Aufbruch aus christlicher Müdigkeit

Katholikentage messen sich auch an politischen Zeitläuften. Wenn die Politik als Drama abläuft, ergreift die Brisanz regelmäßig auch diese Treffen katholischer Laien. Das war so in Zeiten des Kalten Krieges, der Nachrüstung, der Wiedervereinigung, und das ist jetzt so, da der Flüchtlingsstrom nach Europa und speziell nach Deutschland Fragen aufgeworfen hat, deren Beantwortung uns bisher entbehrlich schien. Denn wir waren uns selber gewiss, selbstzufrieden.

Nun aber hat uns das Fremde erreicht, Hilfsbedürftige meist, die ihre eigene Kultur mitbringen, auch Lebensüberzeugungen, die nicht die unseren sind. Wir stellen uns Fragen: Sind unsere Freiheiten in Gefahr? Sind Menschenwürde und Gleichberechtigung von Mann und Frau noch allgemein gültig? Wird unser Rechtsstaat herausgefordert? Wie fest verankert sind jene liberalen Qualitäten unseres Lebens, die wir zum großen Teil auch dem Christentum und seinem Menschenbild zu verdanken haben? Kurz: Es greift Verlustangst um sich.

Das alles wird dieser Katholikentag thematisieren. Er tut dies in einem Umfeld, das der Weltoffenheit des Christentums nicht nur freundlich gesonnen ist. Der dumpfe Protest gegen das Fremde, den die Pegida-Bewegung auch auf Leipzigs Straßen trägt und der sich auch in der AfD niederschlägt, bedarf des Widerspruchs der Christen. Aber auch die großartigen Freiheiten unserer Zeit, der Genuss europäischen und weltweiten Denkens und Reisens, der interkulturelle Austausch brauchen zugleich die christlich motivierte Verteidigung durch klare Grenzen. Christen sind es, die den Feinden der offenen Gesellschaft entgegentreten müssen, um unsere Freiheit zu sichern. Das heißt auch: Toleranz kann nicht grenzenlos, und Zuwanderung nicht unlimitiert sein.

In Leipzig wird man darüber reden – nicht aber mit der AfD. Deren Menschenbild des Nationalen, deren unchristliche Fremdenfeindlichkeit teile man nicht, heißt es, man werte sie durch Teilnahme nur auf. Der kritische Blick der Katholiken muss freilich auch nach innen gerichtet sein. Nicht nur Österreich hat bewiesen, wie weit die Fremdenfurcht bereits in bürgerlich-christliche Schichten vorgedrungen ist. Diese Beobachtung macht es notwendig, die Debatte von formalen Unterscheidungen wie Ethnien oder Religionen wegzuführen, hin zur harten Auseinandersetzung um die Werte, die unsere liberalen Gesellschaften des Westens ausmachen und die sie schwer genug erworben haben. Das ist auch der Maßstab, wenn wir anderen Ethnien und anderen Religionen bei uns klare Grenzen ziehen.

Darum muss man in Leipzig streiten. Die Verlustängste, die sich in Deutschland breitgemacht haben, schärfen zugleich den Sinn für unsere Aktiva, für das Wertvolle des Christentums. So kann man hoffen, dass in Leipzig ein entschiedener Selbstbehauptungswille des Christentums und seiner Werte seinen Ausgang nimmt, der seit langem überfällig ist. Der 100. Katholikentag in Leipzig als Aufbruchssignal für ein müde gewordenes Christentum: Das wäre eine gute Bilanz.

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