Europas Würde – gerettet?

In meinem Gemüsegarten steht noch der Lauch, aus dem Gewächshaus sind die letzten Gurken und Tomaten geerntet, Platz bleibt nur noch für Salat. Ein paar Kohlrabi finden sich noch im Beet. Aber der Apfelbaum hängt voller frisch – saftiger Boskop-Früchte, ein Apfel pro Tag hält bekanntlich den Doktor fern.

Auch die Quitten wurden dieser Tage vom Baum gepflückt, daraus ist Quittengelee geworden und aus dem Trester Quittenbrot. Manches davon bringen die Nachbarn zum „Flüchtlingscafe“ mit, das zweimal im Monat im Gemeindehaus stattfindet. Die 60 Flüchtlinge sind in unserem Heidedorf akzeptiert, die Hilfsbereitschaft hat nicht abgenommen. Und wir wissen sicher: Es werden noch mehr kommen.

Wie auch anders? Nichts kann Millionen von Flüchtlingen aufhalten, kein Militär mit Schusswaffen, keine Zäune, ohne dass es zu menschlichen Katastrophen käme und die Wertegemeinschaft Europas sich zutiefst blamieren müsste. Die Völkerwanderung schafft sich ihre Fakten selbst.

Man kann sagen: Angela Merkel hat, indem sie die Grenzen öffnete, diese Alternativlosigkeit erkannt. Durch ihr Willkommen aber hat sie auch die europäische humanistische Idee gerettet. Sie hat getan, was Christenpflicht ist: ”Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. … Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matth. 25, 35 + 40)

Die allermeisten Flüchtlinge kommen nach Europa ja nicht, weil hier die Teller gefüllter wären. Sie hoffen vor allem auf ein friedliches, ein menschenwürdiges Leben ohne Krieg, sie wollen ein Stück irdischen Lebensglücks, das ihnen ihre Heimat nicht mehr gewähren kann. Und viele werden heimkehren, wenn ihre Heimat wieder sicher ist.

Sie kommen in eine demokratische Staatengemeinschaft freier Menschen, einen Rechtsstaat, in der Mann und Frau gleichberechtigt sind; und in der Toleranz zwischen den Religionen selbstverständliches Gebot ist. Das müssen sie für sich so leben, denn das alles zusammen definiert diesen Garten Eden – die Europäische Union.

Warum aber beteiligen wir daran nur jene, die es bis zu uns geschafft haben? Warum sorgen wir nicht intensiver dafür, dass auch anderswo ein solches Leben möglich ist, man also nicht bei Gefahr für Leib und Leben aufbrechen muss in andere Erdteile? Wie gehen wir also mit den Brutstätten des Terrors in Syrien, Libyen, Afghanistan, Eritrea, Saudi-Arabien um?

„Den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des ‚Islamischen Staates’ oder des Assad-Regimes“, hat Friedenspreisträger Navid Kermani eben in Frankfurt gesagt – und alle haben ergriffen applaudiert. Die Suche nach einer Antwort auf Kermanis Anfrage wird gewiss die nächsten Monate bestimmen.

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