Europa darf seine Stunde nicht versäumen

Bedeutende Errungenschaften kommen und gehen. Manchmal eröffnen sich die Chancen – aber keiner ergreift sie. Und nicht selten wird eine großartige Gegenwart vertan, weil man sie für selbstverständlich hält und sie nicht sorgsam pflegt.

In dieser Gefahr steht gegenwärtig die Europäische Union. Im Inneren droht sie von Nationalismus zerfressen zu werden, der sich aus primitivem Neid und der Idee einer Volkszugehörigkeit speist, die dem ius sanguinis näher ist als jeder anderen Begründung von Staatsangehörigkeit. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Abschottung sind dann nicht mehr weit. Das kann nicht Sache von Christen sein.

Im Äußeren aber haben Russland und nun auch Amerikas Präsident entdeckt, dass Ihnen eine Europäische Union im Wege sein kann, die einig ist im Handel und ihre Verteidigung gemeinsam organisiert. Deshalb versuchen sie, mit attraktiven bilateralen Abkommen einzelne Staaten herauszubrechen und so die Kraft des Europäischen Verbundes zu zerstören.

Wo bleibt der Aufschrei? Wo bleiben die politischen und auch christlichen Missionare, die von den Kanzeln unserer Zeit den Menschen in Europa davon erzählen, wie schnell die Friedensdividende der europäischen Idee verspielt sein kann?

Einer, der heute diese Gefahr erkennen und sofort die Kanzeln erklimmen würde, ist der große Theologe Romano Guardini, dessen 50. Todestag wir in diesen Monaten gedenken. Vor dem zweiten Weltkrieg machte er, vom Lehrstuhl an der Humboldt-Universität in Berlin und auf den Kanzeln der Hauptstadt, den Nazis die Einvernahme des historischen Jesus in ihre antisemitische Ideologie streitig und focht gegen den ausgrenzenden Faschismus, gegen den Niedergang der Demokratie. Nachdem Kriege setzte er seine Kämpfe für die christliche Freiheit an der Universität München fort, wo sein Lehrstuhl für christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie zu den intellektuell attraktivsten Angeboten der Universität gehörte.

Die Menschen, die ihm, dem Universitätsprediger, sonntags in der meist überfüllten Münchner Ludwigskirche zuhörten, spürten: Da war ein Universalgelehrter, den liturgische und dogmatische Fragen seiner Kirche ebenso umtrieben wie die christlichen Grundlegungen der Gesellschaft, der Politik, der Literatur, der Wissenschaft, der Musik. Guardini redete mit Leidenschaft, er hatte einen feinen Sinn für die Gefährdungen der Menschenwürde. Er konnte die dem Christen auferlegten Pflichten nicht nur nennen, sondern sie in die Anforderungen der Gegenwart transponieren.

In Italien geboren und in Deutschland beruflich etabliert stand Guardini zwischen zwei Nationen, die ihm Heimat gaben. Er überspannte diese Dichotomie mit dem festen Bewusstsein, Europäer zu sein, was ihm nicht nur eine geografische Festlegung gewesen ist. Europäer wollte er auch sein, weil er die gemeinsame christliche und (damit eng verbundene) kulturelle Geschichte Europas für das einzige Fundament hielt, auf dem diese Gemeinsamkeit würde bestehen können.

Wenn nun wieder, in der Folge der großen Flüchtlingsströme, das Andere, das Fremde zum Verkehrten und Bedrohlichen, zum Feindlichen umgedeutet wird und ein Staat wieder Feinde haben kann – dann würde Guardini daran erinnern, wie stark doch die Widerstände gegen solche Vorgänge wie die Bildung einer echten europäischen Gesinnung noch sind und wie viel noch geschehen muss.

So tat er es 1962 in seiner großen Rede „Warum ich Europäer bin“, als er in Brüssel den Praemium Erasmianum erhielt. Guardini wägt darin „Begabungen“ einzelner Erdteile ab und weist Europa mit seinen Erfahrungen großer Erfolge und großen Leides und vor dem Hintergrund des ins Menschliche tief eingreifenden technischen Fortschritts die Aufgabe zu, „Kritik an der Macht“ zu üben.

