Lob für Kristina Schröder – ein Brief

Liebe Frau Schröder,

Sie haben als Bundesfamilienministerin auch Feindschaft erfahren, vor allem jener Frauen, die schon ihre einjährigen Kinder in Krippen abschieben wollen  oder müssen und missgünstig sehen, dass Sie mit dem Betreuungsgeld auch jene anderen Eltern besonders wertschätzen, die sich um die Erziehung ihrer Kinder persönlich kümmern. „Wahlfreiheit“, nannten Sie das.

Aber auch die Einrichtung der Krippenplätze ist wesentlich Ihr Erfolg. Seit Verabschiedung der entsprechenden Gesetzesgrundlage haben die Kommunen 300 000 zusätzliche Krippenplätze geschaffen, 780 000 davon gibt es jetzt, mit starker bundesstaatlicher Unterstützung. Sie wollten, dass die Nachfrage nach Krippenplätzen für unter dreijährigen Kinder zum 1. August erfüllt werden kann, damit man Ihnen nicht (mitten im Wahlkampf) sagen kann: Der Bund war schuld.

In die Familienpolitik fließt in Deutschland sehr viel Geld. Dennoch gibt die Mehrheit der Deutschen an, Kinder seien ihnen zu teuer. Zwei Drittel nennen finanzielle Gründe für die geringe Geburtenzahl, fast ebenso viele sehen die Kollision mit beruflichen Plänen als Ursache. In anderen europäischen Ländern ist das nicht viel anders.

Welch armseliges Zeugnis für Menschen, die in der großen christlich-europäischen Kultur aufgewachsen sind und die deren geistigen Grundlagen und Freiheitsdividende zu schätzen gelernt haben sollten! Kurzfristige Individualinteressen haben Zukunftsmut und kulturellen Überlebenswillen abgelöst. Und so kommt es, dass wir aus den Geburtenzahlen den Niedergang des abendländischen Europa ziemlich genau vorausberechnen können.

Damit eine Kultur sich hält, bräuchte sie einen Reproduktionsfaktor (also Kinder pro gebärfähiger Frau) von 2,11. Das Europa der 31 aber bringt nur 1,38 zusammen, bei ganz unterschiedlichem Wachstum einzelner Volksgruppen – am lebendigsten wachsen die Immigranten, vor allem jene mit muslimischem Hintergrund.

Das kann man hinnehmen, davor muss man keine Angst haben. Man muss diese Entwicklung aber realistisch sehen. Und beklagen darf sich auch niemand darüber, dass in vielen Ländern Europas  – voran Frankreich – in absehbarer Zeit mehr Moscheen als Kirchen stehen werden. Europa wird sich verändern. Und die Europäer haben selbst die Freiräume geschaffen, die nun durch Immigration aufgefüllt werden müssen, wenn die Wirtschaft lebendig bleiben soll.

So gerät man mit der Familienpolitik heute mehr als je in das Gestrüpp aus Ideologien, politischen Korrektheiten und besorgniserregenden Kulturkampf-Szenarien, wie sie seit Huntington die Debatte beherrschen. Nun muss die Politik stark genug sein, aus allem ein künftiges Europa zu formen, das aus toleranten, freiheitlichen, rechtsgefestigten Mitgliedern besteht, von denen keines aus dieser Verpflichtung ausbricht.

Sie jedenfalls, Frau Schröder, waren in der vergehenden Legislaturperiode eine sehr gute Ministerin. Sie haben für die Familien gekämpft. Danke dafür.

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt am 8. August 2013)

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