Kreuth redivivus

In diesen Tagen wabert der Geist von Kreuth über der Bundesrepublik. Auferstanden sind die Gedanken, die seinerzeit, im November 1976, in Oberbayern gedacht wurden, wo die CSU-Landesgruppe des Bundestages sich über empfundene CDU-Arroganz so in Rage redete, dass sie die Fraktionsgemeinschaft aufzukündigen beschloss und eine bundesweite Ausdehnung ins Auge fasste. Der Trennungsmut war ein Monat später freilich schon vorbei. Denn rasch hatten die bayerischen Christsozialen begriffen, welche Konsequenzen ihnen drohten.

Daran gilt es auch jetzt zu erinnern, da die Züge wieder aufeinander zu rasen, Kollision nicht ausgeschlossen. Und nicht nur der Zwist um die Flüchtlingsfrage nährt die neue Trennungslust, auch neue Umfragen. Die zeigen, dass eine bundesweite CSU immerhin 18 Prozent erreichen könnte (und die CDU 22 Prozent), mithin die Stimmen-Summe beider Parteien um beinahe zehn Prozent größer wäre als jetzt, auch auf Kosten einer geschwächten AfD.

Das klingt nicht unattraktiv. Aber jede Ausdehnung der CSU hätte auch den Einmarsch der CDU nach Bayern zur Folge. Für das Selbstverständnis der CSU wäre das ein fundamentaler Wandel: Ihre jahrzehntelang gelebte, gepflegte und auch von vielen mit Sympathie begleitete bayerische Identität wäre dahin. Bayern und die CSU – für den Nachkriegsbayern war das stets eine erlebte Symbiose, die sich feinwurzelig durch das ganze bayerische Leben und auch den Behördenapparat zieht. Kultur und Landschaft wurden ganz selbstverständlich in die Partei-Ikonografie integriert, man verstand es, die CSU als Lebensgefühl zu vermarkten. All das wäre für die CSU zerstoben. Die CSU würde, was sie heute (noch) nicht ist: eine Partei wie jede andere.

Hinzu käme: Die Ausdehnung der CSU ins ganze Bundesgebiet wäre eine für die Münchner Partei nur schwer zu bewältigende organisatorische und personelle Herausforderung, während die CDU den Organisationsaufbau in Bayern in wenigen Wochen erledigen könnte. Schon 1976 standen CSU-Größen zur Gründung der Bayern-CDU bereit: Anton Jaumann, Bruno Merk und andere hätten die CDU in Bayern rasch etabliert.

Die CDU wiederum verlöre mit einer bundesweiten CSU an relativem politischen Gewicht und damit ihren Charakter als bundesweite Volkspartei. Die Anhängerschaft schwindet ohnehin zusehends, CDU-Funktionäre müssen sich höchste Sorgen machen und wägen, ob dieser Preis für die liberale Flüchtlingspolitik ihrer Kanzlerin wirklich gezahlt werden soll, zumal auch der letzte verbliebene Zusammenhalt Europas auf dem Spiele steht. Da bedeutet es nicht wirklich viel, dass die CDU in Bayern eine starke Position gewänne und die CSU vermutlich als zweiter Sieger aus jedem Wahlrennen hervorgehen würde. Hinzu käme: Für den Apparat von Partei, Parteistiftung und Fraktion stünden bei der CDU massive Finanz-Kürzungen an.

Aber, alle zu zahlenden Preise bedacht und gegen den Gewinn an Wählerstimmen abgewogen: Eine Fraktionsgemeinschaft oder jedenfalls eine immerwährende Koalitionsbereitschaft hielte die dann zwei bundesweiten Unionsparteien in Volksparteigröße. Wenn der Dauerzwist zwischen CSU und CDU nur durch solche bundesweite Parallelität zu lösen ist, dann muss das so sein. Die CSU freilich zahlt jedenfalls den höheren Preis.

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