Die Weltbild-Pleite: Hat die katholische Kirche versagt?

Das Ziel des Weltbild-Verlags und seiner kirchlichen Gesellschafter war anspruchsvoll. Man wollte „christliche Werte mit den Erfordernissen des Marktes überzeugend in Einklang“ bringen. Über Jahrzehnte gelang dieser Versuch auch. Die Weltbild-Gruppe war die Erfolgsgeschichte des Carel Halff, der 1975  – damals 23jährig – gerufen wurde, um den maroden Verlag Winfried-Werk zu sanieren. Dort erschien ein buntes Spektrum katholischer Zeitschriften, die heute keiner mehr kennt: „Mann in der Zeit“, hießen sie (später „Weltbild“), oder „Gegenwartsfragen in katholischer Schau“.

Mit Zeitschriften war nicht viel zu gewinnen. Halff setzte deshalb auf den Bücherdienst, zog einen buchclubähnlichen Katalogversand auf. Später stieg er  in den stationären Buchhandel ein, tat sich mit Partnern zusammen – 450 Buchhandlungen gehören heute zur Gruppe. Halff  gründete auch zahlreiche Buchverlage, brachte die in partnerschaftliche Großverlagsgruppen ein. 1999 begann er den onlinehandel mit der Marke „buecher.de“ und baute Weltbild zum Online-Versandhaus auf, in dem von Büchern über elektronische Lesegeräte und CDs bis hin zu Spielwaren, Fitnessgeräten, Geschenkartikeln und Textilien alles zu haben ist. Ein virtuelles Großkaufhaus, ein Gemischtwarenladen, mit zuletzt milliardenschwerem Umsatz.

Trend der Zeit freilich ist die Spezialisierung. Als reiner Vertriebsspezialist zog  amazon.de mit enormem Kapitaleinsatz an Weltbild vorbei. Und der Gemischtwarenladen auf Weltbild.de wurde ausgestochen von Internetplattformen, die einzelne Produktgruppen in einem tiefgestaffelten Sortiment anbieten – da ist schwer mitzuhalten. Der Umsatzeinbruch der letzten Monate war hier das letzte Zeichen. Kurz: Das Geschäftsmodell von Weltbild ist gescheitert, weil es nicht rechtzeitig angepasst und konzentriert wurde.

Gescheitert ist damit nicht nur Carel Halff selbst und seine Führungsriege, die – der Rückblick macht klüger – viel eher hätten umsteuern müssen.  Mit diesem Fehler waren sie nicht allein. Es ist ihnen gegangen wie vielen anderen – von Quelle über Neckermann bis zum Schuhgroßfilialisten Görtz, die die Kraft des Internets und den dadurch verursachten drastischen Strukturwandel im Handel massiv unterschätzt haben.

Gescheitert ist auch die katholische Kirche als Gesellschafter. Der Weltbild-Aufsichtsrat – zwölf deutsche Bistümer, der Verband der Diözesen Deutschlands und die Berliner Soldatenseelsorge sind Anteilseigner – war zu kirchenlastig besetzt, zu wenige Fachleute haben die Geschäftsführung kontrolliert. Sie alle haben den Zeitpunkt verpasst, zu dem das Unternehmen noch mit großem Gewinn hätte verkauft werden können, vor fünfzehn Jahren noch war beispielsweise Bertelsmann an einer Übernahme dringend interessiert. Vor allem aber haben sie sich in den letzten Jahren, ausgelöst vom Kölner Kardinal Meisner,  über die Sinnhaftigkeit einer kirchlichen Beteiligung an Weltbild eine öffentliche Schlacht geliefert, die dem Unternehmen und der damit verbundenen Marke „Weltbild“ drastisch schaden musste. Das war in höchstem Maße unprofessionell und hat zum Niedergang beigetragen.

Ist es unfair von den Bistümern, jetzt den Stecker zu ziehen? War der insolvenzantrag „widerlich“, wie der Augsburger Verdi-Sekretär das formulierte? Nein, das war er nicht. Er war betrüblich, aber, nach allen Fehlentscheidungen der letzten Jahre, unausweichlich. Die schlechten Umsätze der letzten Monate erhöhten allein den kirchlicherseits aufzubringenden Sanierungsbetrag für die kommenden drei Jahre von bisher geplanten 60 auf etwa 160 Millionen Euro, zusätzlich lasten 180 Millionen Euro Schulden auf dem Unternehmen. 340 Millionen Euro an Kirchensteuergeldern zu investieren mit ungewissen Erfolgsaussichten – das ist dem Kirchenvolk und den Kirchensteuerzahlern nicht zuzumuten.

