Chinas Supraplanung

China macht ernst, immer. Noch jedes Projekt, das die chinesische Staats- und Parteiführung in den letzten drei Jahrzehnten anpackte, hat sie zum Erfolg gebracht. Zuerst wurden ein bürgerliches Gesetzbuch nach deutschem Vorbild geschaffen, Eigentum ermöglicht, Grundbücher eingeführt, Vertragsfreiheit garantiert, ein für Wirtschaftsunternehmen akzeptables Justizwesen installiert. Die Wirtschaft wurde angekurbelt, Partnerschaften gesucht, kopiert und geforscht. Seither ist China ein reiches Land, der Außenhandel floriert. Und künftig soll es noch besser werden, goldene Zeiten verspricht Xi Jinping, Chinas gegenwärtiger Parteichef, bis 2035 soll die sozialistische Modernisierung vollendet und bis 2050 soll es China zur ultimativen sozialistischen Großmacht gebracht haben. Und dann möchte China überall führend sein: In der Weltpolitik, im Einfluss in allen Kontinenten, in der Wirtschaft, in der Umweltpolitik, das Große China als Ziel der „Supraplanung“. Das alles, versteht sich, unter der unangefochtenen Führung der Partei.

Dieser Kurs verheißt alle wirtschaftlichen Freiheiten – man kann reich werden in China, Milliardäre gibt es zuhauf, eine sehr spezieller Sino-Marxismus, den sich Karl Marx in seinen Sozialismusträumen nicht vorgestellt haben dürfte. Dass Opposition und manche Bürgerrechte hier unter die Räder geraten, versteht sich von selbst, aber diesen Preis zahlt Chinas Staatsführung gerne: Ohne zentrale Führung und langfristige Planung, mit Demokratie und ständigen Regierungs- und damit auch Ideologiewechseln, würde China diese Ziele sicher verfehlen.

Tatsächlich kann, wer sehr langfristige politische und wirtschaftliche Ziele verfolgt, so etwas wie Demokratie mit ihren Stimmungsschwankungen nicht brauchen. Und China denkt sehr langfristig: „Wer nicht für 10 000 Generationen plant, vermag nicht für eine Ära zu planen“, notierte der chinesische Gelehrte Chen Danran zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für solches Denken haben viele die Chinesen verlacht, aber dann antworten sie mit einem zweieinhalbtausend Jahre alten Satz des Konfuzius: „Es kommt nicht darauf an, von allen geschätzt zu werden. Wenn man von Gescheiten geschätzt und von Unbedarften ausgelacht wird, dann ist das in Ordnung.“

Wenn sie also westliche Produkte importieren (auch, um sie zu kopieren), wenn sie technologisch führende Firmen in aller Welt aufkaufen, wenn sie sich in Afrika mit horrenden Geldsummen die Rohstoffe sichern oder an westliche Staaten Kredite vergeben – dann ist das alles genau bedacht, es handelt sich um Mosaiksteinchen eines großen Bildes.

Was aber hat der Westen? Das große Projekt des Westens sind Freiheit und Menschenrechte und die damit verbundene Hoffnung, diese Elemente würden in seiner Kraftentfaltung stärker sein als verordnete Zentralplanung. Das könnte täuschen. Es ist daher klug, Chinas Politik nicht nur für geschickte Kaufmannschaft zur Lösung von Gegenwartsproblemen zu halten, sondern die langfristige Supraplanung Pekings zu begreifen und darauf zu reagieren. Im besten Falle gelänge uns eines: Die Idee zu kopieren. Was also ist das langfristige Ziel Europas, was ist unsere „Supraplanung“?

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