Er schreibt: „Nicht negative Kritik, weder ängstliche noch reaktionäre; aber ihm sei die Sorge um den Menschen anvertraut, weil es dessen Macht nicht als Gewähr sicherer Triumphe, sondern als Schicksal erlebt, von dem dahinsteht, wohin es führen werde… Europa hat die Idee der Freiheit – des Menschen wie seines Werkes – hervorgebracht; ihm wird es vor allem obliegen, in Sorge um die Menschlichkeit des Menschen, zur Freiheit auch gegenüber seinem eigenen Werk durchzudringen.“

Damit dieses Europa wirklich entstehe, sei es notwendig, „dass jede seiner Nationen ihre Geschichte umdenke; dass sie ihre Vergangenheit auf das Werden dieser großen Lebensgestalt hin verstehe.“ Guardini sah Europas Zukunft in einem die kulturelle Lebensfülle aller Stämme umfassenden Bundestaat, eine Aufgabe, an der das antike Griechenland gescheitert sei, weshalb es in römische Unfreiheit versank. Und er endet seinen Vortrag: „Auch Europa kann seine Stunde versäumen. Das würde bedeuten, dass eine Einung nicht als Schritt in freieres Leben, sondern als ein Absinken in gemeinsame Knechtschaft verwirklicht würde.“

Ein Appell, der aus dem Heute kommt. Es lohnt sich, Guardini auch als großen Europäer wiederzuentdecken.

Doch, ein „Dienstpflicht-Jahr“!

Die Diskussion neuer Ideen verläuft gemeinhin nach einem festen Schema: Zuerst melden sich die Bedenkenträger und erklären, warum das nicht geht. Dann äußern sich einige Verteidiger und erklären, warum die Gegenargumente falsch oder auflösbar sind. Es folgt eine Weile der Ruhe. Erst dann lässt sich eine konstruktive Behandlung des Themas anschließen.

Das hätte der Vorschlag von Annegret Kramp-Kartenbauer, für junge Leute eine einjährige „allgemeine Dienstpflicht“ einzuführen, auch verdient. Denn Dienstpflichten sind keineswegs „letztes Jahrhunderts“, wie sich Dietmar Bartsch von den Linken vernehmen ließ. Auch geht es nicht darum, den Personalnotstand in der Pflege und in der Bundeswehr „auf dem Rücken junger Leute“ zu bekämpfen, wie der SPD-Dauerkommentator Ralf Stegner meint. Erst recht daneben liegt der FDP-Vorsitzende Christian Lindner mit dem kategorischen Satz: „Der Staat des Grundgesetzes ist kein Volkserzieher. Der Staat dient den Menschen und nicht andersherum.“

Aber wer ist der Staat? Der Staat sind wir, die Bürger. Also dienen die Bürger sich selbst, indem sie ihre Gemeinschaft aufrechterhalten, ihre Demokratie verteidigen, ihren Sozialstaat finanzieren, für ihre Freiheit wehrhaft einstehen. Sie müssen sich einbringen. Mit Kommunismus hat das nichts zu tun, aber mit Kommunitarismus, mit einer aktiven solidarischen Gesellschaft.

Viel zu lange haben wir die Vorstellung von einem Sozialstaat genährt, der uns alles serviert, der uns Amme und Vormund zugleich ist, der dauerhaft leistet, ohne dass wir zu leisten hätten. Viele sind darüber unmündig geworden und haben vergessen, dass es für jeden Bürger nicht nur Bezugsrechte, sondern eben auch Pflichten gibt und dass es sogar zumutbar ist, zuerst einmal sich selbst helfen zu müssen und erst dann die Hilfe anderer einfordern zu können.

