Ein Zeichen der Empathie

Der Papst ist kein Mann der großen Geste. Auch auf Lesbos hat er keine flammenden Reden gehalten gegen die humanitäre Zögerlichkeit der meisten EU-Staaten. Er hat nicht Anklage erhoben gegen Regime, deren Gewaltneigung kriegsauslösend ist und Menschen vertreibt. Er hat nicht abgewogen zwischen notwendiger Hilfe für Flüchtlinge und dem Menschenrechtsstandard jener, die diese Hilfe leisten. Weder der Europäischen Union, noch dem syrischen Staatschef noch dem türkischen Präsidenten hat er etwas ins Stammbuch geschrieben, auch den Amerikanern oder den Russen nicht. Nein, er vermied es, eine Analyse abzugeben zu den Kriegsursachen und zu denkbaren Therapien. Das hat ihm nun Kritik eingebracht.

Dabei hat Papst Franziskus etwas viel Wichtigeres getan: Er hat wieder ein Zeichen gesetzt, dass man aus der Position des wohlernährten, in Frieden lebenden Christen nicht einfach zuschauen darf. Man muss sich dort hinbegeben, wo die Not ist und Empathie zeigen. Empathie – dieses griechische Wort meint: Mitleiden. Für den Christen ist diese Fähigkeit der Empathie ein Grundgesetz, eine Wesensvoraussetzung. Wer in Not ist, darf auf Solidarität hoffen, denn das Christentum läuft nicht dem antiken Ideal des Starken und Schönen hinterher, sondern will den Schwachen, Kranken, Not leidenden, den Gefallenen dienen. Und ihnen mindestens Mut machen.

Dieser Papst verkörpert dieses christliche Ideal wie keiner seiner Amtsvorgänger. Denn er hat es nicht nur bei verbalen Beschwörungen belassen, die allerdings eindringlich sind, wie etwa jene bei einem Angelusgebet im Jahre 2013: „Ich will mir den Schrei zu eigen machen, der mit wachsender Sorge aus jedem Teil der Erde, aus jedem Volk, aus dem Herzen eines jeden aufsteigt, aus der ganzen Menschheitsfamilie: Das ist der Schrei nach Frieden! Wir wollen eine Welt des Friedens, wir wollen Männer und Frauen des Friedens sein, wir wollen, dass in dieser unserer Gesellschaft, die von Spaltungen und Konflikten durchzogen wird, der Friede ausbreche! Nie wieder Krieg! Nie wieder Krieg!“ Oder: „Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter. Wir haben es notwendig, diese Barmherzigkeit Gottes gut zu verstehen, dieses barmherzigen Vaters, der so viel Geduld hat.“ Diese Barmherzigkeit hat er auch auf Lesbos gezeigt.

Jenseits aller Worte begibt sich Franziskus auch direkt hinein in die Brennpunkte des Elends, ob in Mexiko, auf Lampedusa, in die südamerikanischen Slums, aus deren Umfeld Franziskus stammt oder jetzt auf Lesbos. Und keiner ist dabei so glaubwürdig, weil er sich selbst – anders als die Päpste vor ihm – um eine sparsame, karge, vorbildhafte Lebensführung bemüht.

„Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird“, hatte Franziskus die Europa-Parlamentariern 2014 bei einer Rede in Straßburg gemahnt. Der Besuch auf Lesbos war eine ob ihrer stillen Zeichenhaftigkeit sehr lautstarke Erinnerung daran.

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