Vom Neid in Deutschland. Und die CDU macht mit. Brief an die Kanzlerin, 33

Liebe Frau Merkel,

in Deutschland, hat Arthur Schopenhauer einmal gesagt, ist die höchste Form der Anerkennung der Neid. So gesehen kann man sich in Deutschland vor Anerkennung gegenwärtig kaum retten, da die Neiddiskussion schönste Blüten treibt. Ich will ja gar nicht wieder von Peer Steinbrück anfangen, der zutreffend feststellte, ein Bundeskanzler verdiene im Vergleich zu Bankern zu wenig. Vielmehr hat die Neiddebatte mittlerweile die ganze Gesellschaft erfasst, sie wird von Politikern geschürt, die sich davon ein paar Wählerstimmen erhoffen und von überbezahlten Talkshowmoderatoren zusätzlich angefacht.

Nun werden Ausbildung-, Leistungs-, Fähigkeits- und Erfahrungsunterschiede und damit unterschiedliche Entlohnungen aber nicht etwa von der CDU offensiv verteidigt. Gründe gäbe es genug, etwa solche der Psychologie des Fortschritts in einer Volkswirtschaft. Aber auch die Union kapituliert vor dem Zeitgeist des Neides, ruft nach Umverteilung, nach niedrigeren Entlohnungen für Manager sowie einer Transparenz für alle. Das fängt bei den „Armutsberichten“ der Bundesregierung an und endet noch nicht in dem mangelnden Mut, so etwas wie Gerhard Schröders „Agenda 2010“ auch für 2020 aufzulegen.

In Hamburg, beispielsweise, hat der Senat eben die Spitzengehälter in öffentlichen Firmen veröffentlicht. Spitze ist dort der Ärztliche Direktor des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE) mit 455 000 Euro im Jahr, während der Erste Bürgermeister „nur“ 177 000 Euro bekommt. Das ließe sich verteidigen: Bürgermeister kann in einer Demokratie jeder werden, Chef eines der weltweit führenden Krankenhäuser aber nicht. Die CDU aber hat sich nur mit der Beschwerde zu Wort gemeldet, die Liste sei unvollständig. Ja, einige fehlten, weil deren Verträge eine Gehaltsveröffentlichung nicht vorsehen und sich daran auch halten muss, wer Neiddebatten schüren will, selbst die CDU müsste das. Und natürlich ließen Grüne und der Linke sich vernehmen:  Wieso die Leiterin der „Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten“  nur ein Fünftel des UKE-Chefarzt-Salärs  bekomme, sei die Arbeit mit Kindern etwa nichts wert in diesem Land?

Über die künftige Kultur in diesem Land wird es viel aussagen, wie die CDU mit dieser Neiddebatte im kommenden Bundestagswahlkampf umgeht. Sie zu befeuern, wie das Frau von der Leyen tut oder gar die CDU-Ministerpräsidentin des Saarlandes, Kramp-Karrenbauer (die definitiv in der falschen Partei ist) mit ihrem Ruf nach einem Spitzensteuersatz von 53 Prozent, sie zu beschweigen, wie es wahltaktisch geraten wird, oder dagegen anzugehen und das Recht einer Leistungsrepublik auf Gehaltsunterschiede zu verteidigen, das sind die Optionen. Davon wird auch abhängen, was aus der CDU wird, deren Profil immer unkenntlicher wird.

Ich finde: Ob der VW-Chef 15 oder nur eine Million Euro im Jahr bekommt, ist völlig unerheblich, solange Martin Winterkorn sein Unternehmen auf der Erfolgsspur hält und in Deutschland massenweise Arbeitsplätze schafft. 2012 hat VW fast 22 Milliarden Euro Gewinn eingefahren, da ist sein Gehalt bedeutungslos, er hat die Millionen, die er bekommt, wirklich verdient. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen. Und generell: Es sind „die Reichen“ (oder die es werden wollen), die hierzulande Arbeitsplätze und Einkommen und Steueraufkommen schaffen. Niemand sonst.

Häme gibt es in diesem Land immer überreichlich. Auch Mitleid bekommt man geschenkt. Nur den Neid, den muss man sich hierzulande wirklich hart verdienen.

Es grüßt herzlich

 Michael Rutz

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt am 14.3.2013, hier leicht aktualisiert)

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