Wissenschaft nimmt Angst

Politische Entscheidungen sind in einer komplexen Welt nicht leicht zu treffen. Politiker müssen sich dabei nicht nur auf eine gute Bildung und einen politischen „Überblick“ verlassen, sondern auch auf die Wissenschaft. Sie nennt ihnen den letzten Stand der Erkenntnis, sie fügt alles verfügbare Wissen zusammen.

Was Lebensmittel, Stoffe und Produkte für Verbraucher anlangt, gibt es dafür seit genau 15 Jahren das „Bundeinstitut für Risikobewertung“ in Berlin. Sein Auftrag ist, den gesundheitlichen Verbraucherschutz durch einen wissenschaftlichen, forschungsgestützten Ansatz sicherzustellen. Es führt dazu eigene Studien durch und verfügt darüber hinaus über einen umfassenden Überblick über alle einschlägigen wissenschaftlichen Forschungen. Hier ist der Politiker also bestens bedient, wenn er Rat sucht.

Manche Politiker aber suchen keinen Rat, weil sie sich ihre ideologischen Weltbilder nicht durch sachliche Argumente zerstören lassen wollen. Der Streit um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist dafür ein gutes Beispiel. Die Wissenschaftler des BfR haben alle Studien dazu ausgewertet und kommen „nach Prüfung aller bislang vorliegenden Studien, Dokumente und Veröffentlichungen einschließlich der Glyphosat-Monographie der Internationalen Agentur für Krebsforschung der WHO (IARC) zu dem Ergebnis, dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten ist.“ Klarer kann man es nicht sagen.

Warum die WHO-Agentur IARC zu einem anderen Schluss kommt, verwundert auch das BfR: „Die IARC führt als entscheidende Belege für eine wahrscheinlich kanzerogene Wirkung („sufficient evidence“) dieses Pestizidwirkstoffes tierexperimentelle Studien der Industrie mit dem Wirkstoff Glyphosat an. Diese Studien lagen der IARC nicht im Original vor. Alle zuständigen Behörden, die diese Studien im Original vorliegen hatten, kamen zu dem Schluss, dass sich daraus kein kanzerogenes Risiko für den Menschen ableiten lässt.“

Mit anderen Worten: Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt hat vollkommen zu Recht und geradezu pflichtgemäß in Brüssel der weiteren Zulassung des Unkrautvernichters zugestimmt – jedenfalls, was das angebliche Krebsrisiko angeht. Er hat sich denen fachlich korrekt in den Weg gestellt, die mit Angstmacherei eine ganz andere Agenda verfolgen: Die Zerstörung der industriellen Landwirtschaft zugunsten des weniger scharf kontrollierten ökologischen Landbaus.

Dem BfR kann man zum Geburtstag nur gratulieren und ihm zugleich raten, seine Arbeit offensiver öffentlich zu machen. Es gibt viele Interessenten, die wissenschaftliche Ergebnisse lieber totschweigen möchten, weil sie ihnen die Erfolge ihrer Panikmache vergällt. Und für Verbraucher lohnt sich unbedingt der Blick auf www.bfr.bund.de, sie werden dort zu allen Verbraucher-Themen breit fündig.

Keiner müsste dürsten

Dass Menschen hungern und dürsten müssen, zählt zu den großen Ungerechtigkeiten unserer Zeit. Das Problem wiegt umso schwerer, als für alle genug da wäre – wenn man mit unseren Nahrungs- und Wasserressourcen nur ideenreich, sparsam und verantwortlich umginge.

Daran aber fehlt es. In Afrika und anderswo herrschen unfähige Regierungen, die eine verlässliche Infrastruktur nicht zustande bringen. Schlimmer noch: Viele sind korrupt, und sie haben das knappe Wasser als private Einnahmequelle entdeckt. Wer genug zahlen kann, bekommt Anschluss.

Dabei geht es nicht nur um das tägliche Quantum Trinkwasser, zwei oder drei Liter pro Kopf. Den größten Wasserdurst haben die Pflanzen, die zur Ernährung der Menschen oder die Erzeugung von Grünfutter für die Viehzucht aufgewendet werden. Für ein Kilo Rindfleisch werden 16 000 Liter Wasser verbraucht, für ein Kilo Weizen immerhin noch 800 Liter. 99 Prozent unserer Wasserressourcen werden von Pflanzen konsumiert. Oder, anders berechnet: Der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch an Wasser liegt – je nach Fleischhunger – bei 2500 bis 5000 Liter.

Würde man mit dem vorhandenen Wasser sorgfältig umgehen, ließe sich das Problem entschärfen. Gegenwärtig aber laufen 97 Prozent des Regenwassers ungenutzt in die Ozeane. Vorhandene Trinkwasserreserven werden oft durch mangelnde Infrastruktur verschmutzt und dadurch unbrauchbar. Errichtete Brunnenanlagen verfallen mangels Wartung. Beispiel Indien: Dort erzeugen die wichtigsten Städte täglich 38 Milliarden Liter Abwasser, aber nur 30 Prozent davon landen in einer geordneten Kanalisation – der Rest verschmutzt die Umwelt, insbesondere die Flüsse.

