Die Weltbild-Pleite: Hat die katholische Kirche versagt?

Das Ziel des Weltbild-Verlags und seiner kirchlichen Gesellschafter war anspruchsvoll. Man wollte „christliche Werte mit den Erfordernissen des Marktes überzeugend in Einklang“ bringen. Über Jahrzehnte gelang dieser Versuch auch. Die Weltbild-Gruppe war die Erfolgsgeschichte des Carel Halff, der 1975  – damals 23jährig – gerufen wurde, um den maroden Verlag Winfried-Werk zu sanieren. Dort erschien ein buntes Spektrum katholischer Zeitschriften, die heute keiner mehr kennt: „Mann in der Zeit“, hießen sie (später „Weltbild“), oder „Gegenwartsfragen in katholischer Schau“.

Mit Zeitschriften war nicht viel zu gewinnen. Halff setzte deshalb auf den Bücherdienst, zog einen buchclubähnlichen Katalogversand auf. Später stieg er  in den stationären Buchhandel ein, tat sich mit Partnern zusammen – 450 Buchhandlungen gehören heute zur Gruppe. Halff  gründete auch zahlreiche Buchverlage, brachte die in partnerschaftliche Großverlagsgruppen ein. 1999 begann er den onlinehandel mit der Marke „buecher.de“ und baute Weltbild zum Online-Versandhaus auf, in dem von Büchern über elektronische Lesegeräte und CDs bis hin zu Spielwaren, Fitnessgeräten, Geschenkartikeln und Textilien alles zu haben ist. Ein virtuelles Großkaufhaus, ein Gemischtwarenladen, mit zuletzt milliardenschwerem Umsatz.

Trend der Zeit freilich ist die Spezialisierung. Als reiner Vertriebsspezialist zog  amazon.de mit enormem Kapitaleinsatz an Weltbild vorbei. Und der Gemischtwarenladen auf Weltbild.de wurde ausgestochen von Internetplattformen, die einzelne Produktgruppen in einem tiefgestaffelten Sortiment anbieten – da ist schwer mitzuhalten. Der Umsatzeinbruch der letzten Monate war hier das letzte Zeichen. Kurz: Das Geschäftsmodell von Weltbild ist gescheitert, weil es nicht rechtzeitig angepasst und konzentriert wurde.

Gescheitert ist damit nicht nur Carel Halff selbst und seine Führungsriege, die – der Rückblick macht klüger – viel eher hätten umsteuern müssen.  Mit diesem Fehler waren sie nicht allein. Es ist ihnen gegangen wie vielen anderen – von Quelle über Neckermann bis zum Schuhgroßfilialisten Görtz, die die Kraft des Internets und den dadurch verursachten drastischen Strukturwandel im Handel massiv unterschätzt haben.

Gescheitert ist auch die katholische Kirche als Gesellschafter. Der Weltbild-Aufsichtsrat – zwölf deutsche Bistümer, der Verband der Diözesen Deutschlands und die Berliner Soldatenseelsorge sind Anteilseigner – war zu kirchenlastig besetzt, zu wenige Fachleute haben die Geschäftsführung kontrolliert. Sie alle haben den Zeitpunkt verpasst, zu dem das Unternehmen noch mit großem Gewinn hätte verkauft werden können, vor fünfzehn Jahren noch war beispielsweise Bertelsmann an einer Übernahme dringend interessiert. Vor allem aber haben sie sich in den letzten Jahren, ausgelöst vom Kölner Kardinal Meisner,  über die Sinnhaftigkeit einer kirchlichen Beteiligung an Weltbild eine öffentliche Schlacht geliefert, die dem Unternehmen und der damit verbundenen Marke „Weltbild“ drastisch schaden musste. Das war in höchstem Maße unprofessionell und hat zum Niedergang beigetragen.

Ist es unfair von den Bistümern, jetzt den Stecker zu ziehen? War der insolvenzantrag „widerlich“, wie der Augsburger Verdi-Sekretär das formulierte? Nein, das war er nicht. Er war betrüblich, aber, nach allen Fehlentscheidungen der letzten Jahre, unausweichlich. Die schlechten Umsätze der letzten Monate erhöhten allein den kirchlicherseits aufzubringenden Sanierungsbetrag für die kommenden drei Jahre von bisher geplanten 60 auf etwa 160 Millionen Euro, zusätzlich lasten 180 Millionen Euro Schulden auf dem Unternehmen. 340 Millionen Euro an Kirchensteuergeldern zu investieren mit ungewissen Erfolgsaussichten – das ist dem Kirchenvolk und den Kirchensteuerzahlern nicht zuzumuten.

