Der Schatz europäischer Kultur: Brief an die Kanzlerin, 35

Liebe Frau Merkel,

 „Machten wir“, schrieb Ortega y Gasset einmal, „heute eine Bilanz unseres geistigen Besitzes auf, so würde sich herausstellen, dass das meiste davon einem gemeinsamen europäischen Fundus entstammt. In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen. Vier Fünftel unserer Habe sind europäisches Gemeingut.“

Ich habe das in den letzten Tagen selbst erspürt, und zwar auf dem schönsten Felde gemeinsamen Empfindens, der Musik. Am Donnerstag sah ich im Marinskij-Theater in Sankt Petersburg die wundervollen Tanzkompagnie, das Kirow-Ballett, mit „La Bayadère“, einer Liebesgeschichte. Welch eine Umgebung: das Haus erbaut von Zar Alexander II. für seine Frau Maria Alexandrowna von Hessen-Darmstadt in jener Stadt, mit der Zar Peter der Große Russland an Europa und seine Kultur heranführen wollte und sich dafür Architekten, Kunsthandwerker und Musiker aus Deutschland, Frankreich und Italien einwarb.

Zwei Tage später hörte ich den fast 80jährigen Südafrikaner Abdullah Ibrahim, der Ikone des Free Jazz am Klavier, der dem Kampf gegen die Apartheid eine musikalische Stimme gab. Er spielte im eindrucksvollen, unverdient unbekannten romanischen Kaiserdom von Königslutter, über dem Grab Lothars III., der ab 1133 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation war. Dieses Reich zerfiel als Folge schwacher innerer Strukturen und nationalistischer Zentrifugalkräfte mit ihren territorialen Egoismen. Das Ergebnis: eine Zersplitterung Europas, die im durch seinen Föderalismus kraftgeschwächten Deutschland (und darüber hinaus in Europa) bis heute nachwirkt. Das Ende des Reiches war auch das Ende des Friedens in Europa. An die Zerfallsgeschichte dieses römisch-deutschen Reiches muss sich erinnern, wer heute an der Weiterentwicklung Europas arbeitet. Da braucht es einen langen Atem, weshalb ich, verehrte Frau Merkel, auch der Kolportage keinen Glauben schenken möchte, Sie wollten Ihr Amt 2015 aufgeben.

Am Sonntag zur Matinee-Zeit dann das nächste Konzert in der eleganten Heiliggeistkirche von Wolfsburg, die der finnische Architekt Alvar Aalto 1962 gebaut hat: Die weltberühmte Vokalgruppe „Ensemble Amarcord“, fünf ehemalige Thomaner, präsentierten hinreißend ein wahrhaft europäisches Programm: von Perotin (12. Jahrhundert) über Orlando di Lasso (16. Jahrhundert), Jean Cras (Anfang 20. Jahrhundert) und Darius Milhaud und Francis Poulenc, um mit einem Liebesseufzer („Toutes les Nuitz“) von Orlando di Lasso zu enden. Und am Abend schließlich ein Konzert in der heimischen Dorfkirche in der Lüneburger Heide: Vier Bläsersolisten aus Sankt Petersburg mit einem Programm zwischen Johann Sebastian Bach und Paul McCartney.

Musik aus ganz Europa inmitten zutiefst europäischer Baukunst, beides Ausdruck jenes gemeinsamen europäischen geistig-kulturellen Erbes, von dem Ortega y Gasset sprach: Das muss jeden befeuern, der an der europäischen Einging arbeitet. „Wir sind auf Europa ungenügend stolz“, sagte Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker dieser Tage. Da hat er Recht.

(Erschienen in ZEIT/Christ und Welt vom 25.4.2013)

 

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