„The German Problem“. Brief an die Kanzlerin, 34

Liebe Frau Merkel,

in seinem Buch “Von Bismarck zu Hitler“ hat Sebastian Haffner 1987 das Deutschland der nachwilhelminischen Zeit skizziert: Von großem Selbstbewusstsein getragen, befeuert durch eine rasante technische Entwicklung: Telefon, elektrischer Strom, Deutschland als führende Macht Europas. „Während es in England nur noch langsam, in Frankreich noch langsamer vorwärtsging und Russland noch ganz in den Anfängen der Industrialisierung steckte, wurde Deutschland in technisch-industrieller Hinsicht in reißendem Tempo modernisiert und war darauf auch ungeheuer stolz. Leider setzt e sich das alles in eine bramarbasierende, übermäßig selbstbewusste, selbstliebende Haltung um, die einem heute, wen man die damaligen Äußerungen liest, etwas auf die Nerven fällt.“

Ähnlich ist das heute. „The German Problem“, titelte eben der britische „New Statesman“, in Griechenland, Zypern, Italien und selbst in Frankreich kann man mit antideutschen Ressentiments wieder Stimmen erzielen. Dabei haben wir nichts Falsches getan, insbesondere haben wir die ökonomischen Fehler der anderen nicht begangen, wir erzeugen als nervige Musterschüler Neid. Unser Hauptproblem: Wir sind einfach da. Wir sind die Zentralmacht Europas, weil wir – mit der größten Bevölkerungszahl, der größten Wirtschaftskraft, dem größten Sprachraum, den meisten Nachbarn  – eben in der Mitte Europas liegen. Die Ereignisse haben uns wieder in diese Lage versetzt, die die Welt über die Jahrhunderte eigentlich verhindern und uns dabei domestizieren wollte, seit dem „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“ geht das so, und eben diese Absicht lag der Gründung der Europäischen Union zugrunde.

Wie wir uns auch verhalten – wir können es nicht allen recht machen. Sind wir zurückhaltend, auf die ordentliche Verwaltung wenigstens unserer eigenen Verhältnisse bedacht, dann gelten wir als die Pedanten Europas, die durch ihren Verfassungspatriotismus zerstörerisch wirken. Und man wirft uns – wie jüngst der polnische Außenminister Sikorski – vor, wir übernähmen nicht die unserer Größe entsprechende Führung. Selbst aus Großbritannien kommt diese Forderung. So hat der britische Historiker Brendan Simms im „New Statesman“ soeben diese Frage gestellt: „How can the Federal Republic, which is prosperous and secure as never before, be persuaded to take the political initiative and make the necessary economic sacrifices to complete the work of European unity?“

Übernehmen wir aber inmitten der schütteren Nachbarstaaten mehr Führung in Europa, bringen finanzielle Opfer und weisen zugleich auf die notwendigen Rezepte stabilen politischen und ökonomischen Handelns hin, dann gelten wir als überheblich, bevormundend, die Präzeptoren Europas, das hässliche Gesicht des Kontinents.

Ein Dilemma, die deutsche Frage bleibt. Aber um Europas und unseren Frieden  zu retten, werden wir wohl weitere Konzessionen an Europa machen müssen. Gehen Sie, Frau Bundeskanzlerin, mutig voran!

(Erschienen in ZEIT/Christ und Welt 4. April 2013)

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