Ein Wirtschaftsunternehmen, zumal in der Größenordnung von Weltbild, unterliegt klaren  betriebswirtschaftlichen Kriterien, zudem solchen des deutschen Wirtschaftsrechts. Daran muss sich auch ein Gesellschafter Kirche halten, man kann die Entwicklungen der Märkte in Deutschland und daraus folgende betriebswirtschaftliche Konsequenzen nicht durch sozialethische Überlegungen verhindern. Aber: Sozialethik ruft dazu auf, die Folgen solcher Prozesse zu mildern.

Das ist nun erste Aufgabe der kirchlichen Gesellschafter bei Weltbild. In seinem Zorn hat der Augsburger Verdi-Sekretär behauptet, die Kirche hätte „jahrelang fette Gewinne“ abgeschöpft, „sich so die Prunkbauten mitfinanzieren lassen“ und würde dann, „ wenn die Belegschaft Hilfe braucht, die zugesagten Gelder wieder streichen.“ Beides entspricht nicht den Tatsachen: Die Gewinne wurden jahrzehntelang in das Unternehmen reinvestiert, sonst wäre die Expansion von Weltbild gar nicht möglich gewesen. Und die zugesagten Gelder – 60 Millionen Euro – werden keineswegs gestrichen, sondern stehen für die soziale Abfederung jener Mitarbeiter zur Verfügung, die von der Insolvenz betroffen sein werden. Und wenn es nicht reicht, wird die Kirche etwas drauflegen müssen.

Wohlfeil sind jetzt auch Stimmen, die sich durch das Weltbild-Desaster in ihrer Forderung bestätigt fühlen, die Kirchen hätten in der Wirtschaft nichts zu suchen. Papst Benedikt habe mit seiner „Entweltlichungsformel“ in seiner Freiburger Rede schon Recht gehabt, mithin: Kirche müsse sich ganz auf Verkündigung konzentrieren und sich aus allen wirtschaftlichen Zusammenhängen zurückziehen.

Ein solcher Gedanke ist naiv. Die katholische Kirche nimmt, wie auch die evangelische, jährlich mehr als fünf Milliarden Euro Kirchensteuern ein. Diese Gelder werden von den Kirchenmitgliedern bekanntlich freiwillig bezahlt in der Absicht, die Kirchen in den Stand zu setzen, ihren Verkündigungsauftrag inmitten unserer Gesellschaft zu erfüllen. Sie sollen damit Gemeinden unterhalten (woran jedenfalls die katholische Kirche beklagenswert spart), man erwartet christliche Krankenhäuser, Altenheime, Schulen und Kindergärten.  Die 50 Millionen Christen im Lande wollen, dass diese Gesellschaft ihre christliche Prägung nicht verliert und christliche Botschaft offensiv lebt und sich nicht in stille Winkel der Meditation zurückzieht. Das ist der Auftrag, den die Christen mit der Kirchensteuer ihrer Kirche geben, der katholischen wie der evangelischen.

Also sind die Kirchen damit auch als wirtschaftliche Akteure in die Mitte der Gesellschaft gezwungen. Sie sind Arbeitgeber für Hunderttausende von Menschen, die in allen kirchlichen Einrichtungen ihren Dienst tun. Sie sind Besitzer der Immobilien, in denen das geschieht. Sie sind Verwalter der ihnen anvertrauten Gelder und brauchen dazu die besten Leute.

Der Fall Weltbild zeigt, dass an dieser Stelle noch großer personalpolitischer Nachholbedarf besteht. Die Professionalisierung der insoweit „weltlichen Kirche“ bleibt eine Daueraufgabe, wie auch die Verbesserung der Transparenz im Umgang mit den Kirchensteuergeldern.  Wenn die deutschen Bistümer sich nun offensiv dieser Diskussion stellen, wenn sie ihre Wirtschaftstätigkeit auf jene Bereiche beschränken, die mit ihrem Verkündigungsauftrag tatsächlich zu tun haben, wenn sie mehr Transparenz zeigen – dann wäre durch Limburg und Weltbild doch noch etwas gewonnen.

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