seiner prächtigen Ausstrahlung“ am Bodensee nun – direkt in den Vatikan, ins Zentrum ihrer Kirche. Vom 1. Juli an ist Annette Schavan deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl.

Ihre Karriere sehen selbst ihre politischen Gegner mit Anerkennung. Referentin bei der bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk, Abteilungsleiterin beim Generalvikariat in Aachen, Bundesgeschäftsführerin der Frauen Union, Geschäftsführerin Cusanuswerk. Dann der große Sprung: 1995 beruft Erwin Teufel sie 1995 ins Amt der Kultusministerin von  Baden-Württemberg, zehn Jahre prägt sie die Schullandschaft im Ländle. Dann, 2005, wechselt sie in den Bundestag und übernimmt, von 2005 bis 2013,  das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Für die Wissenschaft waren das gute Jahre. High-Tech-Strategie, Exzellenzinitiative, Hochschulpakt, Pakt für Forschung und Innovation, Zentren für Gesundheitsforschung, internationale Wissenschaftsabkommen – Schavan ließ kein Thema liegen, das ihr für die deutsche Wissenschaftslandschaft bedeutsam schien. Sie tat das auch dann nicht, als sie dabei überkreuz kam mit ihrer Kirche, vor allem im Streit um die Möglichkeit einer kontrollierten Stammzellforschung. Annette Schavan, die katholische Forschungsministerin, wollte das nicht platt verbieten. Die Wogen schlugen hoch: Der damalige Kölner Kardinal Meisner forderte, man solle der CDU das „C“ aus ihrem Parteinamen streichen, und er hätte wohl all jene katholischen Abgeordneten, die sich Fundamentalpositionen verweigerten, am liebsten exkommuniziert.

Konservative Katholiken liefen Sturm gegen die CDU-Politik, zumal die CDU mehrheitlich eine Schwangerschaftskonfliktberatung mehrheitlich mitgetragen hatte, die einen Beratungsschein als Voraussetzung eines Schwangerschaftsabbruches ermöglichte. Auch aus dem Vatikan kam Kritik. Noch heute ist Annette Schavan über die Heftigkeit der damaligen Debatten verwundert: Immer habe sie für Kompromisse im Sinne katholischer Ethik gekämpft, für Lebensschutz und Menschenrechte – hundertprozentige Positionen ließen sich im Meinungskampf der Politik eben nicht durchsetzen.

Dieser Kritik aus der Vergangenheit wird Schavan, die als Reformkatholikin gilt, auch im Vatikan begegnen. Die mächtige vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre leitet mittlerweile Kardinal Gerhard Ludwig Müller, damals Bischof von Regensburg und ein entschiedener Gegner von Schavans Politik und allen Bestrebungen, die Lehre der katholischen Kirche an die gesellschaftliche Gegenwart zu adaptieren oder gar den Laienkatholizismus aufzuwerten. Nicht von ungefähr hat daher die Bildzeitung berichtet, im Vatikan hätte es Bedenken gegen ihre Berufung gegeben. Doch Schavan bekam schnell das Agrément, das läßt nicht auf große Widerstände schließen.

Schavan will ihren Kritikern dort und anderswo mit Milde begegnen und nichts nachtragen. „Misshelligkeiten nehme ich nicht mit“, sagt sie. Schon jetzt formuliert sie diplomatisch: „Ich habe großen Respekt vor denen, die in der Kirche Verantwortung tragen, unabhängig von ihrer persönlichen Positionierung.“ Außerdem gelte für sie als künftige deutsche Vatikanbotschafterin: „Mein erstes Interesse sind nicht innerkirchliche Fragen.“

Tatsächlich hat das Bundeskabinett sie nicht nach Rom geschickt, um in den innerkatholischen Kirchenkampf einzugreifen, „wenn ich das wollte, würde ich mich um die Präsidentschaft beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken bewerben“, bemerkt sie. Nein, beim Heiligen Stuhl sei die Botschafterin des ganzen Deutschland, eines Landes, „das weiß, dass bei aller Veränderung und Pluralität das Land in seinen Grundüberzeugungen doch vom Christentum geprägt“ worden sei. „Ich komme dorthin aus dem Land der Reformation“, sagt sie, und mittlerweile auch aus einem Land, in dem andere Religionen wie etwa der Islam zu bedeutenden Kräften aufgewachsen sind.

