Dauermisere Bildungspolitik

Für Klagen über politische Verhältnisse und entsprechende Forderungen ist jetzt eine gute Zeit. Die alte Regierung tut nur das Nötigste, eine neue Koalition wird demnächst erst verhandelt, Ergebnis offen. In dieses Vakuum hinein rufen Interessenvertreter aller Art ihre Botschaften, auf dass sie gehöret werden und nach Möglichkeit auch verwirklicht.

Kein Jahr vergeht, ohne dass sich auch die Lehrer aus Deutschland zu Wort melden. Und leider vergeht auch kein Jahr, in dem ihre Mahnungen nicht besonders berechtigt wären. Auch 2017 haben wieder zahlreiche Studien der Bildungsforschung belegt, dass es unter Deutschlands Schülern bergab geht mit Kenntnissen in Rechtschreibung, Zeichensetzung, beim Lesen und beim Rechnen. Das beginnt in den Grundschulen, in den Gymnasien sind dann nicht alle Lücken zu schließen, sodass sich selbst in den Hochschulen heute Studenten tummeln, die ihre Zulassungsarbeiten noch zum professionellen Korrektor geben müssen, weil sie es mit Orthografie und Interpunktion nicht so haben.

Die Gründe für diese Misere sind allbekannt und werden dennoch nicht behoben. Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, hat jetzt auf den wichtigsten Missstand hingewiesen: Es gibt zu wenig Lehrer. Oder, andersherum: Die Lehrer, die wir haben, werden mit immer neuen Aufgaben beladen: Die Inklusion hat einen gewaltigen Belastungsschub gebracht, auch die Anteile der Schüler mit Migrationshintergrund (und damit mit höchst mangelhaften Deutschkenntnissen) steigen und steigen, bei den Viertklässlern sind es schon 34 Prozent, zwischen 2011 und 2016 ein Anstieg um ein Drittel.

Das alles erfordert mehr individuelle Förderung und kleinere Klassen, und das geht nur mit mehr Lehrern. Unter den frischeren Koalitionsvereinbarungen der Bundesländer steht dieses Thema nun auch weit oben – in Nordrhein-Westfalen etwa oder in Schleswig-Holstein. Aber zusätzliche Lehrer warten ja nicht auf der Straße auf Anstellung – zuerst müssen die Ausbildungskapazitäten erhöht und die Lehrerberufe auch finanziell attraktiver gemacht werden.

Andere Faktoren treten freilich hinzu: Das Leistungsniveau deutscher Schüler sinkt auch, weil man die Anforderungen in den Lehrplänen stetig nach unten geschraubt hat. Jeder kann schreiben wie er will, die Buchstaben unverbunden, die Kommasetzung kreativ. Hohe Qualitätsnormen sind unerwünscht, weil ihr Ergebnis sozial differenzierende Begabungsunterschiede aufzeigen und somit politisch unkorrekt sein könnte. Ideologie in der Bildungspolitik – ein wirklich schädlicher Virus, der in vielen Bundesländern die Bildungschancen unserer Kinder von innen heraus zerstört. Ob 2018 daran etwas ändert, darf nach allen Erfahrungen eher bezweifelt werden.

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