Von der Kraft des Christentums

Weihnachtstage sind Tage der Selbstbesinnung. Wofür stehen wir? Was macht ein Leben aus jenseits materieller Güter? Was ist es wert, verteidigt zu werden? Der nicht endende Flüchtlingsstrom unserer Tage verschärft die Fragen: Wie selbstbewusst sollten sich Christen in unserem Land zeigen angesichts wachsender Zahlen religiös aktiver muslimischer Mitbürger? Wie sähe unsere Welt aus ohne Christentum?

Seine Schwäche ist, zumindest im reichen Westen, unübersehbar. Der Glaube kränkelt, christliche Bindungskräfte nehmen ab. Familien und soziale Umfelder reproduzieren nicht mehr automatisch christlichen Nachwuchs. Was aber hat das Christentum gebracht? Worauf würden auch jene nicht verzichten wollen, die sich nicht zu den Kirchgängern zählen?

Das ist zunächst das Menschenbild. Griechen und Römer kannten Herren und Sklaven, Gebildete und Ungebildete, Männer und Frauen, Wohlgeratene und Sieche, Ausbeutung der einen durch die anderen. Erst das Christentum unternahm es, die Unterschiede in Menschenwürde und Menschenrechten einzuebnen. Gerechtigkeit lässt sich eben nur entfalten, wenn jeder die gleiche Würde beanspruchen kann. Nur diese Idee der Gleichheit kann letztlich eine Kultur des Sozialstaates begründen.

Auch unsere Vorstellung von Zeit ist christlichen Ursprungs. Wir zählen die Jahre „nach Christi Geburt“, wir messen und teilen ein, wir gestalten unser Leben in strengen Zeitkontingenten. Das hat uns zu einer lebendigen und leistungsfrohen Gesellschaft gemacht, die nicht in meditativer Versenkung erschlafft. Diese Zeitvorstellung ist Antrieb unserer Wissenschaftskultur, einer vorwärtsdrängenden Neugier, die uns zukunftsoffen hält.

Daran knüpft unser Arbeitsethos. Bete und arbeite, hat man uns Christen gelehrt, unsere Gesellschaft als Wechselspiel zwischen zweckbetonter und zweckfreier Zeit, die den Menschen vom dauerndem Müßiggang fernhält. Die Klöster in Europa und anderswo waren Ursprung und Vorbild dieses christlichen Taktes, der unsere Lebensform bis heute erfolgreich macht.

Auch unsere Staatsidee ist vom Christentum geprägt: Religion und Staat leben nebeneinander, in einem konstruktiven Verhältnis zwar, aber der eine beansprucht nicht die Macht des anderen: Staatliches und Göttliches sind getrennt, anders als in islamischen Staatsmodellen, in „Gottesstaaten“, die den ganzen Menschen theokratischem Machtwillen unterwerfen. Seit das Christentum die Pflege der Seelen beansprucht, wird es von politischen Religionen als Feind wahrgenommen: vom Kommunismus, vom Faschismus, vom Nationalsozialismus, vom Islamismus. Sie alle wollten und wollen ungeteilte Macht über den ganzen Menschen.

Auch die Künste sollten wir nicht vergessen. Wie arm wäre die Welt ohne die Bilder und Skulpturen von Michelangelo, die sakrale Musik von Palestrina, Mozart, Beethoven oder Händel, ohne Bachs „Weihnachtsoratorium“, ohne die Werke christlicher Baukunst.

So könnten die Weihnachtstage Gelegenheit für die Wahrnehmung der Kraft sein, die das Christentum unserer Gesellschaft gegeben hat. Wir haben, Kirchgänger oder nicht, allen Grund, diese Kraft zu verteidigen.

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