Ein Wirtschaftsunternehmen, zumal in der Größenordnung von Weltbild, unterliegt klaren  betriebswirtschaftlichen Kriterien, zudem solchen des deutschen Wirtschaftsrechts. Daran muss sich auch ein Gesellschafter Kirche halten, man kann die Entwicklungen der Märkte in Deutschland und daraus folgende betriebswirtschaftliche Konsequenzen nicht durch sozialethische Überlegungen verhindern. Aber: Sozialethik ruft dazu auf, die Folgen solcher Prozesse zu mildern.

Das ist nun erste Aufgabe der kirchlichen Gesellschafter bei Weltbild. In seinem Zorn hat der Augsburger Verdi-Sekretär behauptet, die Kirche hätte „jahrelang fette Gewinne“ abgeschöpft, „sich so die Prunkbauten mitfinanzieren lassen“ und würde dann, „ wenn die Belegschaft Hilfe braucht, die zugesagten Gelder wieder streichen.“ Beides entspricht nicht den Tatsachen: Die Gewinne wurden jahrzehntelang in das Unternehmen reinvestiert, sonst wäre die Expansion von Weltbild gar nicht möglich gewesen. Und die zugesagten Gelder – 60 Millionen Euro – werden keineswegs gestrichen, sondern stehen für die soziale Abfederung jener Mitarbeiter zur Verfügung, die von der Insolvenz betroffen sein werden. Und wenn es nicht reicht, wird die Kirche etwas drauflegen müssen.

Wohlfeil sind jetzt auch Stimmen, die sich durch das Weltbild-Desaster in ihrer Forderung bestätigt fühlen, die Kirchen hätten in der Wirtschaft nichts zu suchen. Papst Benedikt habe mit seiner „Entweltlichungsformel“ in seiner Freiburger Rede schon Recht gehabt, mithin: Kirche müsse sich ganz auf Verkündigung konzentrieren und sich aus allen wirtschaftlichen Zusammenhängen zurückziehen.

Ein solcher Gedanke ist naiv. Die katholische Kirche nimmt, wie auch die evangelische, jährlich mehr als fünf Milliarden Euro Kirchensteuern ein. Diese Gelder werden von den Kirchenmitgliedern bekanntlich freiwillig bezahlt in der Absicht, die Kirchen in den Stand zu setzen, ihren Verkündigungsauftrag inmitten unserer Gesellschaft zu erfüllen. Sie sollen damit Gemeinden unterhalten (woran jedenfalls die katholische Kirche beklagenswert spart), man erwartet christliche Krankenhäuser, Altenheime, Schulen und Kindergärten.  Die 50 Millionen Christen im Lande wollen, dass diese Gesellschaft ihre christliche Prägung nicht verliert und christliche Botschaft offensiv lebt und sich nicht in stille Winkel der Meditation zurückzieht. Das ist der Auftrag, den die Christen mit der Kirchensteuer ihrer Kirche geben, der katholischen wie der evangelischen.

Also sind die Kirchen damit auch als wirtschaftliche Akteure in die Mitte der Gesellschaft gezwungen. Sie sind Arbeitgeber für Hunderttausende von Menschen, die in allen kirchlichen Einrichtungen ihren Dienst tun. Sie sind Besitzer der Immobilien, in denen das geschieht. Sie sind Verwalter der ihnen anvertrauten Gelder und brauchen dazu die besten Leute.

Der Fall Weltbild zeigt, dass an dieser Stelle noch großer personalpolitischer Nachholbedarf besteht. Die Professionalisierung der insoweit „weltlichen Kirche“ bleibt eine Daueraufgabe, wie auch die Verbesserung der Transparenz im Umgang mit den Kirchensteuergeldern.  Wenn die deutschen Bistümer sich nun offensiv dieser Diskussion stellen, wenn sie ihre Wirtschaftstätigkeit auf jene Bereiche beschränken, die mit ihrem Verkündigungsauftrag tatsächlich zu tun haben, wenn sie mehr Transparenz zeigen – dann wäre durch Limburg und Weltbild doch noch etwas gewonnen.

