Eine Innere Mission für Deutschland

Weihnachten, so viel haben sich die Deutschen gemerkt, ist ein christliches Fest. Damit verbunden hat sich eine Tradition des Dankes, die das vergehende Jahr resümiert und mit Grußkarten und Geschenken Zeichen für solche Dankbarkeit setzt. Es ist Zeit für innere Einkehr, und die begeht man am besten in der Kirche.

Auch in diesem Jahr waren die Weihnachtsgottesdienste voll. „Stille Nacht, heilige Nacht“ singt man ungern alleine, und so stehen sie alle eng an eng, erinnern sich an die eigene mystische Kindheitsweihnacht und man möchte, dass auch die eigenen Kinder in dieser Tradition aufwachsen. So könnte der Blick in die vollen Gotteshäuser zum gedanklichen Schluss verleiten: den Kirchen geht es gut.

In Wahrheit ist das nicht der Fall. Zwar fehlt es, der guten Konjunktur wegen, nicht an Kirchensteuern, aber es fehlt zunehmend an Gläubigen. Die Austrittszahlen sind kontinuierlich hoch, die Menschen fühlen sich zwar als Christen, können aber mit der Organisation Kirche offenbar immer weniger anfangen. Die Überzeugung verbreitet sich, man könne auch ohne die Mitgliedschaft in einer Kirche ein guter Christ sein.

Tatsächlich ist die Kirchensteuer eine segensreiche Einrichtung, sie ist der Tribut des deutschen Christen für das breite soziale und kulturelle Engagement der Kirchen in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und vielen sozialen und caritativen Einrichtungen hierzulande und in anderen Ländern. So trägt diese Steuer dazu bei, dass diese Welt ein wenig humaner, gerechter und empathischer ist.

Aber klar ist auch: Die Kirchensteuer ist keine notwendige Bedingung des Christseins. Vielmehr ist es der Glaube, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. Es ist die Überzeugung, dass nicht der Mensch Herr des Geschehens ist, sondern es einen übergeordneten Grund für zwingende Bescheidenheit gibt, einen Gott, der frei macht von irdischem Zwang. Und viele andere Gründe mehr.

Die Kirchen aber können diese Botschaft nicht in der Breite vermitteln. Das liegt an überlieferten Formen, an alten Traditionen, an der Weigerung mancher Ober-Hirten, die Lebenswirklichkeit auch für die kirchliche Seelsorge und ihre Dogmen zu akzeptieren. Die Erneuerung der christlichen Kirche, zumal der katholischen, geht nur schleppend voran. Der gegenwärtige Papst bemüht sich, aber sein „Aggiornamento“ wird torpediert von vergreisten Kardinälen wie dem ehemaligen Bischof von Köln, die – solange es ihnen ideologisch passte – Gehorsam gegenüber dem Papst verlangten, nun ihn aber selbst verweigern.

Das zeigt schon: Die Kirchen haben ein Personalproblem, das sich kontinuierlich verschärft. Noch gibt es Pastoren, die sind mit Feuereifer Seelsorger. Sie können mit Begeisterung von der freiheitsstiftenden Wirkung des Christentums predigen. Sie sind bei den Menschen vor Ort. Aber ihre Zahl nimmt ab, die Finanzierung ausreichenden Personals ist mangelhaft, Pfarrer- und Kantorenstellen (ja, von Gott muss man auch singen) werden gestrichen oder reduziert, Gotteslob auf Dreiviertelstelle und ohne Orgelklang. Das verbleibende Pfarrpersonal ist überlastet, was die Attraktivität des Berufs mindert. Nicht mehr die besten einer Familie gehen in den Dienst Gottes, sondern viele, die das Priesteramt für eine Therapie ihrer eigenen Probleme halten. Die Qualität sinkt, die Quantität auch.

Das ist ein Teufelskreis: Weniger Pastoren und Priester, weniger persönliche Berührung. Der Pfarrer von heute ist nicht mehr Teil der kommunalen Kulisse in Vereinen oder am Stammtisch, sondern ist hochmobil, er eilt durch die Gemeinden seines „Pfarrverbandes“ von Gottesdienst zu Gottesdienst. Für Jugendarbeit bleibt wenig Zeit. Wenn aber die persönliche Ansprache und das kirchliche Vorfeld einer Gesellschaft fehlen, wird der Nutzen einer Kirchenmitgliedschaft nicht mehr erkannt.

