Die Medien – ein Skandal. Brief an die Kanzlerin.

Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin,

die Große Koalition beginnt mit ihrer Arbeit. Jetzt werde sich, las ich eben, politischer Mehltau übers Land legen, der Entpolarisierung werde die Entpolitisierung folgen.

 Ich glaube das nicht. Der Koalitionsvertrag enthält genug Explosionsstoff. Seine „Grundphilosophie ist, dass man sich wechselseitig etwas gönnt.“ (Volker Bouffier). Sie haben der SPD Mindestlohn und Rente mit 63 gegönnt und ihr erlaubt, die Beschädigung von Arbeitsmarkt und Sozialsystem als „Gerechtigkeit“ zu verkaufen. Und die SPD hat der Union die verrückte Autobahnmaut zugestanden, ein europapolitischer Affront und der Einstieg in eine Mehrbelastung deutscher Autofahrer. Aber: Es hätte ja viel schlimmer kommen können, sagt man uns, also sollen wir zufrieden sein.

Den Mehltau werden die Medien schon verhindern. Denn nichts erträgt ein Mediensystem schwerer als einvernehmlichen Frieden.  Aus jeder kleinen Debatte wird umgehend ein „Koalitionskrach“ werden. Nach bester Intrigantenart werden Medien Konflikte schüren, werden zur Attacke blasen, werden Politiker abstürzen lassen und vielleicht auch wieder aus der Gosse ziehen. Medien, und nicht nur die des Boulevards, sind dabei, die Lust an der Wahrheit durch jene am Skandal zu ersetzen. Auf schwerste persönliche Beschädigungen wird da keine Rücksicht genommen. Drei Fälle nur seien beispielhaft genannt: Horst Köhler, Christian Wulff, und wohl auch Franz-Peter Tebartz-van Elst.

Immer zuerst die Vorverurteilung, die Häme, der große Aufschlag, der Kampagnenjournalismus. Wenn sich dann die Haltlosigkeit der Vorwürfe herausstellt, folgt nicht etwa Entschuldigung und innere Einkehr, sondern Rechthaberei  durch eine ex-post-Umdeutung der Anfangsereignisse, die den Schluss rechtfertigt: „Und es war doch richtig, dass er gegangen ist.“

Zu viele Medien haben ihre ethischen Maßstäbe verloren. Einer Meute, die einmal Blut geleckt hat, können auch die  nachdenklichen Kollegen nicht fernbleiben. Die derbe Schlagzeile ist bei Chefredakteuren gefragt – und die wiederum bedienen sich dabei häufig einer moralischen Überheblichkeit, die durch ihren persönlichen Lebenswandel selten gedeckt ist.

Die Gerechtigkeit, nach der die Kommentatoren ständig in der Politik rufen, lassen sie selbst immer weniger gelten. Fairness, Abgewogenheit, Respekt vor dem Anderen und seinem Privatleben passen offenbar nicht mehr in eine Zeit, in denen die Zeilen eines Journalisten zur puren Ware geworden sind, die möglichst kostensparend hergestellt werden muss.

So sind viele Kollegen zu Zynikern mutiert, die den richtigen Weg kennen, ihn aber nicht begehen  dürfen, weil die Spielregeln des Berufs geändert worden sind. In einem solchen Umfeld Politik zu machen, ist kein Vergnügen. Die Medien verlangen von Berufspolitikern heute einen nicht akzeptablen Preis. Und damit schaden sie der Demokratie.

Ich warte auf den Tag, an dem die Journalisten in Deutschland beginnen, selbstkritisch über ihr Selbstverständnis zu diskutieren.  Es wäre hohe Zeit. Sie, Frau Bundeskanzlerin, können es sich nun leisten, darauf einmal hinzuweisen.

 (erschienen in ZEIT/Christ und Welt am 2.1.2014)

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