Wiederkehr der Werte?

Es scheint wie eine Zeitenwende. Die Publizistik, von linksliberal bis konservativ, ergötzt sich an der „neuen Lust am Bürgerlichen“, sie diagnostiziert eine „Renaissance des Bürgertums“. Mehr noch: Sie stützt sie. Dabei ist es noch nicht lange her, dass die Protagonisten des Zeitgeistes die Begriffe und die Formen, die sich mit dem Bürgertum gemeinhin verbinden, als Relikte empfanden einer untergegangenen Zeit, aus einem spießigen Nachkriegsdeutschland, wenn nicht gar aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts.

Das lag auch an der Erstarrung des Bürgertums selbst: Häufig wurden Werte durch Formen ersetzt, ein maskenhaftes Tugendspiel gab dem Verdacht einer grundständigen Doppelmoral eines Bürgertums Nahrung, das eher „Geld, Gasthöfe und galonierte Diener“ (Theodor Fontane) im Auge hatte als die disziplinierte Arbeit am Gemeinwesen. Seit man bei Thomas Mann vom Niedergang des Senators Thomas Buddenbrook gelesen hatte, wollte dieser Verdacht auch nicht mehr schwinden. Zudem hatte der Missbrauch des Bürgertums für die Zwecke des Nationalsozialismus und dessen Willigkeit, sich dafür auch einspannen zu lassen, die Reputation des Begriffs und der damit verbundenen Haltungen geschmälert. 

Eine zweite Ursache kam hinzu. Ob Gemeinsinn oder Eigenverantwortung, ob Ehrlichkeit oder Selbstdisziplin, ob Fleiß, Loyalität oder Familiensinn: Tugenden wie diese wurden in den siebziger Jahren verdächtigt, der ungehinderten Selbstverwirklichung in einer von Leistungszwängen befreiten Gesellschaft im Wege zu stehen. Wer auf Familienförderung drängte, galt als Störer im großen Emanzipationsprojekt der 68er-Generation. Die Prägung junger Menschen in Deutschland mit solchem Zeitgeist gelang nicht zuletzt deshalb, weil die Vertreter dieser libertinären Ideen in deutschen Redaktionsstuben an führender Stelle Platz genommen hatten.

Der Misserfolg eines solchen Gesellschaftsentwurf wurde nicht sofort sichtbar, weil die Staatskassen noch leidlich gefüllt, der Konkurrenzdruck für unsere Wirtschaft überschaubar und manche Konsequenzen erst über Generationen absehbar waren. Heute unternehmen wir den Versuch, die Scherben zusammenzukehren.

Wir haben beispielsweise bemerkt, dass das Programm von Individualität durch Bindungslosigkeit die Familie als Keimzelle der Gesellschaft zerstören half. Die unvermeidliche Konsequenz war die Kinderarmut, die wir heute nicht nur beklagen, sondern auch in ihren ökonomischen Folgen drastisch erleben. Sie hat unsere Renten- und Pflegeversicherung in eine prekäre Situation gebracht, sie mindert die Aussichten Deutschlands, im internationalen technologischen Wettbewerb mitzuhalten, sie sorgt für eine Entleerung ganzer Regionen in Deutschland und eine Neuverteilung der Wachstumschancen auf wenige Ballungszentren.

Es ist vor allem der materielle Egoismus als Grundinstinkt, der nun wieder Vernunft einkehren lässt. Die schiere Aussicht auf eine magere persönliche Rente, auf sinkende Staatszuschüsse an allen Stellen löst nun weithin Zweifel an bisher gelebten Überzeugungen aus. Das neue Projekt heißt, alle Mittel zu ergreifen, die geeignet sein könnten, den Sozialstaat in seinen Wurzeln zu sanieren.

Zu diesen Mitteln zählen alle Formen und Werte der Bürgerlichkeit. Familie? Jetzt wieder hochwillkommen, die Parteien überbieten sich mit Vorschlägen zu einer Förderkulisse, deren Ziel, kaum noch verbrämt, intensive Bevölkerungspolitik ist. Fleiß? Wenn auch die Gewerkschaften aus eigenem Machtkalkül den Weg noch zu hemmen suchen, so ist den Arbeitnehmern doch mittlerweile klar, dass sie die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes vor allem dadurch verbessern können, dass sie für das gleiche Geld mehr arbeiten – vorbei die Träume der Vergangenheit, man könne mit weniger Arbeit bei gleichem Lohn ein ganzes Volk vollbeschäftigt halten. Schon immer wurde Sozialromantik durch einfache wirtschaftstheoretische Zusammenhänge eingeholt. Eigenverantwortung, Sparsamkeit? Sie kommen in dem Maße ins Bild, als sich kein anderer mehr findet, der sich – wie etwa der Staat – aus übervollen Kassen zur Hilfeleistung bereiterklärt.

In dieses Spektrum zählt auch die Religion. Kirchen konnten, wenn sie sich nicht unmittelbar dem Zeitgeist unterwarfen und sich ihm damit als dienlich erwiesen, früher nicht auf publizistische Förderung hoffen. Auch der Umstand, dass die große Mehrheit der Deutschen „eingeschriebene“ Christen sind – 52 Millionen nämlich – konnte daran nicht viel ändern. Erst die Erkenntnis, dass die großen internationalen Konflikte der Gegenwart nicht zuerst von territorialen Konflikten beherrscht werden, sondern aus einer offenkundig gewordenen Kluft der Kulturen herrühren, die sich in der Globalisierung näher denn je gekommen sind – erst diese Erkenntnis hat es wieder angeraten erscheinen lassen, sich mit Religionen respektvoll zu befassen und ihnen den angemessenen Rang einzuräumen.

Das Signal zur Wende in der öffentlichen Debatte hat dabei Jürgen Habermas gegeben, als er die republikanische Gesinnung in modernen Gesellschaften nicht mehr selbstverständlich verankert sah. Er sprach von der „entgleisenden Modernisierung der Gesellschaft“, ursächlich durch einen ungezügelten Globalisierungsprozess, der Entscheidungsebenen zerstöre und einen entmutigenden Funktionsverlust einer demokratischen Meinungs- und Willensbildung schaffe. Auch schwinde die Hoffnung auf die politische Gestaltungskraft der internationalen Gemeinschaft und fördere die Tendenz zur Entpolitisierung der Bürger.

In einem Streitgespräch mit dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger 2003 in München schloß Habermas: „Die weltanschauliche Neutralität der Staatsgewalt, die gleiche ethische Freiheiten für jeden Bürger garantiert, ist unvereinbar mit der politischen Verallgemeinerung einer säkularistischen Weltsicht. Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich guten Glaubens an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine uns allen öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen.“

Damit war auch dem letzten religionskritischen Skeptiker bedeutet, dass der Dialog mit den Religionen, ihr Einbezug in die gesellschaftspolitische Debatte den Fortbestand einer Gesellschaft deswegen fundamentiert, weil sie ihre Moral im vorpolitischen Raum bildet, etwa in religiösen Gemeinschaften. Heute – nach dem Jahr der Päpste, dem Weltjugendtag oder auch der Weihe der Dresdner Frauenkirche – scheint uns die Wiedergewinnung eines religiösen christlichen Selbstbewusstseins nicht nur zeitgemäß, sondern es erscheint auch unumgänglich in den Auseinandersetzungen mit Teilen des Islam um das Maß der Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft.

Kehren die bürgerlichen Werte zurück? Haben Demut und Anstand, Anständigkeit und Verlässlichkeit, Pflichterfüllung und Fleiß, haben Familie und Religion eine große Zukunft vor sich? Sicher ist, dass unsere Probleme einen vernunftgemäßen Umgang mit diesen Tugenden, diesen Werten, ihren Lebensentwürfen befördert haben. Es zeichnet den rationalen, aufgeklärten Menschen aus, dass er ernsthafte Zeiten heraufkommen sieht und sich auf sie einzustellen versteht und er unter Druck Selbstbehauptungswillen entwickelt. Vor dieser Chance stehen wir – und es ist unser aller Einsatz wert, sie zu nutzen.

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