Mehr Geld für die Grundschulen

Es gibt wissenschaftliche Studien, die politische Sprengkraft haben. Solche aus dem Bereich Bildungsforschung zählen dazu. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kultusministerkonferenz mit der Veröffentlichung des neuen Bildungs-Qualitäts-Vergleichs Grundschulen bis zum letzten Werktag dieser Woche gewartet hat. Der Gedanke: Bloß kein Material mehr liefern für den laufenden Wahlkampf in Niedersachsen.

Denn Niedersachsen schneidet im Bildungsvergleich zwischen 2016 und 2011 besonders schlecht ab. Für die Schulpolitik der rot-grünen Landespolitik ist das ein einziger Offenbarungseid: Ob in Deutsch beim Lesen, beim Zuhören oder der Orthografie, oder in der Mathematik: die Veränderungen sind negativ, die Leistungen schlechter.

Erklärungen sind immer schnell zur Hand: Zum einen sei der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund gestiegen, zum anderen habe die Inklusion das Leistungsniveau in den Grundschulen nach unten gezogen. Das freilich sind alles nur Ausreden. Denn in einer ganzen Reihe von Bundesländern haben sich solche Faktoren nicht dermaßen negativ niedergeschlagen wie in Niedersachsen, obwohl sie oft viel stärker mit Migranten zu tun haben: Hamburg etwa, dessen Schulen unter dem SPD-Schulsenator Ties Rabe in ihrer Leistungsfähigkeit gar angezogen haben. Bayern, Brandenburg, Sachsen, das Saarland und auch Schleswig-Holstein schneiden ebenfalls wesentlich besser ab als Niedersachsen, nimmt man alles in allem.

Also muss es noch andere Gründe als die genannten geben. Der Hauptgrund ist die finanzielle Vernachlässigung der Grundschulen. Das betrifft das Personal: Der Grundschullehrer hat mittlerweile sehr viel mehr gesellschaftliche Reparaturarbeit an den Kindern zu leisten als jeder Gymnasiallehrer, wird aber deutlich schlechter bezahlt. Deshalb gibt es zu wenige davon. Hinzu kommt: Grundschullehrer werden von allen Seiten unter Druck gesetzt, von oben durch immer neue Vorschriften und Anforderungen (dazu zählt die ideologisch aufgepfropfte Inklusion) gegängelt, von den Eltern zugleich, die die bildungsmäßige Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen, aber von den Grundschullehrern anschließend die Gymnasialempfehlung für die Kinder verlangen.

Hinzu kommt vor allem in „grünen“ Bildungsministerien eine ideologiebesetzte Pädagogik, die die Leistungsanforderungen klein schreibt und schon das individuelle Bemühen mit guten Noten belohnen will. Aus solchem Ansatz wird natürlich kein belastbares Wissen, auf dem sich sichere Bildung aufbauen lässt.

Wie sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann, bei der Vorstellung der Studie? „Die Länder werden die große Stärke des Bildungsföderalismus nutzen, im Wettbewerb der Ideen voneinander zu lernen.“ Dafür hätten sie längst Zeit gehabt, es würde helfen, aber nicht reichen. Die wichtigste Lehre wäre, mehr Personal und Geld in die Grundschulen zu stecken und wieder klare Leistungsanforderungen zu setzen. Denn in den Grundschulen wird die Basis der deutschen Bildung gelegt.

Lesen bildet. Zur Buchmesse.

Die Buchmesse in Frankfurt ist zunächst ein wirtschaftliches Ereignis, wie andere Messen auch: Angebot trifft Nachfrage, die Neuheiten der Branche werden illustrativ präsentiert. Das Buch freilich ist keine Werkzeugmaschine, sondern ein Kulturgut, es hat etwas mit den schönen Künsten, dem Intellekt im Leben zu tun, mit jener Ästhetik, von der die groben Zeitgenossen sagen: Ist überflüssig, kann weg.

Doch die Zahl derer, für ein Leben ohne die schönen Künste, ohne Musikhören und Lesen, nicht wirklich lebenswert scheint, ist groß geblieben in Deutschland. Lesen bildet nicht nur den Geist, sondern auch das Herz, und derlei gilt im (ehemaligen?) „Land der Dichter und Denker“ noch etwas.

Wieder werden also in Frankfurt die mehr als 70 000 Neuerscheinungen dieses Jahres hergezeigt, werden Autoren aus aller Welt und dieses Jahr vor allem aus Frankreich gefeiert, werden Verträge abgeschlossen und Vertriebswege entschieden. Da geht es längst nicht mehr nur um das gedruckte Buch und den stationären Buchhandel, sondern um das digitale Manuskript, herunterladbar im Internet und gelesen auf einem E-Reader, dem „Kindle“ oder dem „Tolino“. Und die gedruckten Bücher finden zu immer größeren Anteilen den Weg zum Leser nicht mehr über die Buchhandlung um die Ecke, sondern über den online-Versandhandel, allen voran über Amazon.

