Wir Scheinheiligen

Aus den Kommentarspalten dringt (aus Anlass der Causa Wulff) moralischer Weihrauch in dicken Schwaden. Es werden Maßstäbe angelegt, die vor gesellschaftsstabilisierenden Werten geradezu strotzen: Treu und Redlichkeit, vollkommene Transparenz, reine Weste im Beruflichen wie im Privaten. Journalisten dozieren gegenwärtig der Politik, was „man“ tun darf und was nicht, sie sind herausgetreten aus einer mit gemessener Distanz berichtenden und analysierenden Rolle. Sie – von den Blättern des Springer-Verlags bis zur FAZ – sonnen sich in neuem Wohlgefühl einer moralischen Präzeptorenrolle.

Jahrzehntelang galt solch wertgebundener Journalismus nur als Spezialistentum. In Redaktionsstuben großer Massenmedien , vor allem der Funkhäuser, saßen hingegen (heute pensionsreife) Missionare der 68er-Generation, denen mühevoller Einkommenserwerb in den Etappen der Marktwirtschaft zu banal schien, deren missionarischer Fundus aber noch nicht erschöpft war und die deshalb mit ihren Anliegen die Medien okkupierten.

Von dieser Bastion aus bekämpften sie (und nach ihnen die Kollegen der Postmoderne) den Humanismus in Deutschland auf allen (auch den bildungspolitischen) Ebenen und verdächtigten eine auch moralisch argumentierende Politik sowie die normensetzenden Religionen der Repression. Die gesellschaftliche Vereinbarung von Tugendmaßstäben war im Wege, da man es auf Entsublimierung angelegt hatte, auf die Auflösung verzichtorientierter Normen, auf eine lustvolle Gesellschaft des „laisser aller“.

Die Gesellschaft bekam das zu spüren.  In Fernsehmagazinen und –talkshows, in Kommentaren und Reportagen dominierten jahrzehntelang die Obertöne eines Kollektivismus, in dem Begriffe wie Leistung, Elite, Erziehung, Disziplin oder auch Sparsamkeit in ebenso geringem Kurs standen wie die zehn Gebote oder die besondere Förderung der auf Kinder angelegten Ehe als Keimzelle einer Gesellschaft. Die Strafjustiz nahm die Gesellschaft als Täter in den Blick, das Bildungssystem sollte von der Gleichbegabung aller Kinder ausgehen. Journalisten konstruierten mit ihnen geistesverwandten Sozialwissenschaftlern ein idealistisches wie utopisches Gesellschaftsmodell. Die Menschen nahmen diese mit medialer Macht als Leitbild vorgeführten Konstruktionen für Wirklichkeit, suchten sich ihnen  anzupassen. Wer daran zweifelte, fürchtete sich vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und hielt lieber den Mund.

Dagegen war schwer anzuregieren. Eine lustvolle Gesellschaft der Ausbeutung durch alle, das war die Erwartungshaltung an die Politik. Expansive  staatliche Sozialsysteme waren da nicht in Frage zu stellen, ausufernde Staatsverschuldung galt als Zeichen staatspolitischer Verantwortung. Es war eine Gesellschaft vom Stamme Nimm.

Und Journalisten? Sie verhalten sich nicht anders. Sie fahren auf Staatsbesuche oder Wirtschaftsreisen mit, lassen sich von Politik und Wirtschaft zu glanzvollen gesellschaftlichen Ereignissen einladen. Sie dinieren mit den Mächtigen und verschaffen sich das Gefühl, dazuzugehören, wo sie doch nur dabei sind. Journalisten treten aus ihrer dienstleistenden Berichterstatterpflicht heraus und inszenieren sich als elitäre Kaste, die gut gepflegt werden will.