Das gilt auch für unser Militär. Erst einmal sind wir selbst zuständig für die Landesverteidigung am Boden, in der Luft, zu Wasser und im Cyber-Raum. Wir zuerst müssen vorbereitet sein, ein Territorium und seine Infrastruktur zu verteidigen, aber eben auch unsere Freiheit und unsere Demokratie. Erst wenn wir ausreichend vorbereitet sind, kann man auch andere bitten, im Rahmen der NATO.

Der Dienst in der Bundeswehr ist also ein Dienst an der Gemeinschaft. Er kann gar nicht hoch genug geachtet werden. Daher verdient es die Truppe, verteidigt zu werden gegen Unterstellungen aus so genannten pazifistischen Kreisen, sie sei ein bellizistisches Instrument, fördere den Krieg und verhindere den Frieden. Das Gegenteil ist der Fall, wie die Geschichte der letzten 70 Jahre lehrt: Das Wissen, dass andere auch bewaffnet sind, hat den Frieden erhalten. Deshalb ist die Bundeswehr auch ein attraktiver Ort für ein Jahr der „allgemeinen Dienstpflicht“, das Interesse wecken kann für die Bundeswehr als Arbeitgeber. Hier wäre ein starkes Wort der Kanzlerin, etwa in ihrer wöchentlichen Videobotschaft,für die Bundeswehr eine verdiente Rückendeckung.

Atomwaffen für Deutschland?

Dem 70. Jahrestag ihres Bestehens im kommenden Jahr muss die Nato mit Bangen entgegensehen. Denn es scheint sich unter den Mitgliedern die Einigkeit aufzulösen, die „Freiheit, das gemeinsame Erbe und die Zivilisation der Völker, die auf den Grundsätzen der Demokratie, der Freiheit der Person und der Herrschaft des Rechts beruhen“, notfalls gemeinsam zu verteidigen. So aber sieht es Artikel 5 vor: „Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird“, also gemeinsam militärisch reagieren.

US-Präsident Trump sieht die USA da nicht mehr zwingend in der Pflicht. Montenegro beispielsweise wäre ihm einen Waffeneinsatz nicht wert. Und ob er irgendein anderes Land in einem Europa, das er für den USA feindlich gesonnen hält, verteidigen würde, muss offen bleiben. Verlassen können wir uns darauf nicht mehr, zwischen Lippenbekenntnissen und echter Überzeugung kann man bei Trump nicht mehr unterscheiden.

Der Politologe Christian Hacke hat nun einmal die Folgen durchdekliniert, die das explizit für die Bundesrepublik haben muss. Wenn Amerika uns den Schutz des amerikanischen Atomschirms entzieht, werden Frankreich oder Großbritannien kaum in die Bresche springen, wenn wir selbst entsprechende Anstrengungen nicht zeigen. Das heißt: Wir müssen auch selbst Atomwaffen produzieren, um glaubwürdige Abschreckung bieten zu können. Gelagert sind solche Waffen auf deutschem Boden ohnehin schon.

Die Notwendigkeit einer solchen neuen Selbstverteidigungs-Doktrin stellt eine weitere Konsequenz des Prozesses des Erwachsenwerdens dar, den die Bundesrepublik auf allen Feldern durchlebt. Die Zeit nach 1989 hat uns nicht nur großen nationalen Gewinn gebracht, sondern eben auch neue Pflichten. Immer deutlicher wird, dass das Ausmaß unseres internationalen diplomatischen Einflusses, auf den wir so viel Wert legen, direkt proportional von unserer Hard-Power abhängt, also von Wirtschaftskraft und unseren militärischen Fähigkeiten zu Land, zu Wasser, in der Luft und in der neuen Waffengattung Cyber-War.

Eine solche Analyse ist gegenwärtig unbequem, außenpolitisch brisant, koalitionspolitisch prekär, politisch unkorrekt, finanziell folgenreich und wird deshalb beschwiegen. Aber geführt werden muss die Debatte dennoch in einem erwachsenen Deutschland, und für den Anstoß dazu muss man dem Politologen Hacke dankbar sein.

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