Liebe, katholisch: Reform ist fällig

Es ist keine Neuigkeit, dass die Basis der katholischen Kirche, in Deutschland also die 24 Millionen Katholiken, mit ihrer Amtskirche im Dissens lebt. Seit Jahrzehnten schon gibt es Umfragen, die die große Entfernung dokumentieren, die zwischen den Gläubigen und der kirchlichen Lehre vor allem in Sachen Familienbild und Sexualmoral besteht.

Die Menschen fühlen sich von der Kirche alleingelassen, wenn sie eine gescheiterte Ehe hinter sich haben und erneut heiraten wollen – mit kirchlichem Segen. Sie wissen die Kirche nicht an ihrer Seite, wenn sie eine konfessionsverschiedene Ehe eingegangen sind und ihren Ehepartner mit zur katholischen Kommunion nehmen wollen. Sie leben in massivem Dissens bei der Frage der Empfängnisverhütung, weil sie eine sexuelle Beziehung nicht nur als Fortpflanzungsinstrument, sondern als Ausdruck der Liebe sehen, die Kirche aber bisher jede physikalische oder pharmazeutische Empfängnisverhütung verbietet. Deshalb scheren sich die Menschen – und auch neueste Demoskopie hat das eindrucksvoll ergeben – nicht mehr um die kirchliche Lehre zu diesem Thema.

Erstaunlich ist, dass es so lange gedauert hat, bis in den Kirchenhierarchien Handlungsdruck empfunden wird. Als 1993 die oberrheinischen Bischöfe in einem Hirtenwort hier die Wege zu ebnen suchten und seelsorgerliche Lösungen anboten, fiel die vatikanische Glaubenskongregation aus Rom über sie her und zwang sie, alles zurückzunehmen. Oskar Saier, der damalige Bischof von Freiburg, wäre an dieser schweren Demütigung, als die er den Vorgang empfand, beinahe zerbrochen. Seither war nichts passiert.

Die Rüge aus Rom war aber auch seinerzeit so kurzsichtig wie dies Amtskirchenpolitik in letzter Zeit häufig gewesen ist – und zwar immer dann, wenn die kircheninternen Reaktionäre auf den Plan traten, Kardinäle etwa wie der ehemalige Kölner Bischof Joachim Meisner. Ihnen war das „Aggiornamento“ des Zweiten Vatikanischen Konzils ein Dorn im Auge, die Anpassung an die Lebenswirklichkeit, die sie wohl auch wollten, aber andersherum: Die Gläubigen sollten sich mit ihrem Leben den Dogmen anpassen, der kirchlichen Lehre, und das auch dort, wo diese Lehre so antiquiert ist das Lebensalter und die Lebenserfahrung der meisten dieser reaktionären Kardinäle.

Sie müssen es als Affront empfinden, dass Papst Franziskus diese Frage von Familienbild und Sexualmoral jetzt erneut aufruft und den Katholiken damit Hoffnung gibt, ihre Kirche werde sich zur Lebenswirklichkeit hin öffnen. Manche Kardinäle haben dem deutschen Kurienkardinal Walter Kasper, der die zweiwöchige Familiensynode, die dieser Tage in Rom stattfand, inhaltlich und lösungsorientiert vorbereitet hat, offene Feindschaft entgegengebracht. Die Fronten sind jedenfalls hart, aber ohne weitere Schritte hin zu den Gläubigen kann diese Synode nicht zu Ende gehen.

Sie wird auch noch dauern. Zwar liegen Vorschläge auf dem Tisch, aber noch keine Entscheidungen. Die werden im kommenden Jahr fallen, wenn die Vorschläge dieser Synode debattiert worden sind quer durch alle kirchlichen Gremien in den Teilkirchen der Welt. Die haben beim Thema Ehe und Familie ja ganz unterschiedliche Probleme: Empfängnisverhütung und Polygamie sind es in Afrika, Geschiedene und die Sexualmoral, aber auch die Frage gleichgeschlechtlicher Beziehungen sind es in Mitteleuropa. Und in Lateinamerika leiden Ehe und Familie besonders unter sozialen Problemen.

Der Ausgang der Debatte wird exemplarisch zeigen, ob Papst Franziskus seinen reformverheißenden Worten, die alle Katholiken in der Welt mit Hoffnung gehört haben, auch Taten folgen lässt. Bei den anderen Reformbaustellen ist es bisher bei päpstlichen Ankündigungen geblieben.

Auf Raubzug beim Autofahrer

Als die deutsche Politik zum Jahr 2005 auf deutschen Autobahnen die Lastwagen erstmals zur Maut-Kasse bat, versprach sie hoch und heilig, niemals würde es die Pkw-Fahrer treffen, weder mit dem raffinierten technischen Überwachungssystem von Toll-Collect noch auf andere Weise. Aber in der Politik sind Versprechen selten verlässlich, und so tat man auch 2005 gut daran, nur noch die Frage zu stellen, zu welchem Zeitpunkt und von wem es diesmal gebrochen werden würde.