Alle wesentlichen Unternehmen räumen den Journalisten seither Rabatte für Waren und Dienstleistungen ein, von denen Normalbürger nur träumen können. Wie selbstverständlich nehmen Reise-Journalisten die Einladungen der Touristik-Unternehmen und Fremdenverkehrsämtern in alle Welt an, um anschließend mit banal-unterhaltsamer Berichterstattung für diese Reisen zu werben. Autofirmen stellen Journalisten großzügigst Testwagen zur Verfügung, und wenn sich ein Journalist zum Neuwagenkauf entschließt, dann bekommt er meist 15 Prozent auf den Listenpreis. Journalisten fliegen billiger mit Fluggesellschaften, besitzen eine rabattierte Bahncard der Deutschen Bahn. Sie bekommen von  den Verlagen alle Bücher, DVDs und CDs geschenkt, um in anzeigenersetzenden Rezensionen für sie zu werben. Die Liste ist endlos:  www.pressekonditionen.de. Der Journalistenausweis ist längst nicht mehr nur Mittel zu berichterstattendem Zugang, sondern ein nachgesuc hter Eintrittspass für Schnäppchenjäger. Journalisten sind also wie die Gesellschaft selbst.

Ähnlich in den Fernsehanstalten. Die Prominenz, die sich Moderatoren dort entliehen haben, münzen die meisten von ihnen anschließend in Verträge mit den Sendern um, in denen sie gleichzeitig als Produzenten ihrer Talkshows auftreten. So kommen übers Jahr auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Millionenhonorare zusammen, gezahlt aus den Fernsehgebühren. Und viele andere Kollegen, die „bekannt durch Funk und Fernsehen“ sind, halten im Nebenerwerb wenigstens Vorträge gegen ordentliche Honorare, bei Versammlungen der Finanzbranche ebenso wie bei Festveranstaltungen von Wirtschaftsunternehmen und bieten ihre Dienste bei den Redner-Services im Internet an. Ziel ist immer das große Geld.

Natürlich feierten die meisten Journalisten von Namen auch bei den großen Parties, die der Event-Manager Manfred Schmidt jahrzehntelang in der ganzen Republik veranstaltet hat. Und man darf wohl davon ausgehen, dass sie beim ebenso harmlosen wie nunmehr berüchtigten „Nord-Süd-Dialogs“ in Hannover das dort ausgehändigte Kochbuch auch dann mitgenommen hätten, wenn sie informiert worden wären, dass es ihnen die Landesregierung schenkt.

Das alles ist nicht illegal. Ehrenrührig ist es schon, weil es die Glaubwürdigkeit der eigenen Zunft dann untergräbt, wenn sie andere für das gleiche Verhalten rügt.  Mit sich selbst sind Journalisten nicht pingelig. Sofern es der leserattraktiven skandalgeneigten Berichterstattung nutzt, nimmt man sogar  Unterstellungen rasch für die Tat. Die FAZ rückt den Bundespräsidenten schon in die Nähe der sizilianischen Mafia, die Welt am Sonntag schreibt kritischen Lesern, es müsse sie doch interessieren, „ob unser Staatsoberhaupt in einen möglichen Fall von Korruption verwickelt ist“. Das ist maßlos und von überbordender Scheinheiligkeit.

Wie wäre es, wenn die Journalisten erst einmal alle Angriffspunkte aus dem Wege räumten, die ihrer eigenen Glaubwürdigkeit im Wege stehen? Wie wäre es also, wenn der Deutsche Presserat die ethischen Richtlinien für die Zunft derart überarbeitete, dass berufsstandsbezogene Rabatte aller Art von Journalisten nicht mehr angenommen werden dürfen? Dass sie oder ihre Verlage alle Reisen, Bücher, Bild- und Tonträger sowie Testfahrten und Testessen vollständig selber zahlen? Wie wäre es, wenn alle Medienunternehmen das Verbot jeglicher berufsstandsbezogener Vorteilsannahme in die Arbeitsverträge aufnähmen? Wie wäre es, wenn alle Verlage und Sender gemeinsam dafür sorgten, dass es keine Presserabatte mehr gibt?

Dann wäre die Zeitenwende da. Dann wäre moralische Entrüstung nicht mehr nur „der Heiligenschein der Scheinheiligen“ (Helmut Qualtinger). Dann könnte man dem Journalisten wieder glauben, und er würde vielleicht nicht mehr – wie Max Weber das schon beklagt hat – „zu einer Art Pariakaste“, gehören, „die von der Gesellschaft stets nach ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt wird.“

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