Mein Freund, der „grüne Klaus“

Es gibt glückliche Menschen, die dürfen ihre innersten Neigungen zum Beruf machen. Einer von ihnen war mein Freund Klaus Deckert. Wenn man mit ihm, dem Garten- und Landschaftsarchitekten, über Bäume und Pflanzen sprach, dann rührte man an ein schier unerschöpfliches Wissen, das er sich in Studien, in Reisen und durch seine Erfahrung angesammelt hatte. Zuletzt war er der Gartenbaudirektor von Hamburg, also der Chef aller Parks und Friedhöfe – und von beidem hat Hamburg nicht wenige.

Klaus war nicht so sehr Freund der zum Prunk neigenden französischen Gärten mit ihren logischen Symmetrien, ihren Alleen und Wasserfontänen. Er liebte beiläufig- effektvoll gestaltete Gärten, die sich in die weite Natur öffneten. Es kam ihm auf die Kulisse an: Auf milden Vordergrund, eine Mittelszene und eine eher dramatischen Horizont. In seinen Landschaften sollte mit weitem Blick Meditation möglich sein, so wie einst in den alten chinesischen Gärten und Parks oder denen der römischen Antike. Und wer heute den schönen Hamburger Friedhof Ohlsdorf besucht oder den Jenisch-Park an der Elbe, der findet Deckerts Nachwirkungen.

Auch die englischen Parks und Gärten beeindruckten ihn, die im 18. Jahrhundert überall auf der Insel in Szene gesetzt wurden und dort, wo englischer Einfluss erwünscht war, auch auf dem Kontinent. Es ist zehn Jahre her, da animierte Klaus seinen Freundeskreis, mit ihm einmal nach Muskau zu fahren, in die Lausitz direkt an die polnische Grenze, ins Gartenreich des Fürsten Pückler. Der „grüne Fürst“ war nicht nur völlig verrückt nach seiner nubischen Freundin, die für die adlige Gesellschaft seiner Zeit besonders gewöhnungsbedürftig war, sondern vor allem nach mit großem Bedacht inszenierte Parklandschaften, England als Vorbild.

Er setze enorme Summen ein, um den weitläufigen Park von Schloss Muskau zu einer herrlichen Kulisse mit Grünflächen, Büschen und Bäumen aller Provenienz zu machen, mit Wasserläufen, Brücken und akzentsetzenden kleinen Gartenpavillons. Darüber ging er Pleite, ein „grüner Bankrott“ sozusagen. Freilich gab er nicht auf, verkleinerte seinen Lebensstil und unternahm, samt seiner Nubierin, einen neuen Anlauf im Park von Schloss Branitz in Cottbus, wo er auch begraben liegt (stilvoll in einer Pyramide mitten in einem kleinen See). Der weiteste Weg lohnt sich, diese beiden Parks anzuschauen, und vielleicht auf dem Wege noch den Park in Wörlitz – ein Unesco-Weltkulturerbe – „mitzunehmen“.

Auch in meinem Garten hat Klaus Deckert sich verewigt. Eines Tages brachte er mir einen Gartenplan. Darin hatte er seine Ideen niedergelegt, wie man aus unserer kleinen, von Obstbäumen umrandeten Wiese einen anmutigen Kulissen-Garten machen könnte: Ein Rosenrondell als Unterbrechung links, einen kleinen Pavillon dahinter, der neue Perspektiven im Blick auf Garten und Haus ermöglicht, eine neue Gruppierung von Stauden, Büschen, Bäumen, die gärtnerisch gestaltete Öffnung des Gartens zum Dorf hin. Das setzen wir um. Mein Freund, der „grüne Klaus“, kann das nicht mehr sehen. Er liegt in Ohlsdorf begraben, „seinem“ Park.

(Erschienen in Christ und Welt, 5.1.2016)

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