Was macht Deutschland falsch? Brief an die Kanzlerin, 16

Liebe Frau Merkel,

keine Kanzlermehrheit für die Griechenlandhilfe? Grämen Sie sich nicht. Eine solche Frage stellt man zu Recht nicht unter die Fraktionsdisziplin. Die Mehrheit im Bundestag war eindrucksvoll, die Skepsis, ob es hilft, ist es auch. Auch bei mir als altphilologisch geprägtem, großem Hellas-Freund. Aber wir tun gut daran, zu helfen.

Ich frage mich nur: Warum werden wir Deutschen, ob in Afghanistan oder in Griechenland, für unsere Hilfsbereitschaft geschmäht? In Afghanistan bauen wir Brunnen, Straßen, Schulen, Krankenhäuser – und doch morden sie unsere Soldaten und zivilen Helfer, demonstrieren zu Hunderttausenden, verbrennen unsere Flagge. Und warum helfen wir den Griechen mit vielen Milliarden, ihren Staatsbankrott zu überwinden – und doch werden die Deutschen als Neo-Imperialisten und Sie, Frau Bundeskanzlerin, als Hitler-Plagiat verunglimpft?

Die Antwort: Wir verkaufen uns schlecht. Wir handeln gut, reden aber wenig wirkungsvoll darüber. Die berüchtigten „night-letters“ der Taliban, die sie drohend nachts an die Hauswände afghanischer Dörfer heften, entfalten mehr Wirkung als die schmallippige PR der ISAF-Truppen für die Fortentwicklung des Landes. Und in den Zeitungen Griechenlands finden sich keine Anzeigen der deutschen Bundesregierung oder der Europäischen Union, die unsere Hilfsbereitschaft erläutern und um Sympathie werben.

So ist es immer: Wir bewerben miserabel, was wir Gutes tun. Auch in der Bundesrepublik. Die Griechenland-Hilfe wird auch hier nicht ausreichend erklärt – Bundestagsdebatten finden ja sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ARD und ZDF lassen sich in der Berichterstattung zu zwei oder drei Minuten herbei, und in den Talkshows werden anschließend die paar Abweichler überproportional so aufgeblasen, dass sie an ihrer unerwarteten politischen Bedeutung vor Einbildung schier platzen. Überhaupt: Das ganze europäische Projekt bewerben wir katastrophal schlecht, bedrückend bürokratische Werbekampagnen verstärken die Skepsis eher als dass sie Begeisterung erzeugen – man fragt sich, welche Beamten-Laien mit welchen Rücksichts-Kalkülen da an der Kommunikation stricken. Das muss dringend geändert werden.

Sie selbst, Frau Bundeskanzlerin, kommen neuerdings übrigens schlechter weg, als Ihnen die Zahlen und Ihre Mitarbeiter vermutlich suggerieren. Wenn Herr Deppendorf in der ARD-Tagesschau jetzt schon von der „Kanzlerdämmerung“ spricht, dann können Sie ahnen, dass nach Köhler und Wulff jetzt Sie dran sind. Gründe findet man immer. Erfolge lassen sich relativieren, und bloß relative Erfolge lassen sich rasch zu Misserfolgen umdeuten.

Ein paar Beispiele: Der deutsche Exportrekord? Eine Ausbeutung der Empfängerländer, entwicklungspolitisch völlig verfehlt! Die hohe Beschäftigtenzahl? Ein Vorbote des bildungspolitisch erzeugten deutschen Arbeitskräftemangels, der 2020 bei zwei Millionen liegen wird! Die niedrigen Zinsen? Nichts anderes als der Beginn einer Inflation, einer Geldschwemme mit katastrophalen alles entwertenden Folgen, ausgelöst durch das nimmersatte Griechenland.

Sie können also machen was Sie wollen: Wenn Sie es nicht stark und holzschnittartig und in den Massenmedien erklären (lassen), wird das keiner toll finden. Das wäre schade.

(Die „Briefe an die Kanzlerin“ erscheinen in der Christ und Welt-Ausgabe der ZEIT.)

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