Die Medien-Truppen (uni-) formieren sich: Brief an die Kanzlerin, 36

Liebe Frau Merkel,

Der eine Präsident hat, im Ausland, mit Millionen aus unklaren Quellen gepokert und die Erträge an der deutschen Steuer vorbeigeschleust. Er hat das auch gleich eingeräumt, hat sich zerknirscht den Medien zu Füßen geworfen. Also haben seine Aufsichtsräte Milde walten lassen, zurücktreten müsse er nicht, mal sehen, wie die Sache ausgeht, und: er ist ja auch ein zu netter Kerl, der Uli. Und die Medien finden das auch und lassen Gnade vor Recht ergehen, wenngleich sie die Nähe des netten Uli zur CSU unermüdlich bildhaft dokumentierten. Die SPD freut sich.

Der andere Präsident hat, man weiß es noch gar nicht, allenfalls ein paar hundert Euro geschenkt bekommen, vielleicht nicht einmal das. Die anderen Verdachtsmomente von ähnlicher Größenordnung sind ohnehin ausgeräumt, dennoch haben sie ihn schon beim ersten Anschein aus dem Amt gedrängt, Jagdlust unter deutschen Medien. Eine Gemeinsamkeit: Auch dieser ein Unionsmann. Dennoch zweierlei Maßstäbe, aber: der erste war nur Fußballvereins-Präsident, der andere Bundespräsident: quod licet bovi, non licet jovi, ließe sich sagen. Die SPD freut sich.

In Bayern haben Politiker nahe Verwandte auf Staatskosten zu Mitarbeitern befördert, was das Familieneinkommen oft um einige Hunderttausend Euro mehren konnte. Derlei war offenkundig nicht strafbar, nur ein bisserl Vetternwirtschaft im Freistaat wie zur Strauß-Ära, die Edmund Stoiber nach seinem Amtsantritt eigentlich getilgt haben wollte. Der eine oder andere Abgeordnete ist nun freiwillig zurückgetreten, weil sich das Verbleiben im Amt nur durch die Rückzahlung der Gelder hätte bewerkstelligen lassen, das war wohl zu teuer. Zwar wurden auch SPD-Abgeordnete ertappt, aber in den Medien erscheint dies als ein bloßer CSU-Skandal. Und die SPD verweist auf den Spezl-Sumpf.

Und nun sind Sie selbst dran. Sie hätten – schreiben Springer-Journalisten – es sich als Schülerin, Studentin und Jung-Wissenschaftlerin fein eingerichtet im SED-Staat und es verstanden, mit Kräften und Gegenkräften zum eigenen Nutzen zu jonglieren. Zwar seien ihnen Reformbestrebungen im Kommunismus sympathisch gewesen, andererseits aber hätten sie aus freien Stücken das Amt einer „Sekretärin für Agitation und Propaganda“ an ihrem Wissenschaftsinstitut in Berlin-Adlershof übernommen. Daher rühre eine in der CDU seit langem feststellbare Sozialdemokratisierung, kommentieren die enttäuschten Konservativen. Die anderen loben (ein wenig vergiftet) ihre verwickelte Biografie als Voraussetzung für die Ausprägung von Charaktermerkmalen, mit denen sie heute „das höchst diffizile sachliche, politische und menschliche Kräftespiel der EU-Spitzengremien instinktiv verstehen“ könnten, zudem sei Angela Merkel offenbar „in ihrer Jugend auf eine Weise unbehütet“ gewesen, „die sie heute furchtlos macht.“ Die SPD wird nicht zögern, weitere Fragen zu stellen.

Wir spüren: Der Wahlkampf hat begonnen. Die Truppen in den Medien (uni-)formieren sich. Welche Truppen hat die CDU noch?

Das fragt sich

Ihr

Michael Rutz

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt vom 16.5.2013)

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