Man hätte darauf wetten wollen, dass als politische „Täter“ eigentlich nur die Grünen in Frage kommen würden. Denn Autofahren ist ja eine umweltteuflische Sache, die Straßen versiegeln Land, die Autos schlucken Benzin, Diesel, Gas oder Strom, deren Produktion entweder die Ressourcen oder die Umwelt schädigt oder beides. Und da die großen und/oder schnellen Autos auch mehr verbrauchen oder nicht in der den Grünen geboten erscheinenden gefahrloseren Langsamkeit unterwegs sind, war zu erwarten, dass die Maut – falls sie kommt – als Staffelmaut ausgerufen werden würde. Und man würde auch an dieser Stelle die Gerechtigkeitsfrage stellen: Starke Schultern können wie überall auch mehr tragen, jedenfalls bis zum Belastungsoptimum, also bis kurz vor dem Zusammenbruch.

Nun aber haben sich nicht die Grünen, sondern die Unionschristen auf den Weg gemacht, den Autofahrer zusätzlich zur Kasse zu bitten. Die fremdenfeindliche Begründung lautet jetzt, man müsse den ausländischen Autofahrer, der Deutschland abgabenfrei durchquert, an der Finanzierung unserer Infrastruktur beteiligen. Denn das bisherige Free-Rider-Verhalten unserer Nachbarn sei nicht hinnehmbar, schließlich kassierten manche europäische Länder auch die Deutschen ab. Vor allem die CSU – deren Wähler gerne nach Österreich fahren und dort das „Autobahn-Pickerl“ kaufen müssen und für die Benutzung der Brenner-Autobahn nochmal extra löhnen – hat sich darüber schwarz geärgert. Und mit der Begründung kam wieder ein Versprechen: Das, was er für die Vignette zahle, erhalte der deutsche Autofahrer bei anderen Steuern zurück, er werde keinesfalls mehr belastet.

Auch diese Zusage ist natürlich nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben stand. Denn schon haben andere Nachbarn Deutschlands angekündigt, auch sie wollten – wenn ihre Bürger in Deutschland abkassiert würden – an den Deutschen ebenso handeln. Die Folge: Deutsche Autofahrer müssen, wenn sie in Europa unterwegs sind, mehr zahlen. Auch hierzulande wird es bei dem Versprechen der Kostenneutralität nicht bleiben. Das gelte ja nur für diese Legislaturperiode, meint der Bundesfinanzminister und lässt deshalb für die nächste – also ab 2017 – an einem umfassenden Mautplan arbeiten, der die Autobahnen in die Hand privater Betreiber gibt, die dann wacker Wegezoll vom Autofahrer eintreiben dürfen.

Diese xenophobe, antieuropäische Raubritterei hat der deutsche Autofahrer einer CSU zu verdanken, die ganz offensichtlich auf den thematischen Hund gekommen ist. Anders ist nicht zu erklären, dass sie sich hauptsächlich mit solchem populistischen und bürgerfeindlichen Quatsch wie der Maut oder den Spielzeugautos von Frau Haderthauer beschäftigt und nicht, wie zu Franz Josefs Zeiten, mit den großen Linien der Weltpolitik aus bayerischer Sicht. Aber auch die CDU macht unverdrossen mit, denn – so lautet deren schlichte Begründung – die Sache stehe nun mal im Koalitionsvertrag. Und, so könnte man fortfahren, nachdem die CDU deshalb auch jeden Unsinn der SPD mitgemacht hat, kann sie das der CSU jetzt nicht verwehren. Es gibt eigentlich keinen Unionsabgeordneten, der einem nicht versichert, wie unsinnig er persönlich das Mautprojekt findet, er unterstütze das nur aus Gründen der Koalitionstreue. Selbst die Kanzlerin hält die Maut für eine Schnapsidee und fügt jeder Solidaritätsbekundung in der Sache deshalb den Satz an, über Details müsse man noch reden.

Zu den Details gehört beispielsweise, dass die Autofahrer schon jetzt über Kfz-Steuer und Mineralölsteuer jedes Jahr 53 Milliarden Euro beim Finanzminister abgeben, der aber davon nur 19 Milliarden zurück in die Infrastruktur fließen lässt. Kein Wunder, dass auf diese Weise das deutsche Straßen- und Schienennetz langsam aber sicher verkommt und die Angst vor einem Verkehrsinfarkt wächst. Es fehlen Neubauten im großen Stil für Straße und Schiene, und es fehlt an politischem Mut, solche Großprojekte durchzusetzen. Das einzige, was uns bisher wirklich nicht gefehlt hat, ist der Wegezoll, die Maut, die die Union jetzt von uns haben will.

