Mit Moskau reden

Von vorneherein wurden die Erwartungen gedämpft, die man an ein Treffen zwischen den Regierungschefs aus Frankreich, Russland, Deutschland und der Ukraine hätte haben können. Aber ein schneller Friede in der Ostukraine ist unrealistisch, und erst recht gilt das für die desolate Lage in Syrien. An Gesprächsrunden zu diesen Themen mangelt es ja nicht, vielmehr an Übereinstimmung in den strategischen Zielen: Russland hat eine eigene Agenda, die auf die Erweiterung der russischer Einflusssphäre zielt.

Die Frage, ob Gespräche mit Russland da überhaupt Sinn machen, ist schnell zu beantworten: Ja. Man könnte auch sagen: Das Gespräch an sich ist das Ziel, die Aufrechterhaltung von Kommunikationskanälen in einer Zeit großen außenpolitischen und menschenrechtlichen Dissenses ist eine zwingende Notwendigkeit jeder Diplomatie. Nachdem die Syrien-Gespräche zwischen den USA und Russland derzeit auf Eis liegen und sich das bis zum Amtsantritt des nächsten US-Präsidenten kaum ändern wird, ist das Eintreten Berlins als Koordinator dieser Kommunikation umso bedeutender.

Die Sinnhaftigkeit der Gespräche speziell für Europa zeigt aber auch beim Blick auf die Landkarte. Russland ist ein großer, in jeder Hinsicht bedeutsamer Nachbar der Europäischen Union, und das Land ist mit seinem westlichen Territorium diesseits des Urals auch Teil des europäischen Kontinents. Für alle Entscheidungen der europäischen Staaten und zumeist auch solchen der USA ist die russische Haltung also stets von Relevanz, ob das gelegen kommt oder nicht.

Ein dritter Grund kommt hinzu, ein Hoffnungsposten für die Zukunft – das ist die gemeinsame kulturelle Grundlage. Russland und der Westen, zumal die Staaten der Europäischen Union, entstammen kulturell der gleichen christlichen Grundwurzel. Zar Peter der Große hat beim Aufbau St. Petersburgs westliche Kunst und Kultur, westliche Architektur und westliche Sitten importiert, und das ist – jedenfalls im westlichen Teil Russlands – alles tief verankert. Diese Gemeinsamkeit wird vielfach gelebt, die kulturellen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind intensiver und produktiver als die politischen. Die Menschen Russlands empfinden sich als dem Westen zugehörig, nicht etwa Asien, und wer in Russland Geld hat und dem Rubel und der einheimischen Lage nicht traut, der legt sein Geld in Europa an oder den USA. Auch die Ausbildung der Kinder wird von denen, die sich das leisten können, im Westen gebucht.

Mit anderen Worten: Der Westen kann nicht ohne Russland, und Russland kann nicht ohne den Westen, politisch nicht, wirtschaftlich nicht, kulturell nicht. Die geopolitischen Entwicklungen fordern alle gemeinsam heraus, und sie bedürfen einer möglichst gemeinsamen Antwort. Das setzt freilich ein Miteinander voraus, das ohne imperialistisches Gehabe und ohne Aggression auskommt. Da hat Präsident Putins Benehmen noch erhebliches Korrekturpotential.

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