Die Außenpolitik als Schicksal. Letzter Brief an die Kanzlerin.

Verehrte Frau Bundeskanzlerin,

wenn ich meine „Briefe an die Kanzlerin“ in der ZEIT der vergangenen drei Jahre so durchsehe, fällt mir auf, dass die Kritik an Ihrem Regierungshandeln nie grundsätzlicher Art war. Sie galt vielmehr meist der mangelnden Sichtbarkeit Ihres Regierungsstils. Nur selten hat man Sie mit großen programmatischen Reden vernommen, Sie haben nicht vernehmlich auf den Kabinettstisch geschlagen. Vielmehr verstanden Sie es, die Dinge still dorthin zu lenken, wo Sie sie haben wollten.  Das wird, nach all dem Regierungs- und Weltenlärm der letzten Jahre, als Wohltat empfunden.

Demonstratives Durchgreifen scheint ja auch unnötig. Die Wirtschaft läuft erfreulich. Die Regierung ist stabil. Der Koalitionsvertrag verheißt keine Revolutionen. Kurz: Innenpolitisch ist alles so, dass die Deutschen Sie gerne als „Schutzherrin des status quo“ wiedergewählt haben. Der Deutsche an sich liebt ja Kontinuität, Verlässlichkeit, Ruhe, Disziplin und damit eine weltbeobachtende, bewahrende und selbstbewusste Provinzialität. All das strahlen Sie aus.

Außenpolitisch aber können wir an einem Status quo gar nicht interessiert sein. Erstens ist die politische Struktur Europas höchst instabil: Verfassungsgerichte, nationale Parlamente und Volksentscheide stellen sich zunehmender Integration in den Weg. Findet Europa aber nicht zu innerer Einheit, gemeinsamen wirtschafts- und finanzpolitischen Konzepten und auch zu außenpolitischer Gemeinsamkeit, wird es im Konzert der Weltmächte binnen weniger Jahre vergleichsweise bedeutungslos werden.  Zweitens ist unsere Lage in der Welt nicht gerade beruhigend: Das Verhältnis zu den USA ist gestört und wird zunehmend beschädigt von antiamerikanischen Affekten, die sich hierzulande – wenn auch außerhalb der Regierung – wieder Raum bahnen. Der östliche EU-Nachbar Russland fühlt sich von Deutschland und der EU politisch vernachlässigt und auch vom Russlandbeauftragten Ihrer Regierung moralisch bevormundet. Auch innerhalb Europas wird Deutschland als Werte und Ordnungspolitik predigender Präzeptor wahrgenommen, als ökonomischer Musterschüler zudem, dem man mit Neid und Abneigung zugleich begegnet.

Die Außenpolitik bestimmt unser Schicksal. Ich erinnere mich eines Zusammentreffens auf Schloss Meseberg, bei dem Sie die politische Landschaft und ihre kleinen Aufgeregtheiten resümierten und anmerkten: „Wir stellen die falschen Fragen.“ Das ist wahr, schon wieder füllen Kleinigkeiten die Schlagzeilen, der Streit um die Maut etwa oder den staatlich verordneten Mindestlohn. Das betrifft uns, man kann sich (wie ich) darüber ärgern – aber wirklich wichtig ist das nicht. Wichtig ist die Außenpolitik. Danach muss man drängend fragen. Jeder Fehler dort wird uns historisch begleiten.

Deshalb bleibt der Wunsch bestehen: Reden Sie mehr und eindringlicher über Europa. Weichen Sie nicht und vor niemandem zurück, wenn es um die weitere Integration des Kontinents geht. Suchen Sie die offensive Debatte. Nur ein einiges Europa wird in den Geschichtsbüchern folgender Generationen positiv notiert sein. 100 Jahre nach Ausbruch des ersten Weltkrieges sollten wir das  wissen.

Manchmal habe ich mich gefragt, was Sie wohl dachten, wenn Sie (wenn überhaupt) diese „Briefe an die Kanzlerin“ meiner Kollegen Möller, Brender und von mir lasen. „Die haben leicht schreiben“, oder: „Wenn die Herren nur um alle Details wüssten…“? Aber so ist publizistische Kritik: Sie bezieht sich auf das Sichtbare des Vordergrundes – und ahnt doch, dass es häufig Hintergründe politischer Entscheidungen gibt, die für die Öffentlichkeit nicht taugen.

