Fußball, nur Fußball

Natürlich finden sportliche Weltereignisse nicht im politikfreien Raum statt. Keine Olympiade, keine Fußballweltmeisterschaft, kein weltweiter Wettbewerb anderer Sportarten bleiben ohne Bezug zum jeweils umgebenden politischen System. Das mindeste ist, dass politische Potentaten zur Eröffnung erscheinen oder den Medaillenvergaben beiwohnen, oft besuchen sie gar – wie dies die Bundeskanzlerin gerne tut –ihre Nationalmannschaften, um ihnen zu signalisieren: eure Heimatnation steht hinter euch! Und jeder weiß: Manchmal ging der regierungsamtliche Ansporn schon so weit, dass man Doping zum Mittel staatlicher Sportförderung erklärt.

Fußball als Mittel der Politik: Das führt stets unweigerlich dazu, an das jeweils gastgebende Land die Elle anzulegen, mit der wir unsere eigene Demokratie zu messen gewohnt sind: Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Freiheiten. Und es folgt die Frage: Wie steht es damit – beispielsweise bei dieser Fußball-WM in Russland? Die Diagnose ist, zu Recht, schnell gestellt: In allen diesen Feldern sind die Defizite erheblich.

Dennoch war es richtig und geradezu deshalb notwendig, nach Russland zu fahren, am Turnier teilzunehmen und möglichst viele Fans zu motivieren, ihre Mannschaften dort zu unterstützen. Nichts wirkt auf eine Zivilgesellschaft so belebend wie ihre Internationalität, der Blick über den Rand des eigenen Nationalismus. Tatsächlich weltverbessernd ist dann die Erkenntnis, dass die menschlichen Erfahrungen mit den Besuchern aus aller Welt mit den propagierten Feindbildern so gar nichts gemein haben.

Was die Lage in Russland betrifft, brauchen deutsche Medienkonsumenten keine Nachhilfe mehr. Das Russlandbild der deutschen Medien lässt auch die kleinsten kritischen Entwicklungen dort nicht aus, das viele Positive kommt derweil oft zu kurz. Das eröffnet die Möglichkeit, dass sich unsere Sportreporter von ARD und ZDF jetzt doch einmal auf den Sport konzentrieren: Es geht bei der Fußball-WM um Fußball und nochmals um Fußball. Politische Renditen, die bei solchen Ereignissen stets auch für deutsche Regierungen abgefallen sind, braucht man auch Herrn Putin nicht zu neiden, er wäre blöd, wenn er sie nicht so nutzte wie bei entsprechender Gelegenheit alle anderen Regierungschefs auch.

So wird es auch nur zur Randnotiz, dass der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt sich entschieden hat, nicht nach Russland zu fahren. Er hat durch seine verdienstvollen Recherchen zum russischen Staatsdoping dort strafrechtliche Ermittlungen ausgelöst, weshalb man ihn zu Recht als Zeugen hören will. Dem entzieht er sich, weil er Angst vor Rache hat – regierungsamtliche oder Rache durch finstere Mächte, von denen es in Russland einige gibt.

Dennoch: Wir möchten als Fußballfans nun nicht jeden Tag das Klagelied Hajo Seppelts oder das über bekannte russische Menschenrechtsverletzungen hören. Wir wollen Fußball sehen. Wünschen würden wir uns allerdings, solche Sportereignisse würden öfter in demokratischen Ländern stattfinden statt in Russland oder Quatar. Wer sie aber niederstimmt wie etwa die Hamburger oder die Münchner bei ihren Anti-Olympia-Voten, der sollte sich über die Ausweichorte dann nicht beschweren.

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