Die ethische Achillesferse der Energiewende

Das sind frische Wochenenden auf dem Land: sonnenreiches Spätsommerwetter, klares Licht über den weiten Flächen. Auf den meisten Feldern ist die Ernte eingebracht, nur die Kartoffeln warten meist noch auf die Ernte. Und der auf immer mehr Flächen angebaute Mais. Der ist zu wachsenden Anteilen nicht für den Verzehr bestimmt, sondern landet in Silagen und wird dann in Biogasanlagen verwendet. Deutschland vermaist, muss man klagen. 2013 wurde auf 2,5 Millionen Hektar Mais angebaut in Deutschland, ein Drittel davon für Zwecke der Energieversorgung.

Das ist ein doppeltes Problem. Zum braucht der Mais besonders viel Düngung, was zu steigenden Nitratwerten im Boden und zu überschrittenen Grenzwerten in den darunter liegenden Grundwasserschichten führt. Zum anderen aber ist dieser hochsubventionierte Energiemais auch deshalb die ethische Achillesferse der Energiewende, weil diese Flächen für den Anbau von Nahrungs- oder Futtermitteln nicht mehr zur Verfügung stehen.

Dabei wäre das besonders notwendig. Der jüngste Welternährungsbericht der Vereinten Nationen hat uns gelehrt, dass weltweit noch mehr als 800 Millionen Menschen chronisch unterernährt sind. Zwar bemüht man sich in allen Erdteilen darum, diesen Hunger zu bekämpfen. China war darin besonders erfolgreich, aber auch Lateinamerika und die karibischen Staaten. Aber mehr als 500 Millionen Menschen leiden noch heute in Asien und Afrika Hunger, die Prognosen zum Bevölkerungswachstum lassen erwarten, dass dieses Hungerproblem weiter steigt.

Wer hungert, wird für unsere saturierten westlichen Moralpredigten in Sachen Ernährung, für Bio- und Veggie-Etiketten oder auch die Menschenrechts-Mahnungen nicht viel übrig haben. Wie heißt es in Brechts Dreigroschenoper? „Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben/und Sünd’ und Missetat vermeiden kann/zuerst müsst ihr uns schon zu fressen geben./dann könnt ihr reden. Damit fängt es an. /Ihr, die ihr euren Wanst und unsere Bravheit liebt/ Das eine wisset allemal:/Wie ihr es immer dreht und immer schiebt,/erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Darüber lässt sich nachdenken, wenn man ein Urteil sucht zu den gewaltigen Flüchtlingsströmen, die gerade Europa erreichen. Unsereiner erntet, was gerade im Gemüsegarten steht: Gurken, Tomaten, Bohnen, Sellerie und Kohlrabi, Quitten und bald Äpfel und Pflaumen, den Rest kaufen wir in übervollen Supermärkten. Ja, es ist auch Leistung, dass es uns so gut geht. Aber auch eine besondere Gnade, dass wir zufällig im glücklicheren Teil zur Welt kamen. Dieses Glück müssen wir jeden Tag rechtfertigen.

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