Deutschland – digitale Schlafmütze

Nun haben es alle eilig: Bis 2025 soll Deutschland flächendeckend glasfaserverkabelt sein. Denn, so hat es jetzt der Unions-Fraktionschef Volker Kauder in seinem 69. Lebensjahr entdeckt, es sei nun „allerhöchste Zeit, sich mit dem gewaltigen Umbruch zu befassen, der sich jeden Tag auf allen Kontinenten Schritt für Schritt vollzieht. Dieser Umbruch trägt den Namen Digitalisierung.“

Für andere Länder ist das ein alter Hut. Sie haben digital aufgerüstet, als bei uns noch palavert wurde über Chancen und Risiken, über Geld und Zuständigkeiten. Deshalb gehören wir bei der digitalen Infrastruktur heute zu den Schlusslichtern Europas. Nun plötzlich stehen unsere Politiker staunend vor der Geschwindigkeit des digitalen Wandels der Welt. Kommunikation, Wirtschaft, Medizin, Gesundheitsökonomie, Finanzwesen, alle Disziplinen der Wissenschaft, kurz: unser ganzes Leben verändert sich rasant. Wir verpassen die Chancen.

Der Rückstand begann zu Zeiten des damaligen Bundespostministers Christian Schwarz-Schilling (CDU) Ende der 80er Jahre. Damals wurde Deutschland erstmals verkabelt – allerdings mit schmalbandigen Kupferkabeln, obwohl zu jener Zeit die Glasfasertechnologie bereits zur Verfügung stand. Aber es musste schnell gehen, denn die Verkabelung sollte das Privatfernsehen durchsetzen und so das damals von der Union als ärgerlich empfundene Informationsmonopol des öffentlich-rechtlichen Fernsehens brechen.

Kupferkabel waren das falsche technologische Pferd – eine Entscheidung mit fatalen Folgen, die uns die mögliche Spitzenstellung in der Digitalisierungstechnik kostete. Sie liegt heute in den USA, selbst asiatische Staaten sind weiter als wir.

Wie schnell werden wir nun aufholen? Notwendig wären sofortige Finanzierungsprogramme für die Glasfaser-Verkabelung aller Regionen Deutschlands, in denen sich für die (man muss angesichts der dort sichtbaren Servicewüste mittlerweile sagen: leider) privatisierten Telekommunikationsunternehmen solche Investitionen wegen dünner Besiedelung häufig nicht rechnen.

Zu befürchten ist freilich: Es wird wiederum langsamer gehen als notwendig. Erst soll im Bundeskanzleramt ein „zentraler Koordinator für den Bereich Digitalisierung“ eingerichtet werden. Dann ein nationaler Digitalisierungsrat. Auch plant die Unions-Fraktion „der Digitalisierung eine eigene Veranstaltungsreihe zu widmen“, als hätte es davon nicht schon genug gegeben. Und man müsse erst „ein positives gesellschaftliches Klima für Innovation im digitalen Zeitalter“ schaffen, sagt Volker Kauder. Das ist natürlich längst vorhanden, die Gesamtheit des Volkes nutzt alles, was die digitale Warenwelt zu bieten hat. Da fehlt es an Überzeugungsarbeit wohl eher im Bereich des politischen Personals.

Reden braucht man nicht mehr, alles ist gesagt. Jetzt muss man handeln. Wenn sie es richtig und schnell macht, kann mit einer nächsten Bundesregierung wenigstens bei diesem Thema ein Ruck durch Deutschland gehen.

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