Herbst in Europa

Von ihrer Ehe war immerhin noch eine Freundschaft übriggeblieben, als Rainer Maria Rilke an seine Frau, die Künstlerin Clara Westhoff, 1904 ins Bremische schrieb: „Nun sollten Sie draußen bleiben in dem einsam werdenden Landhaus und sollten die geliebten Bäume leiden sehen in dem wachsenden Winde und sollten sehen, wie der dichte Garten vor den Fenstern zerreißt und weit wird und überall, auch an den ganz tiefen Stellen, den Himmel zeigt, der, unendlich müde, sich regnen läßt und mit schweren Tropfen an die alternden Blätter schlägt, die in rührender Demut sterben.“

Ganz so sieht es aus, wenn ich aus dem Fesnter meines Reetdachhauses in der Heide hinausschaue: nass, kalt, die Wiese voller gelber, roter, brauner Blätter. Vier Eichen stehen auf unserem Grundstück, jahrhundertealt. Auf den Bildern des Malers Otto Thiele, den die Kriegswirren 1946 nach Egestorf geworfen hatten und der sich Brot gegen Gemälde verdiente, stehen sie in bereits ehrfürchtiger Größe, ihre Kronen schlagen schon auf seinen Leinwänden turmhoch über den Dachfirsten zusammen.

Vier Eichen – die Blätter fallen zwar „in rührender Demut“, wie Rilke schrieb, aber wegräumen muss man sie und die Berge von Eicheln doch. Das dauert Tage. Sie sind in diesem Jahr besonders zahlreich und dann, sagen die alten Bauern hier, gibt es einen besonders harten Winter. Zum Wochenende sinken die Temperaturen gegen null, prophezeien die Wettefrösche, also muss man die Beete leeren, den Kompost ausbringen, die Schneckennester zerstören. Und die Gartenprofis lassen jetzt gar Bodenanalysen machen, und lassen Humusgehalt, pH-Wert und den Gehalt an Kalzium, Phosphor, Kalium, Magneisum, Kupfer, Eisen, Mangan und Zink bestimmen, damit sie ihren Gemüsegarten mit dem richtigen Dünger fürs kommende Jahr in Topform bringen.

Natürlich, das alles ist Arbeit. Laubharken zumal, aber es hat zugleich etwas Kontemplatives. So ist Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen zu den Geschehnissen der Zeit, rund um den Anschlag in Paris, die sich schließenden Grenzen Europas, den inneren politischen Zustand unseres Landes und seiner Parteien. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ fordert einer der Herausgeber Angela Merkel indirekt zum Rücktritt auf („Die Deutschen haben nichts gegen ein freundliches Gesicht an der Spitze ihrer Regierung. In solchen Zeiten aber wollen und müssen sie ein anderes sehen: ein hartes.“). Die Union ist in sich unruhig, die Koalition sowieso, Europa wird von unsolidarischem Nationalismus zerfressen – ein zu hoher Preis für die noch immer beinahe ungebremste und zu wenig kontrollierte Aufnahme von Flüchtlingen.

Rilkes „Herbsttag“ endet: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr./ Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,/wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben/ und wird in den Alleen hin und her/ unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ Es ist Herbst in Europa, und man wünschte sich ein Wunder, das die ruhigen Zeiten europäischen Friedens, europäischer Solidarität und europäischen Aufbauwillens zurückbringt.

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