Ängste nicht ernst genommen

Am frühen Montag Vormittag nach dem Wahlsonntag, das endgültige Wahlergebnis war erst wenige Stunden alt, lief bei einem sächsischen Unternehmen gestern folgende Email ein: „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit widerrufe ich meine o.g. Bestellung. Ich möchte kein Produkt haben, das aus einem Bundesland stammt, welches zu 30 % AfD wählt.“ Das war zwar übertrieben (die AfD holte „nur“ 27 Prozent der Zweitstimmen), zeigt aber deutlich ein Problem auf, das in diesem (und den anderen östlichen Bundesländern) entsteht: Eine neue Mauer in den Köpfen tut sich auf.

Die deutsche Wirtschaft insgesamt ist besorgt. „Deutschland“, sagt VW-Chef Müller auch seinen 600 000 Mitarbeitern, „ist in den vergangenen Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich erfolgreich gewesen, weil wir ein weltoffenes, tolerantes und international orientiertes Land sind“, das zweistellige Ergebnis für die „rechtsextreme und ausländerfeindliche AfD“ sei „schockierend“. Und Siemens-Chef Joe Kaeser assistiert, dieses Ergebnis sei „auch eine Niederlage der Eliten in Deutschland“.

Man kann beruhigend einwenden: 73 Prozent der Sachsen (und 86 Prozent aller Wahlbürger in Deutschland) haben nicht rechts gewählt, und das ist die große Mehrheit. Aber dennoch führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass die AfD in Sachsen zur stärksten Partei werden konnte und außerdem drei Direktwahlkreise gewann – ein Desaster mit Ansage.

2014 bereits – da gab es die Flüchtlingswelle noch nicht – veranstaltete die Protestbewegung „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ („Pegida“) in Dresden ihre ersten schauderhaften Montags-Demonstrationen. Die „Eliten“ nahmen das nicht ernst. 2015 waren es schon 25 000 Menschen, die dort mit auf die Straße gingen. Auch da glaubte man noch an ein vorübergehendes Phänomen. Diese Fremdenfeindlichkeit verfestigte sich dramatisch nach dem Herbst 2015, und er wandte sich in Sachsen und anderen östlichen Bundesländern nicht nur gegen Ausländer, sondern zunehmend auch gegen eingewanderte “Wessis“, gegen den Euro, gegen die Globalisierung: Es war die Angst, man könne wieder alles verlieren, wie schon einmal nach der Wende, deren Trauma viele „Wendeverlierer“ noch nicht aufgearbeitet und deren großen Gewinn sie nicht vermittelt bekamen.

Hinzu kam in Sachsen – und das Bundesland ist da symptomatisch für die ganze rechte Bewegung in Deutschland – die Angst vor „kultureller Überfremdung“. Auch hier gab es keine Gegenkampagne, die die Menschen erreicht hätte, die Antwort war nur Ausgrenzung. Alle diese Emotionen hat die AfD geschickt bedient und alle Verschwörungstheorien genährt. Das Schlüsselwort: Emotionen – die verstehen die Menschen. Und so wird auch die Antwort eine sein müssen, die das Gefühl der Menschen erreicht, sie wollen ernstgenommen werden: bei ihrem Nationalgefühl, bei ihren Verlustängsten. Politik besser und durchaus auch mit Gefühlen zu erklären – das ist die Aufgabe, die die demokratischen Parteien ab sofort erledigen müssen und die sie in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt haben.

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