Eines aber haben Sie hier immer gespürt: den Respekt vor dem politischen Amt, zumal dem des Bundeskanzlers. Diese Verantwortung wird an Stammtischen oft  geschmäht, sie wird gemessen an der Verantwortung schlecht bezahlt. Aber sie ist gewaltig. Fehler hat man nicht selbst, die hat ein ganzes Volk auszubaden, und das oft auf lange Sicht.

Insofern: Ich wünsche Ihnen für 2014 Gesundheit und Standfestigkeit. Und ich wiederhole einen Satz, den ich schon Anfang 2012 schrieb: „Ich sehe niemanden, der gegenwärtig der bessere Kanzler wäre.“

(die „Briefe an die Kanzlerin“ erschienen seit April 2011).

 

Risse im Medienfundament der Demokratie – Anmerkungen zu Ursachen und Folgen

Was braucht man, um einen Staat zu begründen? Dreierlei, sagt die Staatslehre: Ein Staatsgebiet, die Staatsgewalt und ein Volk. Das Volk wiederum definiert sich zunächst auf formalrechtliche Weise durch die Ausgabe einer Staatsbürgerschaft, die ansonsten unverbundene Menschen zu einem Verbund zusammenschmiedet. Sie müssen, damit die Sache auch funktioniert, allerdings miteinander in Beziehung treten, also eine Kommunikationsbasis finden. Das ist umso wichtiger, je demokratischer das System ist, in dem sie leben wollen. Denn Demokratie lebt von ständig neuen Entscheidungen der Bürger, denen jeweils neue sachbezogene Information vorausgehen muss.

Was aber, wenn diese Information notleidend ist? Die Entwicklungen, die wir in unserem Mediensystem gegenwärtig erleben, lassen nichts Gutes ahnen. Da bekanntlich die jeweiligen Alterskohorten ihr einmal eingeübtes Medienkonsummuster zukünftig nicht ablegen, lässt sich heute schon absehen, wo die Medienlandschaft in wenigen Jahrzehnten stehen wird: Sie wird jedenfalls auf den Feldern der im weitesten Sinne politischen Information vollends webbasiert sein.

Auf den ersten Blick scheint das nicht nur kein Problem zu sein, sondern sogar eine Chance. Denn tatsächlich eröffnet das Internet eine Welt unbegrenzter Information, die nicht nur zahlenmäßig alle Maße sprengt, sondern auch keine nationalen Grenzen kennt. Darin liegen für Ideologie-Exporteure ungeahnte Chancen, weshalb der Kampf um die technische Basis des Weltinformationssystems, seine Kontrolle und seine Inhalte vielstellige Summen bei Regierungen, Unternehmen und wertgebundenen Institutionen bindet. Der Dschihad im Netz ist also Alltag.

Nimmt man das Kommunikationsbedürfnis einer Demokratie und gar einer Kulturnation zum Maßstab, werden die Nachteile offenkundig überwiegen.

I. Probleme durch die digitale Informationslandschaft

1. Da sind, im Bereich Print, zunächst die wachsenden Schwierigkeiten der Finanzierung von Qualitätsjournalismus. Die sinkenden Auflagen der Tageszeitungen haben das Verhältnis von Werbefinanzierung zu Vertriebserlösen dramatisch verändert. Steigende Copy-Preise haben den Trend zur Abbestellung verstärkt. Zugleich eröffnet die Abwanderung der Rezipienten zu Internetangeboten keine kompensierenden Einnahmemöglichkeiten. Die wesentlichen Angebote, die heute an der Spitze der Nutzung stehen, existieren, weil sie durch Printmedien oder aus anderen Verlagsgeschäften querfinanziert werden. Eingeführte Bezahlschranken haben daran nicht viel ändern können. Das ist auch nicht verwunderlich, da die schiere Masse der im Netz verfügbaren Informationen die Gratismentalität befördert, woran sich auf Dauer nichts ändern wird. 