Dabei wäre das Feld für eine neue große Kampagne der „Inneren Mission“ in Deutschland bereitet. Die Menschen suchen in oft obskuren Angeboten nach Lebenssinn. Sie wollen Christen sein, wissen aber nicht, wie. Gemeinde und Gemeinschaft, die Substrat des christlichen Miteinanders sind, wären für sie Therapie. Und wenn einer mit der frohen Botschaft an der Tür klingelt, dann kommt er von den Zeugen Jehovas. Und wenn auf den Straßen von Gott geredet wird, dann stehen da Salafisten und verteilen den Koran.

Eine neue Innere Mission mit großem Einsatz ist also dringlich, wenn das Christentum sich behaupten will. Diese Botschaft aber ist in den Ämtern der Kirche noch nicht angekommen. Noch lebt es sich ja bequem. Das wird sich rasch ändern, und so wird es notwendig, in beiden Kirchen beim Personal an der Front aufzurüsten und das Geld dorthin umzuverteilen. Für die katholische Kirche stellen sich weitergehende Fragen: Warum müssen dort Priester unverheiratet sein? Warum wird Frauen der Zugang zum Priesterberuf verwehrt? Die Lehre aus allem ist: Die Kirchenhierarchen müssen sich ändern, dann ändern sich auch die zweifelnd Gläubigen. Nicht umgekehrt.

Von Ängsten und Tatsachen

Es gibt Grund zu der Annahme, dass der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz ein Ausländer ist. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, dass er mit einem Flüchtlingsausweis in Deutschland lebte, geduldet. Wenn es wo wäre: Was folgt daraus, und was nicht?

Was nicht daraus folgt, ist die Unterstellung, dass deswegen alle Migranten potentielle Terroristen sind. Da die meisten Morde hierzulande von Deutschen verübt werden, würden wir eine solche Verallgemeinerung auch nicht für alle anderen Deutsche zulassen. Wenn ein Münchner einen Mord begeht, dann sind deshalb noch längst nicht alle Münchner potentielle Mörder. Weil Anders Breivik 2012 in Oslo 77 junge Menschen ermordete, ist nicht der Rückschluss möglich: Alle Norweger sind gefährlich, man darf sie nicht mehr ins Land lassen. Die Amokläufer von Winnenden und Erfurt waren Deutsche, die RAF-Terroristen auch. Und auch sonst gilt: Von persönlichen Attributen eines Täters auf eine Mitschuld seiner soziologischen, religiösen, ethnischen oder geografischen Herkunftsgruppe zu schließen, ist logisch unstatthaft, schäbig und absichtsvoll demagogisch. Unser Strafrecht kennt keine Sippenhaft.

Auch ermöglicht die Annahme, der Täter von Berlin sei als Flüchtling gekommen, nicht die Feststellung, ohne den Einwandererstrom von 2015 wäre das nicht passiert. Das „Zwillingsattentat“ von Berlin, nämlich der mit einem Lastwagen begangene Massenmord in Nizza, wurde von einem Mann ausgeführt, der zuvor schon 13 Jahre in Frankreich gelebt hatte. Auch die Täter von Brüssel und Paris waren nicht frische Einwanderer, die irgendein Premierminister ins Land „eingeladen“ hatte.

Aus all dem folgt: Unter die vielen guten Gründe, die es für eine scharfe Begrenzung und Kontrolle des Zuzugs nach Deutschland gibt, kann man eine steigende Gefahr für Anschläge nicht einordnen. Wer Anschläge ausführen will, der findet seine Wege. Das war immer so, die Geschichte ist voll von politischen Attentaten in aller Welt, auch in Deutschland, auch in den letzten 50 Jahren.

Was also hilft, wenn es objektiv wirksame, einfache Rezepte nicht gibt? Das erste: Unsere Sicherheitskräfte sind zu schwach. Wenn es stimmt, dass der gesuchte Tatverdächtige von Berlin ein vorbestrafter Mann mit erkanntem Gefährderpotential war, der unter Beobachtung der Polizei stehen sollte und er dieser Beobachtung entwischt ist, dann ist das ein objektiver Skandal. Aber Politik muss auch auf die subjektiven Ängste reagieren. Die Polizeipräsenz ist in den Städten und auch den ländlichen Regionen Deutschlands auf ein nicht (mehr) akzeptables Maß heruntergefahren worden. Das machen sich mit objektiv steigenden Zahlen Einbrecherbanden zunutze, auf die endlich eine Antwort der Sicherheitsbehörden gefunden werden muss.