„Deutschland ist ein religionsfreundliches Land, ein Land des Respektes“, sagt Schavan. Denen aus der Kirche, die fortwährend herumnörgeln an der Politik, gibt sie zu bedenken, dass es in Europa nicht selbstverständlich sei, „dass die Kirchen einen großen Gestaltungsspielraum haben“. Das drücke sich in der Sozialpolitik aus, Neugestaltungen würden dort immer auch mit dem Rat der Kirchen verbunden. Das setze sich in einer reichen Landschaft an Schulen in kirchlicher Trägerschaft fort, das mache sich an dem bedeutenden Platz fest, den die Theologie noch im Raum der Wissenschaft einnehme. Und Deutschlands religiöse Toleranz zeige sich auch darin, dass es nun an den Hochschulen in Tübingen, Münster, Frankfurt und Erlangen jeweils (noch von ihr geförderte) Zentren für islamische Studien gebe, zudem noch eines für jüdische Studien. Das alles sei einzigartig. Aber es sei die sachgerechte Antwort auf die zunehmende religiöse Vielfalt, denn diese theologisch-wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen seien zugleich der Platz für die Reflexion der Aufklärung und Orte, die vor Vereinnahmung bewahrten.

Diskursfreude kann auch der Vatikan vertragen. Dort schlummere, so schwärmt Schavan, “Wissen über diese Welt wie nirgendwo sonst.” Als “ältesten Global Player” bezeichnet sie den Vatikan. Deshalb könne die katholische Kirche auch in besonderem Maß friedensstiftend wirken, wie der Papst das jüngst mit seiner Syrien-Konferenz oder dem Friedensgebet zwischen dem israelischen und dem palästinensischen Präsidenten in den vatikanischen Gärten versucht habe. „Er hat Entwicklungen in Gang gesetzt, die die Verantwortung der Kirche für die Welt deutlich machen“, findet Schavan, „Impulse für die moderne Welt“.

Der Vatikan als besonderer, europäisch und weltweit prägender Ort: Das soll sich auch in der inhaltlichen Arbeit ihrer Botschafterzeit niederschlagen. „Ich möchte in Rom Raum geben für die Beschäftigung mit katholischen Persönlichkeiten, mit Schriftstellern, bildenden Künstlern, Wissenschaftlern, und all denen, die sich im Vatikan einbringen wollen“. Das Jahr ihres Amtsantritts ist ein vielfaches Gedenkjahr: 1954 wurden die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl wieder aufgenommen; 1984 bezog die Botschaft das heutige Gebäude mit dem  Neubau des Münchner Architekten Alexander von Branca; 1989 war der Fall der Mauer. Alles Gedenktage, die inhaltliche Anregungen geben und die eine Rolle spielen werden, wenn die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl am 3. Oktober den Jahresempfang aus Anlass des Tages der deutschen Einheit geben wird.

Das rechtskatholische und im Vatikan gut vernetzte „Forum deutscher Katholiken“ stufte die Berufung Schavans ihrer liberalen kirchenpolitischen Positionen wegen  als „Affront gegen die katholische Kirche“ ein. Es gibt viele, die ihr das Amt nicht gegönnt haben und ihre Berufung missgünstig begleiteten, vor allem nach dem Desaster mit ihrer Doktorarbeit, der die Universität Düsseldorf eine „handlungsleitende Täuschungsabsicht“ unterstellte. Einen Gegner hat Schavan im eigenen Haus: Den Personalrat des Auswärtigen Amtes, der zunächst fälschlich behauptete, man brauche als Botschafter unabdingbar die Eignungsvoraussetzungen für den höheren Dienst, und die seien ihr mit der Aberkennung ihres studienabschließenden Doktortitels ja abhanden gekommen. Zudem dürfe der Auswärtige Dienst nicht zur „Versorgungsanstalt von Politkern“ werden.

Schavan ficht das alles nicht mehr an. Sie fühlt sich bestärkt durch die vielen Glückwünsche der meisten deutschen Bischöfe, auch durch die des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider. „Mit Skepsis kann man am besten umgehen, indem man das Amt gut macht“, sagt Schavan. So unbemerkt wie die Botschafterzeit manches Vorgängers wird die Amtszeit Annette Schavans nicht verlaufen.

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt vom 27.6.2014)

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: