Pas de deux: Brief an die Kanzlerin, 15

Liebe Frau Merkel,

während ich diese Zeilen schreibe, sitzen Sie mit ihrem Kollegen und Freund Nicolas Sarkozy  im prunkvollen Salon Murat des Elysee-Palastes vor den Fernsehkameras und sprechen zu den Franzosen über Europa. Drei Signale dieser Veranstaltung sind unübersehbar. Erstens:  Deutschland und Frankreich geben in Europa den Ton an, in dieser Reihenfolge. Zweitens: Die Zukunft Europas erfordert Gemeinsamkeit, nicht Nationalismus.  Und drittens: Sie bauen dabei auf Nicolas Sarkozy, dem Sie im bevorstehenden Präsidentschafts-Wahlkampf noch durch weitere gemeinsame Auftritte beistehen wollen, und eben  nicht auf seinen sozialistischen Gegenkandidaten Francois Hollande.

Nun wirft man ihnen vor, Sie seien mit diesem Fernsehauftritt in viele Fettnäpfchen zugleich getreten. Er sei die massivste Einmischung in Frankreichs Innenpolitik der letzten 50 Jahre. Zugleich machten Sie sich Francois Hollande zum Gegner, zumal der doch in den Umfragen in Frankreich gegenwärtig vorne liege.  Und schließlich ließen Sie (nicht nur) die Franzosen die Dominanz Deutschlands in europäischen Dingen spüren und schürten unter der französischen Linken einen neuen Antigermanismus.

Aber Ihre Nähe zu Präsident Sarkozy ist eben keine „amour fou“, keine leidenschaftliche, verrückte Liebe ohne Aussicht auf Bestand. Es handelt sich eher um eine Freundschaft, die sich nun schon seit Jahren in den  Krisen rund um den Euro und Europa bewährt hat. In diese Freundschaft zu Deutschland hat dieser französische Staatspräsident viel investiert, und er hat sich seinerseits damit nicht nur Freunde gemacht, er ist Risiken eingegangen. Er hat sich aber immer als verlässlich erwiesen, im Sinne Europas, damit auch im Sinne unserer beider Länder.

Es wäre gut, ihn weiterhin auf der europäischen Bühne zu wissen. Es ist deshalb auch in Ordnung, dass Sie ihm helfen, Präsident zu bleiben. Bewährte Freunde soll man nicht im Stich lassen, das hielten schon alle Ihre Vorgänger genau so: Adenauer, Brandt, Schmidt, Helmut Kohl sowieso, aber auch Gerhard Schröder. Mag sein, dass dann anderswo einmal jemand reüssiert, gegen den man offen eingetreten war. Die Gesetze der Politik freilich sind von einer Nüchternheit geprägt, die solche Wunden rasch schließen. Helmut Kohl wollte Bush senior und bekam Clinton – es wurde eine wunderbare Freundschaft daraus. Angela Merkel wollte Obama nicht und bekam ihn doch, und der verlieh ihr höchste Orden. Und auch mit Monsieur Hollande würde sich erfolgreiche Politik für Europa machen lassen.

Wenn es also keine „Amour fou“ ist, was ist es dann? Vielleicht eher ein Pas de deux, das klassischerweise so verläuft: Tänzer und Tänzerin betreten die Bühne (bereits erledigt), tanzen das Entrèe (auch absolviert), dann folgen Variationen für den Tänzer (läuft gerade), dann jene für die Tänzerin (auf dem Programm 2013, im deutschen Wahljahr), und dann kommt irgendwann die Coda, die das ganze (hier: europäische) Werk zusammenfasst. Schließlich: Beifall, hoffentlich.

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