Franz Josef – korrupt?

Franz Josef Strauß – Gott habe ihn selig – war korrupt. Das schreibt der SPIEGEL zu Straußens 100. Geburtstag, und er breitet dafür eine Reihe alter Dokumente aus. Sie sollen zeigen, dass sich Bayerns Übervater „über Jahre mittels einer Briefkastenfirma von Unternehmen und Unternehmern schmieren“ ließ, und zwar „mit fünf- und sechsstelligen Beträgen, von 1964 bis offenbar in die Achtzigerjahre.“

Wer zu Straußens Zeit in Bayern gelebt hat, wäre von solchen Vorgängen kaum überrascht. Der Freistaat des Franz Josef Strauß war eine religionsähnliche Veranstaltung, eine benevolente totalitäre Demokratie, ein absolutistischer Hofstaat mit Regenten, die keinen demokratischen Prozessen entsprungen waren – oder wie immer man die Herrschaftsverhältnisse zwischen 1961 und 1988 bezeichnen will.

Es gab einen engen inneren Freundeskreis um Franz Josef Strauß, der eine Art geheimes Kabinett jener Zeit bildete. Mit diesen Amigos schmiedete Strauß, gerne auf Jagden, politische und private Pläne und entschied Personalpolitik. All das wurde dann vom bayerischen Hofstaat umgesetzt, Leute wie Gerold Tandler oder Edmund Stoiber waren für strikte Erledigung bekannt. Manches davon war knapp am Gesetz vorbei, Vorgänge, wie sie im bis heute lesenswerten Buch „Macht und Missbrauch. Franz Josef Strauß und seine Nachfolger“ des bayerischen Finanz-Ministerialrats Wilhelm Schlötterer eindrucksvoll geschildert sind.

Zugleich freilich muss man konstatieren: Nie war Bayern so gut regiert wie zu Straußens Zeit. Seine Nachfolger – Max Streibl, Edmund Stoiber, Günther Beckstein und Horst Seehofer – haben von dieser Substanz gezehrt. Strauß baute energisch die bayerische Wirtschaft aus, ohne ihn gäbe es heute das weltweit erfolgreiche Unternehmen Airbus nicht, er sicherte Bayerns Energieversorgung, stärkte die innere Innovationskraft durch ein Netz von regionalen Universitäten, perfektionierte die Infrastruktur durch Autobahnen, Bahn- und auch Schifffahrtsstrecken, darunter das Jahrhundertwerk des Rhein-Main-Donau-Kanals. Nicht zu vergessen: Strauß hielt die CSU stets in bundespolitisch bedeutsamer Rolle.

Er hat Bayern zugleich außenpolitisch machtvoll positioniert. Ihn empfing jeder Staatschef der Welt, nicht aus Höflichkeit, sondern aus Respekt und im Wissen um seine weite Durchsetzungsfähigkeit. Dass die Ostpolitik letztlich erfolgreich in die Wiedervereinigung mündete, ist über den bayerischen Milliardenkredit an die Not leidende DDR hinaus auch sein Werk, von der gesamtdeutschen Idee war er nachdrücklich überzeugt, und ein visionärer Europäer war er auch. Bayern selbständig? Für die aktuell propagierten Abspaltungsideen seines willigen publizistischen Vollstreckers Wilfried Scharnagl hätte Strauß bei allem bayerischen Selbstbewusstsein wohl nur Spott übrig.

Strauß war eine schillernde Figur. So nimmt man die Enthüllungen des SPIEGEL eher achselzuckend hin, eine Fußnote der bayerischen Geschichte, die ihren Erfolg nicht mindert.

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