Während die einen journalistischen online-Qualitätsofferten auf Querfinanzierungen beruhen, halten andere ihr Erscheinen im Wege der Selbstausbeutung aufrecht. Da die technischen Möglichkeiten das hergeben (und es sich beim „Journalisten“ ja um keine geschützte Berufsbezeichnung mit notwendig qualifizierter Ausbildung handelt), werden journalistische Internetseiten zum Zweitberuf oder zu Äußerungsplattformen für jene Journalisten, deren extrovertierter Grundcharakter und leidenschaftlicher Äußerungswille mit dem Erreichen der Pensionsgrenze nicht abgestorben ist und die durch starke Meinungen (aber in der Regel schwache, weil kostenintensive Recherchen) ihre Präsenz auf dem Meinungsmarkt aufrecht erhalten wollen.

2. Zugleich verlangt das Internet nach einem anderen, verkürzten journalistischen Stil. Er ist die Konsequenz der Erkenntnis aus Neuro- und Sozialwissenschaften, dass die „Digital Natives“ ein anderes Lese- und Mediennutzungsverhalten aufweisen als Nutzer ohne digitale Kinderstube. Sie scannen Texte eher als sie vertiefend zu lesen. Darauf muss bei der Abfassung von für die Internetnutzung vorgesehenen Texten Rücksicht genommen werden, will man erfolgreich sein, denn die Texte müssen selbst auf einem Smartphone noch übersichtlich bleiben.

In eigenen Kursen wird Volontären deshalb heute beigebracht, wie das kurze und knackige Formulieren für Internetangebote funktioniert. Da aber mit der technischen Konvergenz der Medien auch die inhaltliche Konvergenz einhergeht und sie in gemeinsamen Content-Redaktionen für die verschiedenen Verteilwege Print oder online ihren Ausdruck findet, schlägt der kurze Stil per Mehrfachnutzung der Texte direkt auf die Printmedien durch. Denn Online hat Vorrang, dieser Verteilweg erhöht die im Anzeigenmarketing nutzbare Reichweite eines Titels, während die Printauflagen überall kontinuierlich zurückgehen.

Die kulturellen Folgen dieses verkürzten, scannenden Lesens sind dramatisch. Wer nicht gründlich liest, weiß nicht, wie man etwas schreibt. Er wird sich mit allen anderen, denen es genau so geht, in regelmäßigen Abständen zusammenfinden im Ruf nach einer neuen Runde der Rechtschreibreform. Die praktische Auswirkung dieser Umstände lassen sich heute bereits an den Hochschulen besichtigen, die zu einem nicht geringen Teil von Studenten bevölkert sind, die des konzentrierten Lesens längerer Texte und ihrer inhaltlichen Verarbeitung sowie des Schreibens nicht mehr mächtig sind. Da aber – wie die PISA-Studie zur Lesekompetenz das zu Recht festgestellt hat, „Lesen … eine universelle Kulturtechnik (ist) und die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben einer modernen Gesellschaft“ erst ermöglicht, beschränken sich Menschen ohne entsprechende Lesekompetenz selbst in ihren Rechten und Pflichten als Staatsbürger.

3. Hinzu kommt eine Verflachung der Inhalte. Sie hat zunächst mit dem Personalabbau zu tun, der in früher gut ausgestattete Redaktionen Einzug gehalten hat. Die Zeit zur Recherche schwindet, zugelieferte Texte werden oft ungeprüft ins Blatt gehoben, was sich vor allem in lokalen und regionalen Bereichen feststellen lässt. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse insbesondere im Bereich der Hospitanten nehmen dort zu, Medienrezipienten werden unter dem Vorwand „demokratischer Nutzerbeteiligung“ in die redaktionelle Wertschöpfung integriert, ohne dass daran besondere Qualitätsmaßstäbe angelegt würden. Zugleich steigt die Konformität überregionaler Inhalte durch die Einrichtung von kostensparenden Zentralredaktionen für eine Vielzahl von Kopfblättern.

Die Verflachung der Inhalte wird zugleich wesentlich durch eine veränderte Nachrichtenselektion befördert. Wer in der Vielzahl der Internet-Offerten auf dem Informationsmarkt erfolgreich bleiben will, der muss sich einer boulevardesken Nachrichtenselektion bedienen. Was es damit auf sich hat, kennen wir nicht erst seit der Auflistung der Nachrichten-Selektionskriterien durch Niklas Luhmann. Die Selektoren sind dort markante Diskontinuität, Konflikte, Quantitäten, lokaler Bezug, Normverstöße.

