Russland, Land des Westens

„Heute morgen“, schrieb der Dichter Fjodor Dostojewki 1874 aus Bad Ems an seine Frau, „wollte schon die Sonne lachen, aber jetzt haben wir wieder Wind und Deutsche und Wolken. Traurig ist es hier.“ Nein, die Deutschen hat er nicht gemocht, deren „Gesicht, ganz wie bei Deutschen üblich, schief und von tausend kleinen Falten durchzogen“ sei, wie er sie in seinem Roman „Der Spieler“ skizziert. Und er resümiert später: „Unsere Zukunft liegt in Asien, es ist Zeit, das undankbare Europa zu verlassen!“

Millionen von Russen sehen das anders. Wer Geld hat, legt es im Westen an. Wer Kinder und Geld hat, der schickt sie auf Schulen im Westen. Wer noch mehr Geld hat, kauft sich Immobilien im Westen, man weiß ja nie. Und wenn Geld überschüssig ist, dann wird es im Westen angelegt, in Euro oder in Dollar. Und niemand käme auch nur auf die Idee, für alle diese Zwecke an asiatische Länder auch nur zu denken.

Dennoch sind die westlichen Länder, allen voran die USA und auch Deutschland in Russland gegenwärtig nicht gut angeschrieben. Das hat auch Dmitri Medwedew, der russische Regierungschef, in seiner jährlichen Pressekonferenz jetzt wieder deutlich gemacht. Wer es innenpolitisch nicht gut auf die Reihe bekommt, der braucht zur Rechtfertigung einen ausländischen Gegner, auf den man die Ursachen abschieben kann. Das ist der Westen, dessen wirtschaftliche und finanzpolitischen Sanktionen nichts anderes seien als Ausdruck einer blinder Russlandphobie und der letztlich auch schuld daran ist an der „schreienden Armut“, an der viele Russen nach Medwedews treffender Einschätzung immer noch leiden.

Die Wahrheit bei dieser Ursachenforschung sieht natürlich anders aus. Russland ist das reichste Land der Erde, hat unbegrenzt landwirtschaftlichen Boden und alle erdenklichen Rohstoffe. Aber in nun bald drei Jahrzehnten ist es nicht gelungen, Freude an unternehmerischer Initiative zu erzeugen und damit einen funktionierenden Mittelstand zu schaffen. Zu stark ist in Russland noch die Korruption, zu schwach die Unabhängigkeit der Justiz, zu schwach die Durchsetzungskraft des politischen Systems gegen die Oligarchen.

Die Annäherung Russlands an den Westen mag mit der völkerrechtswidrigen Krim-Annexion zum Stillstand gekommen sein. Das aber ist nicht das Ende der Geschichte. Denn Russlands historische und vor allem auch kulturelle und jahrhundertealten Bindungen an den Westen sind zu stark, als dass man sie auf Dauer wird ausblenden können.

Für den gegenwärtigen Präsidenten Putin wäre es das lohnendste Ziel seiner 2018 beginnenden erneuten Amtsperiode, das Verhältnis zum Westen wieder zu reparieren und ein Europa der Stabilität und den Friedens zu schaffen, in dem seine Nachbarn nicht Angst vor Russland haben müssen. Er müsste auf die vielen positiven Signale des Westens für eine solche Annäherung nur reagieren. Das wäre auch die beste Voraussetzung dafür, das eigene Land zu stabilisieren. Daran muss ihm gelegen sein, denn irgendwann tun auch die kontinuierlich kommunizierten Feindbilder ihre Wirkung nicht mehr.

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