Gibt es Hoffnung? Ja, sie liegt vor allem in technologischen Entwicklungen, von denen man früher nur zu träumen wagte. So lassen sich effiziente Meerwasser-Entsalzungsanlagen in großem Stil betreiben, wie es sie bereits in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in Saudi-Arabien gibt, aber beispielsweise auch auf der Nordseeinsel Helgoland, die ihr Trinkwasser aus einer solchen Anlage bezieht. Voraussetzung ist eine ausreichende Energiequelle: Pro Kubikmeter Wasser braucht man eine Kilowattstunde Strom. Wo also durch Wind oder Sonne ausreichend Strom erzeugt werden kann, sind solche Anlagen gut zu betreiben, über Pipelines ließe sich das Wasser weit transportieren.

Nimmt man alles zusammen: Wassersparsamkeit, intelligente Bewässerung, optimierte Regenwassernutzung, strukturiertes Abwasser-Management, Wasserfilterung und Meerwasser-Entsalzung: Die Welt hätte kein Wasserproblem mehr. Das Problem ist also nicht die Technik, sondern die Melange aus Unfähigkeit und Korruption, die weite Teile der Welt leider noch beherrscht.

Dauerempörte Politiker

Empörung, das spüren wir jeden Tag, ist die Währung, in der sich politische Haltung am schnellsten auszahlt. Empörung ist wütend, sie ist schrill – und findet so am schnellsten den Weg in die für Lautstärke aufnahmebereiten Medien. Sie ist leichter zitierbar als jede differenzierte Auseinandersetzung mit Geschehnissen. Und so haben auch jetzt die Empörten die Nachrichten dominiert, als Siemens aus nachvollziehbareen Gründen die Schließung von drei deutschen Werken im Bereich der Turbinen- und der Dynamofertigung ankündigte, weil sich die Sache nicht mehr lohnt. 3000 Arbeitnehmer verlieren dort ihre Jobs.

Wie tragisch das wirklich ist, muss sich erst erweisen. Denn es ist geradezu unternehmerische Pflicht, sich von Produkten zu trennen, die sich im internationalen Wettbewerb nicht mehr rechnen. Die Ursachen dafür liegen in unterschiedlichen Fertigungskosten, oft aber auch in politischen Entscheidungen, an denen nicht selten genau jene Politiker beteiligt waren, denen die Empörung im Gesicht geschrieben steht, wenn andere die Konsequenzen aus diesen Entscheidungen ziehen.

Wenn also der Ausstieg aus der Kernenergie verfügt wird, darf man sich nicht wundern, wenn die Produktion dieser Technologien beendet wird und die Fachkräfte arbeitslos werden. Wer den Kohleausstieg ankündigt, darf sich nicht über die Stilllegung von Kraftwerksfabriken beklagen. Wenn man die Löhne nach oben treibt – etwa den Mindestlohn – werden manche Fertigungen hierzulande einfach unprofitabel. Kurz: Solche Entscheidungen haben einen Preis, zu dem man als Politiker dann ebenso öffentlich stehen muss wie zu den Folgen des von allen gewollten internationalen Wettbewerbs.

Die andere Seite ist ja: Der Strukturwandel kreiert ständig neue Arbeitsplätze, auch für Entlassenen aus Görlitz, Erfurt und Berlin. Neue Technologien bieten große Zukunftschancen. Sie zu befördern ist vornehmste Aufgabe der Politik, vor allem durch eine exzellente und leistungsorientierte Schulpolitik (an der es in Teilen Deutschlands fehlt), hervorragend ausgestattete Universitäten (die Deutschlands leider nicht in ganzer Breite aufweisen kann) und eine innovative und finanziell kraftvolle Forschungspolitik (die auch verbesserungsbedürftig ist).

Der Ort eines Politikers ist also dort, wo er einen schnellen und chancenwahrenden Strukturwandel unterstützen kann – und nicht in den ersten Reihen der Protestmärsche gegen solche Unternehmen, die die notwendigen Folgen aus dem Strukturwandel ziehen.

Dass die meisten Journalisten wirtschaftssystem-kritisch sind, ist schlimm genug. Dass auch Politiker Eigentümer- und Auftragsunternehmer, Unternehmen und Konzerne für eher menschenfeindlich halten und sie diskreditieren, ist unverzeihlich. Denn nur die raschen Anpassungs-Entscheidungen unserer Wirtschaft sichern deren Wohlergehen und damit die Steuereinnahmen, mit denen unsere Politiker so gerne und ausgabenfreudig spielen.

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