Die in diesem Sinne möglichen Lese-Reize werden zunehmend sich gegenseitig überbietend genutzt. Sachbezogene Diskussionen des öffentlichen Diskurses finden sich in den Medien kaum wieder, wenn sie nicht mindestens einen „Konflikt“ hergeben, der dem Journalisten emotionale Aspekte, Seriencharakter und einen Sieger und Besiegten verspricht.  Aus markanten Diskontinuitäten werden – vor allem im ökologischen Zusammenhang – umstandslos Horrorszenarien und Weltuntergangsprognosen abgeleitet, auf die später – wenn sie nicht eingetreten sind – niemand mehr zurückkommt.  Waldsterben, Ozonloch, Robbensterben in der Nordsee, Schweinegrippe, Rinderwahn, Vogelgrippe, auch die aktuelle Klimadiskussion haben einen hysterischen Journalismus erlebt, der von den Notwendigkeiten einer gründlichen Recherche und einer skeptisch-distanzierten Berichterstattung weit entfernt ist, der aber von den zunehmend höheren Reizschwellen der Informationsrezipienten befördert wird.

4. Entsprechend gestaltet sich auch die mediale Wahrnehmung von Prominenz als Negativfolien. Normabweichungen (vor allem bei moralischen Normen), die früher hingenommen oder beschwiegen worden wären, gelangen heute schnell als „Skandal“ an die Öffentlichkeit. Vor Vorverurteilungen und Häme schrecken die Medien – beispielsweise im Fall Christian Wulff oder im Fall des Bischofs Tebartz-van Elst – bis hin zur FAZ nicht zurück. Vermutungen werden rasch als Tatsachen verkauft, Privatleben wird rücksichtslos öffentlich gemacht, geringste Normabweichungen durch Veröffentlichung skandalisiert.  Die angelegten Beurteilungsmaßstäbe an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, zumal an Politiker, sind dabei oft so rigoros, dass sie von kaum einem Sterblichen (schon gar nicht von den Journalisten selbst) erreicht werden oder eingehalten werden wollen. Die Folge ist ein sich verbreitender Unwille, sich angesichts einer so befindlichen Medienlandschaft, die sich täglich neue Schlachtopfer sucht, in öffentliche Ämter zu begeben  – ein direkter Schaden für die Demokratie.

5. Die mit den Online-Medien und den Informationsangeboten im Internet einhergehende Atomisierung der Medienlandschaft führt direkt zu einer Erosion der Kommunikationsplattform einer Demokratie. Wo früher die Vermittlung auch komplizierter Zusammenhänge an eine hinreichend große Wählerschaft über das Printmedium Zeitung möglich war, verliert sich diese Möglichkeit im Dschungel heutiger Informationsangebote.

Da die größte Zahl von Medienkonsumenten über das Medium Fernsehen erreicht wird (der Trend zu steigender Fernsehnutzung ist ungebrochen), greifen die politischen Protagonisten intensiv auf die verschiedenen Talkshow-Formate zurück. Dort aber wird die politische Botschaft Opfer der Dramaturgie des Fernsehens, die auf kurze Statements und vom Moderator beförderte offene Konflikte in einer Sendung setzt. Auf diese Weise  wird die Fähigkeit eines Politikers, inmitten solcher Debatten für ihn positive Emotionalisierungseffekte zu setzen, zum Ersatz der gründlichen Argumentation, auf die es im Fernsehen gar nicht mehr ankommt.

Dieser Mechanismus wird gefördert durch die Erkenntnis, dass die Informationen einer Fernsehsendung vom Zuschauer rasch vergessen, die Richtung der mit Botschaft und Protagonist einhergehenden Emotionen aber gemerkt werden. Da die wiederholte Wahrnehmung gleichgerichteter Emotionen aber zu dauerhaft verfestigten Überzeugungen führt, kann ein Absender einer Botschaft im Fernsehen gar nicht an einer diffizilen Botschaft interessiert sein: Wichtiger ist die Überlegung, welche Wirkung sein Botschafter erzielt und wie sich eine Botschaft auf einen emotionalen Grundgehalt simplifizieren lässt.

