Reiselust und Risiko

Die Deutschen, ein weltläufiges Volk. Exportweltmeister sowieso, aber auch Reiseweltmeister. Und daran – das hat die eben zu Ende gegangene Internationale Tourismusbörse in Berlin gezeigt – wollen die Bundesbürger auch nichts ändern. Die Wanderlust liegt in ihren Genen.

Das Poesiealbum der Nation ist voller schwärmender Einträge unserer Dichter und Denker: „Nur Reisen ist Leben – wie umgekehrt das Leben Reisen ist“, schrieb Jean Paul, und Lichtenberg beobachtete: „Ich bin nie gesünder, als wenn mich das Posthorn aus dem Schlaf weckt.“ Und selbst unsere eher bodenständigen Sachsen, deren zu großer Anteil gegenwärtig eher durch Fremdenfurcht von sich Reden macht, haben zu DDR-Gefängnis-Zeiten ihre Reiselust besungen: „Der Sachse liebt das Reisen sehr, und ihm liegt das in’n Gnochen. Drum fährt er gerne hin und her, in sein’n drei Urlaubswochen. Bis nunder nach Bulgarchen dud er die Welt beschnarchen.“

Nun beschnarchen sie nicht mehr nur den Goldstrand – die Deutschen sehen sich in der ganzen Welt um. 1,67 Milliarden Tage waren sie 2015 auf Achse, so viel wie nie zuvor, 71 % aller Reisen gingen ins Ausland, 29 Prozent ins Inland. Da Deutschland selbst auch ein schönes Reiseland ist, haben die Touristen hierzulande 278 Milliarden Euro ausgegeben. Davon lässt sich leben.

Die Vorlieben freilich ändern sich, denn deutsche Reiselust paart sich mit Risikofurcht. Die Länder des Nahen Ostens haben deshalb gegenwärtig Chancen nur bei solchen Touristen, die Risiko vernünftig einschätzen können. Selbst die Türkei leidet, nachdem dort im letzten Jahr durch einen Bombenanschlag im Zentrum Istanbuls zehn Deutsche starben und das jüngste Attentat in Ankara den Eindruck verstärkt, die Türkei sei ein unsicheres Reiseland.

Die Risiken werden freilich meist überschätzt. Die fokussierte Berichterstattung der Medien verzerrt die Dimensionen. Was würden wir Ausländern raten, die nach den Bildern vom Kölner Hauptbahnhof und solchen von angezündeten Asylanten-Wohnstätten nun Angst vor einer Deutschlandreise haben? Die Paris meiden, weil auch dort der Terror zuschlug? Kopenhagen? London? Natürlich würden wir sie beruhigen.

Reisen ist stets auch Risiko. Zu Hause bleiben allerdings auch. Nur: Der Blick von außen fördert die Zufriedenheit. Friedrich Nietzsche, unser Hausphilosoph, schrieb uns das ins Stammbuch: „Von dem, was du erkennen und messen willst, musst du Abschied nehmen, wenigstens auf eine Zeit. Erst wenn du die Stadt verlassen hast, siehst du, wie hoch sich ihre Türme über die Häuser erheben.“

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