Friede den Hütten! Krieg den Palästen! Brief an die Kanzlerin, 37

Liebe Frau Merkel,

bitte, lassen Sie niemanden mitlesen, sonst wirft man uns vor, wir wollten die FDGO umstürzen. Deshalb: „Dieses Blatt müssen Sie sorgfältig außerhalb Ihres Hauses vor der Polizei verwahren. Sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen. Würde das Blatt dennoch bei einem gefunden hat, der es gelesen hat, so muss er gestehen, dass er es eben dem Staatsanwalt habe bringen wollen.“

Friede den Hütten, Krieg den Palästen! Warum?  Revolutionär klingt das so: „Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag. Sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache, das Volk aber liegt vor Ihnen wie Dünger auf dem Acker.“

Die Herrscher quetschen es durch Steuern aus, halten sich davon – sagt der Umstürzler – Soldaten, „mit ihren Trommeln übertäuben sie eure Seufzer und zerschmettern sie euch den Schädel, wenn ihr zu denken wagt, dass ihr freie Menschen seid.“ Sie  besolden eine Finanzverwaltung, „dafür wird der Ertrag eurer Äcker berechnet und eure Köpfe gezählt. Der Boden unter den Füßen, die Bissen zwischen euren Zähnen ist besteuert. Dafür sitzen die Herren in Fräcken beisammen und das Volk steht nackt und gebückt vor ihnen, sie legen die Hände an seine Lenden und Schultern und rechnen aus, wie viel es noch tragen kann“. Und die Herrscher garantieren Beamtenpensionen, „dafür werden die Beamten aufs Polster gelegt, wenn sie eine gewisse Zeit dem Staat treu gedient haben, d.h. wenn sie eifrige Handlanger bei der regelmäßig eingerichteten Schinderei gewesen, die man Ordnung und Gesetze heißt.“

Stellen Sie sich vor, was aus diesem Revolutionär noch geworden wäre, hätte er länger gelebt! Aber Georg Büchner, der vor 200 Jahren geboren wurde, starb schon mit 24 Jahren. Da hatte er bereits Philosophie und Medizin studiert und promoviert, hatte die Gesellschaft für Menschenrechte gegründet, mit der er die politischen Verhältnisse umstürzen wollte. Vor allem aber war er als Schriftsteller berühmt und berüchtigt geworden: Mit dem „Hessischen Landboten“, der in seiner Vermengung von politischen Forderungen und neutestamentarischen Begründungen ein Meisterstück der Sozialagitation gewesen ist: „Lehrt eure Kinder beten: ‚Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und lass dein Reich zu uns kommen, das Reich der Gerechtigkeit. Amen.‘“ Seine  Meisterschaft war das Schreiben voller Sozialempathie, er wollte es mit den Umstürzlern, mit den kleinen Leuten, mit den Tätern halten in „Dantons Tod“, in „Leonce und Lena“, im „Woyzeck“.

Was lernen wir daraus? Zu allen Zeiten findet eine Mehrheit die Verhältnisse ungerecht. Die Anfälligkeit für politische Agitation ist groß, und sachbezogene Politik mithin schwierig. Da ist es nicht verkehrt, dass Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin, nun eine Erhöhung des Kindergelds, des Kinderfreibetrages und eine Mütterrente in Aussicht gestellt haben. Es hat schon unsinnigere Wahlversprechen gegeben.  Denn: Wer Kinder aufzieht, der tut mehr für die Gesellschaft als viele der Sozialingenieure, die ständig neue Gesellschaftsutopien entwerfen. Georg Büchner eingeschlossen.

Ihr

Michael Rutz

 

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt vom 6. Juni 2013)

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