6. Schließlich ist der Umstand erheblich, dass vor das Erreichen der Informationsmöglichkeiten des Internet zahlreiche Hürden der Rezeption gesetzt sind. Während eine Zeitung ein „push-Medium“ darstellt und sich nach dem Erwerb des lesekundigen Rezipienten wie eine Wundertüte auftut, benötigt man zur Information im Internet (einem „pull-Medium“) sowohl technisches Gerät (und das Geld dafür) als auch die Fertigkeiten, sie nach Hardware- und Software-Gesichtspunkten zu bedienen.

Damit unterfällt die Nutzung der Internet-Information sowohl einer sozialen wie auch einer intellektuellen Differenzierung, die stärker sind als beim Konsum von Zeitungen.

II. Ansätze einer Weiterentwicklung der Medienlandschaft

In dieser Situation die weitere Entwicklung der Landschaft nicht sich selbst und damit dem Markt zu überlassen, ist nicht nur eine politische Notwendigkeit, sondern auch eine kulturelle Klugheit. Denn in diesem Falle lebt eine Demokratie von Voraussetzungen, die sie selbst schaffen kann und zu ihrem Selbsterhalt auch schaffen muss. Die Möglichkeit des massenkommunikativen Austausches einerseits und andererseits auch die Fähigkeit dazu ist eine Grundkonstante eines offenen Gesellschaftssystems. Verschiedene Ansätze sind möglich.

1. Unabdingbar ist die Sicherung eines finanziell, technisch und hinsichtlich der Technikkompetenz barrierefreien Informationsangebots, das die notwendige thematische Breite und eine dem jeweiligen Thema angepassten Tiefe aufweist. Dabei kann es sich nur um das Medium Zeitung handeln, das sich dem des Lesens Kundigen einfach erschließt, das leicht auf händischem Wege und ohne komplizierte technische Abhängigkeiten (etwa dem Vorhandensein von mobilen Telefon- bzw. Internet-Netzen) verteilbar ist. Zudem weist die Zeitung die größte Rezeptionstiefe auf – Gelesenes wird bekanntlich intensiver erinnert als Gehörtes. Und schließlich ist die Zeitung ein Push-Medium – sie kommt in den Briefkasten und auf den Tisch, ohne dass man sie (etwa bei den kommerziell erfolgreichen, aber journalistisch meist katastrophalen) Anzeigenblättern abonniert haben muss.

Es ist das Medium Zeitung, das am ehesten die für das Zusammenwirken einer demokratischen Gesellschaft notwendige Informationsqualität sichern kann. Deshalb wird die Zeitung auch, nach allen Prozessen der Marktbereinigung, als Typus überleben. In der Bundesrepublik allerdings ist ein zögerliches verlegerisches Verhalten sichtbar, das nicht in die Stärken der Zeitung investiert, sondern dort die Budgets reduziert. Angloamerikanische Beispiele lehren den Erfolg der gegenteiligen Strategie: Die New York Times hat mit Erfolg in die journalistische Qualität des Print-Produktes investiert und hat die gewonnene Tiefe zugleich in webbasierte Angebote umgesetzt.

Solche Strategien müssen auch in Deutschland möglich sein, zuvörderst bei den nationalen Tageszeitungen wie der FAZ oder der SZ. Kommt man allerdings zu der Überzeugung, dass die Finanzkraft der Verlage hier nicht ausreicht, ist es keine ordnungspolitische Sünde, an dieser Stelle mit Subventionen anzusetzen. Einer öffentlich-rechtlichen Pressestiftung wäre es möglich, bei den Personal- und Ausbildungskosten printjournalistischer Produkte helfend einzugreifen (wie dies jüngst in Nordrhein-Westfalen vorgeschlagen wurde), die Bezugspreise für den Leser zu bezuschussen als auch über breite Kampagnen junge Leser innerhalb und außerhalb von Schulen und Universitäten an das Medium Zeitung heranzuführen. 

2. Dieser letzte Punkt verweist auf ein anderes Defizit: Das Defizit in der Medienpädagogik. Die Lehrpläne deutscher Grund- und Hauptschulen sowie der weiterführenden Schulformen sehen das Heranführen der Kinder an das Medium Zeitung nur unzureichend vor. Schule muss hier aber insoweit korrigierend eingreifen, als von den Elternhäusern die intensive erzieherische Befassung mit dem Thema Lesen nur noch in sehr beschränktem Maße zu erwarten ist. Die Generation der Fernseh-Kids, die heute selbst Kinder hat, wurde in ihrem Kindesalter mit dem Thema Lesen wenig sozialisiert – ein Niedergang, den die sich wiederholenden Untersuchungen der „Stiftung Lesen“ eindrucksvoll darstellen.

