Vergrabene Talente. Brief an die Kanzlerin, 37

Liebe Frau Merkel,

bei Matthäus 25 findet sich das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Das Himmelreich, heißt es da, sei wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines. Während der Mann auf Reisen war, verdoppelten die ersten beiden das Vermögen. Der dritte aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.

Einer, der seine Talente nicht vergraben hat, beging dieser Tage mit einem spannenden Symposium seinen 70. Geburtstag. Paul Kirchhof hat als Professor in Heidelberg Tausende von Studenten begeistert, mit seinem klaren Denken, mit seiner beeindruckenden Rhetorik, mit seinen Freiheitsüberzeugungen, die bei uns längst unter die Walze des Egalitarismus geraten sind, auch mit Hilfe der CDU. Er hat als Bundesverfassungsrichter dieser Freiheit Schneisen geschlagen, wo der Staat sie zu ersticken droht. Er hat als Buchautor und Redner Zigtausende ermutigt, in dem Kampf gegen die Hydra des Staates nicht nachzulassen. Er hat für die Familie als Keimzelle der Gesellschaft und als Glücksmotor gekämpft mit allen seinen Mitteln, um festzustellen, dass gute Argumente manchmal keine Einsicht bewirken, sondern nur das Fühlen – dass es also erst schlechter werden muss in Deutschland, bevor es besser werden kann.

2005 wollten Sie ihn als Finanzminister haben, für den Fall des Sieges. Dann aber haben sie ihn der Großen Koalition geopfert, genauer: der SPD, die ihn straflos als antiemanzipatorischen Protagonisten gesellschaftlicher Ungleichheit abstempeln durfte – nichts davon ist richtig, sondern eher das Gegenteil. Und sie haben Kirchhof nicht wieder zur Mitarbeit ermuntert, auch nicht nach dem Wahlsieg 2009.

Dieses Talent haben Sie sozusagen vergraben. Kirchhof hat zwischenzeitlich ein glänzendes Steuergesetzbuch vorgelegt samt allen Übergangsvorschriften, das Einkommen gerecht besteuert und mit wenigen Paragrafen auskommt. Aber keiner traut sich, das umzusetzen. Die Angst der Politik vor dem Elfmeter, der alles ändern könnte, ist zu groß, man müsste Einfluss und Macht opfern. Das Flucht-Argument lautet dann: Kirchhof denkt nicht „politisch“.

Vielleicht gewinnen Sie die Wahl ja wieder, ihr eindrucksvolles politisches Oeuvre würde das mehr als rechtfertigen. Paul Kirchhof steht dann für ein Amt nicht mehr zur Verfügung, aber das, was er aufgeschrieben hat, bleibt Maßstab freiheitsliebenden, bürgerlichen Handelns. Eigentlich ist das Pflichtlektüre für jemanden, der eine Regierungszeit beginnt und dem deutschen Volke das Beste versprochen hat. Kirchhofs Steuermodell verwirklichen – und Deutschlands Zukunft wäre auf Jahrzehnte gesichert.

So ist es mit den Talenten. Viele in Deutschland vergraben die ihren und hoffen dann auf den ihre Faulheit kompensierenden Staat. Und dessen Parteien kommen ihnen weit entgegen, Buhlschaft um Wählerstimmen. Dieser ungerechte, allfürsorgende Staat ist kein Zukunftsmodell. Wer sein Talent einsetzt, muss belohnt werden – auch politisch.

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt am 26. Juni 2013)

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