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt am 11. September 2014)

Der Schuss von der Kanzel

Wenn ein zivilgesellschaftlicher Vorgang mit der Ankündigung konfrontiert wird, nun werde sich „die Politik einschalten“, ist Schlimmstes zu befürchten. Denn „die Politik“ hat die Weisheit bekanntlich auch nicht mit Löffeln gefressen, ihre Protagonisten leben vielmehr davon, Stereotypen volksnah zu verpacken und auch gerne der vermuteten Volksempörung nach dem Munde zu reden.

So auch im Fall des Schützenkönigs Mithat Gedik aus Sönnern in Nordrhein-Westfalen, der als Muslim sozusagen versehentlich in einem Schützenverein Karriere machte, dessen Satzung nur katholische Mitglieder vorsieht. Ein muslimischer König in einem katholischen Schützenverein – das musste sich also als Problem erweisen und wurde von den Verbandsoberen als solches benannt.

Bereits diese Ingredienzien verlocken, zumal im Sommerloch, zu  sofortiger politischer Profilierung in einem Land, das sich dem vornehmlich von Grünen und Linken vorangetriebenen Tugendterror der politischen Korrektheit nur allzu gern ergibt. So meldete sich der nordrhein-westfälische Integrationsminister von der SPD  zu Wort und sprach, hier spiele sich ein “Stück aus dem Tollhaus“ ab, das von „Provinzialität“ zeuge. Selbstverständlich standen die Grünen in nichts nach: Die Landtagsabgeordnete Dagmar Hanses, von Ausbildung Erzieherin, aber dennoch rechtspolitische Sprecherin der Grünen, trat mit der Ansicht hervor, Tradition dürfe nicht als „Totschlag-Argument missbraucht werden, um Mitmenschen auszugrenzen“.  Die Schützen in Sönnern hätten keinen Grund, sich beim Dachverband zu entschuldigen, denn: „Jeder Verein sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden, wen er aufnimmt.“

Mit diesem Satz wiederum kommt Frau Hanses der Lage recht nahe. Denn die Schützen in Sönnern hatten sich per Satzung entschieden, nur Katholiken aufzunehmen und also keine Muslime. Das ist ihr gutes Recht, denn wer immer einen Verein gründet, kann die Abgrenzungen handhaben, wie er will – solange sich der Verein nicht „gegen die verfassungsmäßige Ordnung“ oder „gegen den Gedanken der Völkerverständigung“ richtet (und das ist beim Katholizismus nicht der Fall).

Dieses gute Recht ergibt sich aus Artikel 9 des Grundgesetzes: „Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden“. Die Kriterien dafür können sie auch selbst festlegen und auf diese Weise ihrem Bedürfnis nach Distinktion nachkommen, nach Unterscheidung, nach Abgrenzung.  Die einen gründen Parteien, die auf bestimmten gesellschaftspolitischen Ideen fußen. Die anderen gründen Kirchen, weil sie eine bestimmte Gottesidee haben. Andere tun sich zusammen, weil sie rote Briefmarken oder blaue Porsches sammeln, andere wollen bestimmte Traditionen pflegen, die deutsche Brauchtums-Landschaft ist voll davon.

So ist es also vollkommen selbstverständlich, dass auch Tradition als Argument verwendet werden darf, um Mitmenschen auszugrenzen – nämlich die, die mit dieser Tradition nichts anfangen können oder sie nicht pflegen wollen und einem solchen Verein nicht beitreten möchten. Immer sind es Abgrenzungen und Ausgrenzungen: Die SPD, in der CDU-Mitglieder nichts zu suchen haben; die CDU, die niemanden in ihren Reihen duldet, der zugleich Mitglied der Linken bleiben will; die Gewerkschaften, die keine Arbeitgeber aufnehmen; die islamischen Kulturvereine, deren Kreis sich auf Muslime beschränkt; oder der Zentralrat der Juden in Deutschland, der keine Katholiken als Mitglieder hat.

Das Rauschen im Blätterwald hat im Falle Gedik dem deutschen Empörungsjournalismus wieder alle Ehre gemacht, zumal auch hier wieder eine gegenwärtig gern goutierte Prise Katholizismus-Bashing beizufügen war, konnte man das ganze doch quasi als Schuss von der Kanzel gegen die Muslime deuten. „Alles dreht sich um die Frage: Muss man Christ sein, um in einer Schützenbruderschaft zu schießen?“ fragte der Autor auf Zeit online. Falsch, möchte man sagen, die richtige Frage lautet: „Darf eine Schützenbruderschaft nur Christen als Mitglieder aufnehmen?“. Die Antwort lautet:  Ja, selbstverständlich, genau das darf sie. Und wer als Nichtchrist Schützenbruder werden will, kann das in den vielen tausend anderen Schützenvereinen tun, deren Satzung auf die christliche Tradition nicht abhebt.

 

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt vom 13.8.2014)

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