Das ist für die 4700 Buchhandlungen in Deutschland eine Gefahr. Die großen Ketten unter ihnen – 10 Prozent der Buchhandlungen erwirtschaften zwei Drittel des Gesamtumsatzes – kommen mit der Versand-Konkurrenz noch einigermaßen klar. Die 3500 kleineren selbständigen Buchhandlungen dagegen tun sich zunehmend schwer, den nötigen Umsatz zu erwirtschaften, der die Gehalts – und Mietzahlungen der Buchhandlungen sichert, und sie liegen (erfreulicherweise) in guten Innenstadtlagen – die aber sind teuer, das ist der unerfreuliche wirtschaftliche Aspekt. Er wird ein wenig gemildert durch die Buchpreisbindung, mit der der Gesetzgeber sowohl die Verlage als auch den stationären Handel und somit das Kulturgut Buch vor der Schwerstbeschädigung durch Handelsmonopole einigermaßen schützt.

Gravierender fast ist aber die Wirkung, die das zunehmende Lesen im digitalen Medium beim Leser hinterlässt. Psychologen, deren Spezialgebiet die Leseforschung ist, sind sich einig: Nur die Lektüre gedruckter Bücher erlaubt vertiefte Lernprozesse. Digitales Lesen ist anfälliger für Ablenkungen, deshalb oberflächlicher. Solche Lektüre wird schneller vergessen als jene im gedruckten Buch, in dem man hin- und herblättern, wichtige Stellen kennzeichnen und sie zur Vertiefung mehrfach lesen kann. Hier hilft nur intensive Lese-Erziehung, in der Familie und in der Schule. Schon das Schulbuch sollte kein digitales sein, sondern eines aus Papier: die erfolgreicheren Lernprozesse werden es danken.

Katastrophaler Separatismus

Der Wunsch vieler Katalanen nach Unabhängigkeit von Spanien hat in Europa eine nationalistische Debatte losgetreten, die in ihrer Geschichtsvergessenheit obszön und in ihren schiefen Vergleichen bewusst irreführend ist.

Erstens geht es um die Frage, ob sich nationale Regierungen dem Wunsch nach Unabhängigkeit von regionalen Minderheiten auf Dauer widersetzen können, mit anderen Worten: Lassen sich Staatsgrenzen im Laufe der Geschichte verändern? Historisch gesehen muss man das bejahen, denn andernfalls, so lautet ein berechtigter Vergleich, wären die Neuenglandstaaten an der amerikanischen Ostküste noch immer Teil des britischen Imperiums. Es gibt allerdings einen Unterschied: Die meisten Sezessionen wurden kriegerisch durchgesetzt. Wer das heute anders lösen will, muss sich an die eingegangenen völker- und verfassungsrechtlichen Verpflichtungen halten. Die lauten: einer Abspaltung muss der „abgebende“ Staat zustimmen. Das ist kein zu bespöttelnder „legalistischer“ Standpunkt, sondern die Basis unseres ganzen friedlichen Zusammenlebens.

Zweitens wird ins Feld geführt, angesichts der wirtschaftlichen Stärke separatistisch gesinnter Regionen sei es doch ganz verständlich, wenn sie zu einem Finanztransfer an ärmere Regionen ihres Landes keine Lust hätten und ihren Reichtum für sich behalten wollten. Ja, in Katalonien, in Südtirol oder auch in Bayern übersteigt das dortige Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf jenes des Landesdurchschnitts bei weitem. Das Argument freilich bedeutet nicht nur die Loslösung von jedweder Solidarität. Es blendet auch aus, dass eben jene Regionen zu ihrem Reichtum nur durch die oft jahrzehntelange Solidarität anderer Regionen gekommen sind.

Bayern ist das beste Beispiel. Die 41 600 € BIP/Kopf waren ja nicht gott- oder naturgegeben, sondern entstanden durch den vor allem aus Nordrhein-Westfalen jahrzehntelang finanzierten Nettotransfer dorthin, der aus dem Agrarland ein Industrieland hat werden lassen. Käme es zu einer Abspaltung Bayerns, würde es wohl nicht lange dauern, bis die reichen Oberbayern oder die Schwaben es einträglicher fänden, Franken oder Niederbayern nicht mehr zu subventionieren und sich ihrerseits selbständig machen wollten. Das Ergebnis wäre eine solidaritätslose, konfliktreiche Kleinstaaterei wie im 19. Jahrhundert.

Niemand kann das wollen. Deshalb muss man der entweder fahrlässigen oder gewollt politisch zerstörenden Förderung separatistischer Bewegungen innerhalb der Europäischen Union entschieden entgegentreten. Das ist nicht nur konstruktiv legalistisch, sondern zugleich wirtschaftlich weise. Denn Kleinstaaten können von ihrem wirtschaftlichen Status quo nicht ausgehen, Katalonien spürt schon, was auch die Engländer massiv erleben: Unternehmen und Firmensitze verlassen das Land, weil ihnen an einer gut funktionierenden, in ihrem Innern grenzenlosen Europäischen Union massiv gelegen ist. Separatismus ist, alles in allem, eine wirklich katastrophale Idee.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: