Lesen bildet. Zur Buchmesse.

Die Buchmesse in Frankfurt ist zunächst ein wirtschaftliches Ereignis, wie andere Messen auch: Angebot trifft Nachfrage, die Neuheiten der Branche werden illustrativ präsentiert. Das Buch freilich ist keine Werkzeugmaschine, sondern ein Kulturgut, es hat etwas mit den schönen Künsten, dem Intellekt im Leben zu tun, mit jener Ästhetik, von der die groben Zeitgenossen sagen: Ist überflüssig, kann weg.

Doch die Zahl derer, für ein Leben ohne die schönen Künste, ohne Musikhören und Lesen, nicht wirklich lebenswert scheint, ist groß geblieben in Deutschland. Lesen bildet nicht nur den Geist, sondern auch das Herz, und derlei gilt im (ehemaligen?) „Land der Dichter und Denker“ noch etwas.

Wieder werden also in Frankfurt die mehr als 70 000 Neuerscheinungen dieses Jahres hergezeigt, werden Autoren aus aller Welt und dieses Jahr vor allem aus Frankreich gefeiert, werden Verträge abgeschlossen und Vertriebswege entschieden. Da geht es längst nicht mehr nur um das gedruckte Buch und den stationären Buchhandel, sondern um das digitale Manuskript, herunterladbar im Internet und gelesen auf einem E-Reader, dem „Kindle“ oder dem „Tolino“. Und die gedruckten Bücher finden zu immer größeren Anteilen den Weg zum Leser nicht mehr über die Buchhandlung um die Ecke, sondern über den online-Versandhandel, allen voran über Amazon.

Das ist für die 4700 Buchhandlungen in Deutschland eine Gefahr. Die großen Ketten unter ihnen – 10 Prozent der Buchhandlungen erwirtschaften zwei Drittel des Gesamtumsatzes – kommen mit der Versand-Konkurrenz noch einigermaßen klar. Die 3500 kleineren selbständigen Buchhandlungen dagegen tun sich zunehmend schwer, den nötigen Umsatz zu erwirtschaften, der die Gehalts – und Mietzahlungen der Buchhandlungen sichert, und sie liegen (erfreulicherweise) in guten Innenstadtlagen – die aber sind teuer, das ist der unerfreuliche wirtschaftliche Aspekt. Er wird ein wenig gemildert durch die Buchpreisbindung, mit der der Gesetzgeber sowohl die Verlage als auch den stationären Handel und somit das Kulturgut Buch vor der Schwerstbeschädigung durch Handelsmonopole einigermaßen schützt.

Gravierender fast ist aber die Wirkung, die das zunehmende Lesen im digitalen Medium beim Leser hinterlässt. Psychologen, deren Spezialgebiet die Leseforschung ist, sind sich einig: Nur die Lektüre gedruckter Bücher erlaubt vertiefte Lernprozesse. Digitales Lesen ist anfälliger für Ablenkungen, deshalb oberflächlicher. Solche Lektüre wird schneller vergessen als jene im gedruckten Buch, in dem man hin- und herblättern, wichtige Stellen kennzeichnen und sie zur Vertiefung mehrfach lesen kann. Hier hilft nur intensive Lese-Erziehung, in der Familie und in der Schule. Schon das Schulbuch sollte kein digitales sein, sondern eines aus Papier: die erfolgreicheren Lernprozesse werden es danken.

Katastrophaler Separatismus

Der Wunsch vieler Katalanen nach Unabhängigkeit von Spanien hat in Europa eine nationalistische Debatte losgetreten, die in ihrer Geschichtsvergessenheit obszön und in ihren schiefen Vergleichen bewusst irreführend ist.

Erstens geht es um die Frage, ob sich nationale Regierungen dem Wunsch nach Unabhängigkeit von regionalen Minderheiten auf Dauer widersetzen können, mit anderen Worten: Lassen sich Staatsgrenzen im Laufe der Geschichte verändern? Historisch gesehen muss man das bejahen, denn andernfalls, so lautet ein berechtigter Vergleich, wären die Neuenglandstaaten an der amerikanischen Ostküste noch immer Teil des britischen Imperiums. Es gibt allerdings einen Unterschied: Die meisten Sezessionen wurden kriegerisch durchgesetzt. Wer das heute anders lösen will, muss sich an die eingegangenen völker- und verfassungsrechtlichen Verpflichtungen halten. Die lauten: einer Abspaltung muss der „abgebende“ Staat zustimmen. Das ist kein zu bespöttelnder „legalistischer“ Standpunkt, sondern die Basis unseres ganzen friedlichen Zusammenlebens.

Zweitens wird ins Feld geführt, angesichts der wirtschaftlichen Stärke separatistisch gesinnter Regionen sei es doch ganz verständlich, wenn sie zu einem Finanztransfer an ärmere Regionen ihres Landes keine Lust hätten und ihren Reichtum für sich behalten wollten. Ja, in Katalonien, in Südtirol oder auch in Bayern übersteigt das dortige Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf jenes des Landesdurchschnitts bei weitem. Das Argument freilich bedeutet nicht nur die Loslösung von jedweder Solidarität. Es blendet auch aus, dass eben jene Regionen zu ihrem Reichtum nur durch die oft jahrzehntelange Solidarität anderer Regionen gekommen sind.

Bayern ist das beste Beispiel. Die 41 600 € BIP/Kopf waren ja nicht gott- oder naturgegeben, sondern entstanden durch den vor allem aus Nordrhein-Westfalen jahrzehntelang finanzierten Nettotransfer dorthin, der aus dem Agrarland ein Industrieland hat werden lassen. Käme es zu einer Abspaltung Bayerns, würde es wohl nicht lange dauern, bis die reichen Oberbayern oder die Schwaben es einträglicher fänden, Franken oder Niederbayern nicht mehr zu subventionieren und sich ihrerseits selbständig machen wollten. Das Ergebnis wäre eine solidaritätslose, konfliktreiche Kleinstaaterei wie im 19. Jahrhundert.

Niemand kann das wollen. Deshalb muss man der entweder fahrlässigen oder gewollt politisch zerstörenden Förderung separatistischer Bewegungen innerhalb der Europäischen Union entschieden entgegentreten. Das ist nicht nur konstruktiv legalistisch, sondern zugleich wirtschaftlich weise. Denn Kleinstaaten können von ihrem wirtschaftlichen Status quo nicht ausgehen, Katalonien spürt schon, was auch die Engländer massiv erleben: Unternehmen und Firmensitze verlassen das Land, weil ihnen an einer gut funktionierenden, in ihrem Innern grenzenlosen Europäischen Union massiv gelegen ist. Separatismus ist, alles in allem, eine wirklich katastrophale Idee.

Grüne Herausforderungen für die CSU

Auf die CSU kommen schwere Zeiten zu. Frauke Petry, ihr Ehegatte Marcus Pretzell und zahlreiche andere AfD-Abgeordnete haben sich eben von der radikalen Rhetorik des Führungspersonals der AfD losgesagt und sind dabei, eine eigene Partei zu gründen. Sie soll in der Programmatik der CSU ähneln, ohne eingebunden zu sein in Kompromisszwänge einer Berliner Fraktionsgemeinschaft mit der CDU, die manchen deutlichen Standpunkt der CSU nicht realpolitische Wirklichkeit werden ließ. Der AfD-Wahlslogan: „Wir halten, was die CSU verspricht“, muss die CSU daher ins Herz getroffen haben. Er hat die bayerische Partei vorgeführt als zahnlosen Tiger.

Um die vielen AfD-Wähler in Bayern zurückzugewinnen, braucht die CSU einen starken Fußabdruck im Koalitionsprogramm des angestrebten Jamaika-Bündnisses aus Union, Grünen und FDP. Vor allem der Unmut über die noch immer chaotische Flüchtlingspolitik müsste dort reflektiert werden: Obergrenze, Schließung der Fluchtwege, Einlass nur mit Ausweispapieren und auch nur für jene, die nach der Genfer Flüchtlingskonvention schutzbedürftig sind oder solche, die wir brauchen, Familiennachzug nur für solche Migranten mit wirklich dauerhaftem Aufenthaltsrecht.

Genau das zu verhindern, ist aber ein Kernanliegen der Grünen. Denn die Grünen wollen die Migration nicht etwa unterbinden, sondern möchte „sichere und legale Fluchtwege schaffen, damit das Sterben auf der Flucht ein Ende hat und dafür sorgen, dass Asylverfahren schnell und fair durchgeführt werden. Wir wollen anerkannten Flüchtlingen und Schutzberechtigten unbürokratisch den Familiennachzug ermöglichen.“

Auch sonst werden sich CSU und CDU mit den Grünen schwertun. „Wir wollen den Kohleausstieg in Einklang zu unseren Zielen 100 Prozent Erneuerbare Energien im Strombereich bis 2030 gestalten“, heißt es beispielsweise, oder zum Internationalen Handel, von dem Deutschland (und insbesondere auch Bayern) lebt: „Wir lehnen TTIP, CETA und TISA in ihrer jetzigen Form ab“, weil soziale, menschrechtliche und ökologische Aspekte in diesen Handelsabkommen nicht ausreichend berücksichtigt worden seien.

Auch bei der Steuerpolitik („obszöne Managergehälter“, „verfassungsfeste, ergiebige und umsetzbare Vermögenssteuer für Superreiche“) kommen die Parteien mit den Grünen gewiss nicht zusammen. Und außerdem wollen die Grünen den „rechten und rechtspopulistischen Kräften in unserer Gesellschaft den Kampf ansagen“ – also auch einer CSU, die konservative Themen bedient?

Man sieht: Dass es „Jamaika“ jemals geben wird, ist nicht ausgemacht. Genau betrachtet ist es unvorstellbar. Macht die CSU auch nur an einer Stelle Kompromisse – vor allem bei der Flüchtlingspolitik – kann sie die bayerischen Landtagswahlen 2018 für sich abschreiben.

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