Zudem muss der Kontrollverlust an deutschen und europäischen Grenzen beendet und seine im letzten Jahr aufgetretenen verheerenden Folgen aufgearbeitet werden. Beides bedeutet: Sehr vielmehr Personal und eine sehr viel bessere Ausstattung für die Sicherheitskräfte. Das ist viel entscheidender für Deutschland, als viele sozialpolitische Töpfchen wahlkampfgezielt mit zusätzlichem Steuergeld zu füllen.

Provokationen im Wahlkampfjahr

Ein paar Weihnachtstage noch, dann wird der Wahlkampf über Deutschland hereinbrechen. Es geht um viel. Denn die Weltlage hat sich nicht zugunsten unseres Landes verändert, nachdem der nächste US-Präsident der Europäischen Union keine geopolitische Bedeutung mehr zumisst und seine Geschäfte lieber direkt mit Russland und China machen will. In dieser Lage wäre die Stärkung der Europäischen Union, die nun ihre Verteidigungsausgaben weitgehend selbst finanzieren muss, der nächstliegende Gedanke. Der aber hat nicht nur Freunde, und die Gegner sitzen bei den rüstungsaversen Linken und Grünen ebenso wie bei der rechten AfD.

Auch die innere Sicherheit lässt sich emotional besetzen: Angst schüren, verallgemeinern, behaupten, die Opfer des Berliner Anschlags seien „Merkels Tote“ – die AfD gibt mit solcher schäbigen intellektuellen Unredlichkeit und ihrem Sippenhaft-Gerede einen Vorgeschmack auf das, was sie vorhat.

Es käme also darauf an, einen Wahlkampf der sachlichen Auseinandersetzung zu führen, die Probleme sind ernst. Zu befürchten ist freilich das Gegenteil. Die AfD hat soeben angekündigt, ihre Kampagne mit „sorgfältig geplanten Provokationen“ zu führen und damit die Angstthemen der Deutschen zu besetzen. Damit sich das politisch auszahlt, hofft sie auf Entrüstungsstürme, je stärker die ausfallen, „desto positiver ist das für das Profil der Partei“. So steht es in einem eben verabschiedeten Strategiepapier.

Zu diesem politischen Effekt braucht die AfD die Medien. Sie konnte sich da bisher schon vor allem auf die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender verlassen: jede Provokation ergibt ein Thema, mit dem dann eine Talkshow besetzt wird – und ein Vertreter der AfD sitzt dann am Tisch. Andere kleine Parteien wie die FDP, die das politische Geschäft noch als ernsthaftes Erarbeiten von Lösungen begreifen und nicht nur das emotionale Beschreiben von Ängsten, haben da wenig Chancen auf Einladung.

Das folgt einer oberflächlichen Einladungsroutine der Talkshow – Redaktionen, die da heißt: einer rechts, einer aus der Mitte, ein Linker – und ein Provokateur, damit Leben in die Bude kommt. Meist heißt das: ein Unionspolitiker, einer von der SPD, jemand von den Linken (möglichst Sarah Wagenknecht) und eben auch die AfD. Die FDP fällt (wenn sie nicht, wie gelegentlich Herr Kubicki, den Provokateur abgibt) hinten runter.

Auch aus einem anderen Grunde sind Provokationen bei den Medien beliebt: sie haben das Zeug zum skandalösen Konflikt, versprechen damit Seriencharakter, einen Sieger und einen Besiegten und damit Emotionen. Emotion aber ist die Währung des Fernsehens und seiner Bilder, es gewinnt, wer es versteht, Botschaft, emotional wirkungsvollen Botschafter und zu Herzen gehende Bilder miteinander zu verbinden.

ARD und ZDF sollten folgende Fragen auf ihre interne Tagesordnung setzen: Wie vermeiden wir es, in die Provokationsfallen des Wahlkampfes zu tappen? Mit anderen Worten: Wie bleiben wir seriös? Die Antwort wird wahlentscheidend sein, und das zahlende Publikum hat ein Recht darauf, diese Antwort zu erfahren.

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