Zum Tode Karl Lehmanns

In diesen Tagen wird Karl Karinal Lehmann beerdigt. Sein Tod hat Betroffenheit und Trauer ausgelöst. Denn Lehmann war dem deutschen Katholizismus ein intellektueller und spiritueller Mahner, er war den Gläubigen seiner Diözese ein menschennaher Bischof, und er war vielen in Deutschland – Politikern, Wissenschaftlern, Wirtschaftsführern, Künstlern, Literaten, Journalisten – ein persönlicher Freund.

Viele Freunde hatte er auch unter seinen Mitbrüdern in der Deutschen Bischofskonferenz. Immer wieder haben sie ihn zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt, er trug dieses Amt von 1987 bis 2008. Aber dort, so hat es ihm sein Nachfolger Kardinal Reinhard Marx nachgerufen, hat Lehmann „Höhen und Tiefen erfahren. Es ging ihm immer wieder um die Frage, wie eine menschendienliche und zugleich traditionsverpflichtete Kirche beschaffen sein sollte.“

Darüber haben sich manch andere Mitbrüder mit ihm leidenschaftlich gestritten. Lehmann entwarf gemeinsam mit den Bischöfen von Rottenburg und Freiburg ein hinsichtlich der Sakramentszulassung liberales Konzept „zur seelsorgerlichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und Wiederverheirateten Geschiedenen“ – Rom ließ ihn revozieren. Lehmann wollte die deutsche Kirche im staatlichen System der Schwangerschaftskonfliktberatung halten: Rom verwehrte es ihm. Und blieb bei alten Standpunkten.

Lehmann strebte nach einer weniger dogmatischen und menschennäheren Kirche, er nahm die Reformgedanken vorweg, wie sie jetzt unter Papst Franziskus wieder gedacht werden. Als wissenschaftlicher Assistent des Konzilstheologen Karl Rahner hatte er während des Zweiten Vatikanischen Konzils gelernt, dass auch in der katholischen Kirche ein Edikt der Glaubenskongregation nicht das Ende aller Debatten bedeutet, wenn man nur beharrlich bleibt. An deren Garderobe hatte Lehmann seine Grundüberzeugungen jedenfalls nicht abgegeben.

Zugleich hatte er Respekt vor den Institutionen. Er stellte den Widerspruch ein, wenn ihm die Sache fürs Erste aussichtslos schien. Auch im Papstamt erblickte Lehmann eine eigene Würde und Ausstrahlung, die es nicht zu beschädigen galt. So hat er sich auch mit Johannes Paul II sowie Benedikt XVI., seinem ehemaligen Kollegen und Weggefährten Joseph Ratzinger, stets arrangiert, wenn sie seine Vorstellungen ablehnten.

Den Umstand, dass er typologisch viel mehr Wissenschaftler als Gemeindepfarrer war, nahmen manche seiner innerkirchlichen Gegner zum Anlass für Kritik: Der soll weniger Vorträge halten und mehr beten – das war die Antwort von Rückzugstheologen auf einen immer nach- und vordenkenden, gerne dozierenden und auf diese Weise manchmal unbequemen Karl Lehmann.

Die Katholiken in Deutschland hatten in ihm einen, der gesellschaftspolitisch auf der Höhe war, der Wandel als Fortschritt begriff und nicht als Verfall und der auch die Dogmen und seelsorgerlichen Konzepte entsprechend anpassen wollte. Er war ein Freund der Menschen, und das ist der größte Verlust.

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