Es hat Ansätze gegeben, dieses Defizit zu beheben. So wurde in den Schulen Baden-Württembergs die tägliche „verpflichtende Lesezeit“ eingeführt, um die Beherrschung der Kulturtechnik des Lesens zu fördern. Die Idee aber hat sich noch nicht bundesweit durchgesetzt und droht, im Konkurrenzkampf verschiedener Curricula-Inhalte unterzugehen.

Medienpädagogik muss freilich auch eine stärkere Rolle in Bezug auf die computergestützten Informationsquellen spielen. So wichtig und vorrangig es ist, Kinder an das Lesen heranzuführen, so unerlässlich ist es auch, zum Zwecke der Chancengleichheit die Fähigkeiten zu trainieren, sich in der Informationswelt des Internets zurechtzufinden. Richtiges Surfen ist insofern eine Kulturtechnik, die zum Grundverständnis eines Bildungskanons zählen muss.

3. Nun ist eine Entwicklung vorstellbar, in der der Markt kein nationenweit erreichbares, barrierefreies, einfach zu konsumierendes, in der Breite und Tiefe der Themen präsentables Informationsangebot mehr hervorbringt. Zugleich könnte sich die Atomisierung der Angebote im Netz fortsetzen bei gleichzeitigem weiteren Schwund der Zeitungsangebote. Auch wäre es denkbar, dass die finanziellen Barrieren für den Medienzugang über hohe Copy-Preise oder hohe Internet-Gebühren ein Niveau erreichen, das zu einer Chancenungleichheit der Partizipation in einer Demokratie führt. Dann wäre ein Punkt erreicht, an dem man über ein öffentlich-rechtliches Zeitungs- und Online-Medienangebot nachdenken muss.

Besorgnisse hinsichtlich politischer Einflussnahme lassen sich entkräften unter Hinweis auf die öffentlich-rechtliche Rundfunkidee. Sie soll für den Verteilweg Rundfunk (also Fernsehen und Hörfunk) ein grundständiges und qualitativ hochwertiges journalistisches Angebot von Information und Kultur sichern, das frei ist von politischem und kommerziellem Einfluss. Der Blick in die Wirklichkeit zeigt, dass dies eindrucksvoll gelungen ist. Verwerfungen im System und sein politischer Missbrauch wurden in vielen Verfassungsgerichtsurteilen korrigiert, was für eine funktionierende Selbstreinigungskraft der öffentlich-rechtlichen  Grundkonstruktion spricht.

Diese Idee eines „Informationsangebots der Gesellschaft“, kommerzfern und politikunabhängig, ist also ohne Weiteres auf den Bereich Print und Online zu übertragen. Auch hier kann gelten, dass die Freiheit des Marktes, bestimmte Informationsangebote anzubieten oder dies auch zu unterlassen, nur so gesichert werden kann, dass man sein öffentlich-rechtlich verfasstes Gegenüber zum Angebot solcher „Grundversorgung“ der Information zwingt und ihm die entsprechenden Verteilwege sichert.

Das gibt dann auch Maßstäbe für die Finanzierung. So, wie für die Sicherung der Informationsbasis über den Rundfunk eine Haushaltsgebühr erhoben wird, kann dies auch im Falle einer Grundversorgung bei Print und Online-Information geschehen. Die Aufstockung der bisherigen Haushaltsgebühr um einen im Vergleich zum Aufwand bei Hörfunk und Fernsehen geringen Betrag würde reichen, um auch auf bei Print und Online die informationelle Grundversorgung zu sichern.

III. Das Ziel

Ziel ist es, die Risse im Medienfundament unserer Demokratie zu sanieren. Die Schäden sind bereits abzusehen. Daher ist eine vorausschauende Medienpolitik notwendig. Wenn sich die Funktionen des Medienbetriebs verändern, muss man als Politik folgen und zur Demokratiesicherung auch zu Maßnahmen greifen, die jenseits des Marktmechanismus liegen. Denn Freiheit braucht offensive Verteidigung.

(erschienen in Communicatio socialis 1/2014)

 

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