Sein kluger Rat wird fehlen

Als am Montag der fünfte Kanzler der Bundesrepublik in Hamburg zu Grabe getragen wurde, so galt die Ehre eines Staatsbegräbnisses zunächst den politischen Leistungen Helmut Schmidts in seiner achtjährigen Kanzlerschaft. 1974 bis 1982 – das waren Jahre, deren politische Agenda auch rückblickend als nachhaltig bedeutsam eingestuft werden muss.

Durch die Weltwirtschafts-Rezession und die Ölkrise steuerte Schmidt das Land geschickter, als dies anderen Industriestaaten gelang. Zusammen mit Frankreichs Staatspräsident Valèrie Giscard d’ Estaing konstruierte er das Europäische Währungssystem mit dem ECU, in genialer Voraussicht auf die Notwendigkeit des Euro. Den Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) beantwortete Helmut Schmidt mit Härte, wenn er sich auch über die menschlich schwer tragbaren Folgen vor allem im Falle Hanns Martin Schleyers im Klaren war. Er bestand auf einem Rüstungsgleichgewicht zwischen West und Ost und ermöglichte die Nachrüstung des Westens mit SS 20-Raketen bei gleichzeitigem Verhandlungsangebot an Russland – dem NATO-Doppelbeschluss.

Schmidt hatte eine klare Vorstellung von der Welt und Deutschlands Rolle darin. Diese Rolle war nach seiner Überzeugung eine zuerst europäische. Mit neun Nachbarn leben: „Uns Deutschen ist daher in einem ungewöhnlich hohem Maße die Kunst guter Nachbarschaft auferlegt“, schrieb er in einem seiner Bücher, „in dieser Tatsache liegt eine andauernde Belastung“, zentrifugale und zentripetale Kräfte hätten sich über das letzte Jahrtausend in Mitteleuropa abgewechselt, die Deutschen darin wechselweise als nach außen vorstoßender Macht oder als Beute stärkerer Kräfte von außen.

Neue Kriegswirren durch ein einiges, friedliches Europa verhindern – aus dieser politischen Raison d’Être bezog Schmidt auch seine feste Überzeugung, diesen Frieden durch starke Bindung an die anderen freiheitlich gesinnten Staaten der Welt, Amerika zuvörderst, abzusichern.

Aus seinem Vorrat an Erfahrung und Überzeugungen erteilte er – gebeten oder nicht – den politischen Akteuren stets Rat, äußerte Kritik, beschrieb Ziele und Maßnahmen. Insofern mutierte Helmut Schmidt nach seiner Kanzlerschaft zu einem bedeutenden politischen Publizisten, dem die Hamburger Medienlandschaft – von der ZEIT bis zum NDR – bereitwillig prominente Resonanz verschaffte.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ – diese Psalm-Worte legte der Hamburger Hauptpastor Alexander Röder in seiner Trauerpredigt aus. Helmut Schmidts Klugheit aus Unabhängigkeit ist es, die wir missen werden, den Rat eines Patrioten, der für sich selbst nichts mehr, für sein Land aber alles Gute wollte.

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