Christentum ist auch politisch

Auch dieser Evangelische Kirchentag, der in Berlin und Wittenberg stattfand, war ein Markt der Möglichkeiten. Es ging – wenn man das Programm betrachtet – zwar auch um spirituelle Fragen, um die Suche nach Gott, um die Auseinandersetzung mit dem Glauben. Vornehmlich aber wurde all das behandelt, was die gesellschaftspolitische Debatte prägt, was wir für Zukunftsfragen halten und was die Menschen im Land auch ideologisch spaltet. Die Podienreihen hießen „Ende des Wachstums“, „Ernährung und Landwirtschaft“, „Europa“, „Flucht, Migration, Integration“, natürlich durften auch die „Folgen des Klimawandels“ nicht fehlen und sowieso nicht die Podienreihe „Frieden“. Es ging um das Verhältnis von Juden und Christen, es gab einen Thementag „Interreligiös-feministische Basisfakultät“. Kurz: Kaum eine Frage, die nicht in einen evangelischen Kirchentag passt.

Über solche Kirchentage kann man sich mokieren. Protestanten, die über alles reden, aber denen Gott nicht in den Sinn kommt. Katholiken, die gesellschaftspolitische Debatten führen, aber vergessen, was es heißt, katholisch zu sein. Man kann aber auch beeindruckt feststellen, dass Christen hier eine Lautstärke gewinnen, die nicht irrelevant ist. Dass die Kirchen zwar reich, aber tot seien – das stimmt eben nur bedingt, die Sklerose der Kirchenhierarchien wird auf oft beeindruckende Weise von den Laienmitgliedern der Kirche konterkariert. Sie mischen sich in den politischen Diskurs ein, sie übernehmen zunehmende Verantwortung in den Gemeinden und Gottesdiensten, weil sich die Phantasie der Kirchenleitungen allzu oft in semantisch verbrämten Restrukturierungs- und damit Kürzungsorgien erschöpft.

Das ist in einer multipolaren, multikulturellen und multireligiösen Welt keine Nebensache. Diese Vielfalt prägt den politischen Diskurs, von seinem Ausgang hängen auch politische Zukunftsentwürfe ab. Ob unsere Gesellschaft auch künftig auf Freiheit und Demokratie gebaut sein wird, ob sie von christlichem Wissenschafts- und Gleichheitsvorstellungen geprägt sein wird – all das schlägt sich in Verfassungen und Gesetzen nieder. An ihrer Gestaltung müssen Christen teilnehmen, daran müssen sie mit ihren Überzeugungen mitdiskutieren. Jens Spahn, der CDU-Abgeordnete aus Nordrhein-Westfalen, liegt daher völlig falsch, wenn er den Rückzug der Kirchen aus der politischen Debatte fordert – das Gegenteil ist notwendig.

Insofern repräsentieren Kirchentage auch die innere Vitalität der Christen in Deutschland. Je 24 Millionen Mitglieder haben die katholische und die evangelische Kirchen – eine gewaltige Zahl, ja: die größte gesellschaftliche Gruppe überhaupt. Die Christen im Lande mögen manchmal in ihrem Diskursverhalten zu diszipliniert sein. Sie meiden den Straßenprotest der Gewerkschaften, die physische Gewalt von Islamisten, das Lautsprechertum radikaler Minderheiten. Aber sie sind präsent, eine „fleet in being“, ein Überzeugungspotential, mit dem man rechnen und auf das man Rücksicht nehmen muss.

Berlin als Ort des Kirchentages – für den rot-rot-grünen Senat, der mit seinem Neutralitätsgesetz alles rational unbegreifbar Religiöse am liebsten ganz verschwinden machen will aus einer vorgeblich vernünftige Welt , mag das eine Provokation sein. Zeitgleich führt man dort eine Debatte über die Frage, ob die Kuppel des wiederaufgebauten Stadtschlosses in der Berliner Mitte mit einem Kreuz versehen werden soll. Natürlich wäre das richtig. Zugleich aber, so sagte es kürzlich ein Bischof, ist die Frage wenig relevant, solange die Sonne auf den Fernsehturm am Alex jeden Tag aufs Neue ein großes Kreuz zaubert – weithin sichtbar und ein Zeichen eines durch Jahrtausende unzerstörbaren Christentums.

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