Europa-Genöle – Brief an die Kanzlerin, 2

Liebe Frau Merkel,

Sie sind, wie könnte es anders sein, eine überzeugte Europäerin. Nicht erst bei Helmut Kohl haben Sie gelernt, dass der Zusammenhalt Europas die Straße zum Frieden pflastert, Streit aber den zu Mißerfolg und Krieg. In der nächsten Dekade werden sich Europas Anteil am Welthandel und auch sein Anteil an der Weltbevölkerung beinahe halbieren. Hätten wir dann nicht unsere Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft und eine ganz enge politische Kooperation – wir wären nichts, die Weltgeschichte würde über die einzelnen Staaten Europas hinwegmarschieren. Und auch der deutsche  Export – eben haben wir wieder neue Rekordzahlen vernommen – würde derart beschädigt, dass die Arbeitslosenzahlen wieder kräftig wüchsen.
 
Wir müssen Europa also schon aus ganz realistischen, ja: materiellen Gründen mögen. Europa aber  ist mehr: eine Wertegemeinschaft, die der Welt nach manchen Irrwegen den Gedanken der Freiheit und den der Demokratie gegeben hat; ein gewachsener Kulturraum, der die Geisteswelt des Abendlandes in Literatur, Musik, Philosophie bis heute prägt; der Ursprung der Zivilisation, ein Vorbild und Sehnsuchtsort für so viele Menschen in der Welt. Europa ist so Vieles, auf das man stolz sein kann.

Nur: Von diesem Stolz spüren wir Bürger wenig. Regierungsamtlich wird uns Europa immer nur sorgenzerfurcht serviert, als Last und bürokratisches Monster, über das man nur mit trübem Blick reden kann, auch deshalb, weil so viele andere Europäer uns deutschen „Zahlmeistern“ das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Kein Wunder, dass auch immer mehr Deutsche europaskeptisch werden. Auch Sie selbst, verehrte Frau Bundeskanzlerin, lassen bei diesem Thema das blitzende Charisma, zu dem sie ja fähig sind, völlig vermissen. Immer argumentieren Sie und Ihre Kabinettskollegen aus der Defensive heraus, weil sie alle glauben, sich gegen maue Demoskopie-Ergebnisse oder miesepetrige Journalisten verteidigen zu müssen.

Das müssen Sie überhaupt nicht. Auch nicht dann, wenn es im Euro kriselt wegen noch unsoliderer Volkswirtschaften als wir es selbst sind. Ganz offenkundig mussten die Dinge erst schlimmer kommen, damit sie besser werden können: Und nun haben wir alle begriffen, dass es ins Chaos führt, wenn man auf Dauer mehr ausgibt als man einnimmt. Endlich kehrt – und darauf müssen Sie weiter dringen – solides Gebaren ins europäische und nationale Haushalten ein. Auch wir selbst haben mit unserer Billionen-Verschuldung da noch genug zu tun.

Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Premier und Chef der Euro-Gruppe, kann begeisternd über Europa reden.  Er sagt dann Sätze wie: „Europa ist die Liebe meines Lebens“, und wenn er nach einer Europa-Rede vom Podium steigt, sind die Leute so hingerissen, dass sie unbesehen und in großen Summen Euro-Bonds zeichnen würden, wenn es sie gäbe. Aus einem Europa-Saulus macht er im Handumdrehen einen Paulus, und jeder im Saal fühlt sich berührt von der Größe der europäischen Idee.

Warum ist bei uns die Regierungs-Kommunikation zu Europa so schmallippig? Warum lassen Sie, Frau Merkel,  es zu, dass die Henkels und Sinns dieser Welt Europa zerreden dürfen, ohne bei ihrer Alternativlosigkeit ertappt zu werden? Warum müssen wir uns das Europa-Genöle in deutschen öffentlich-rechtlichen Fernseh-Talkshows anhören, ohne dass die Regierung als unser Europa-Motor dem etwas entgegensetzt? Auch dafür sind Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin, ja gewählt: Die Menschen von den Voraussetzungen für eine gute Zukunft Deutschlands und Europas zu überzeugen.

Jetzt zum Beispiel wäre es nicht schlecht, sie würden – wie seinerzeit Bayern-Trainer Trapattoni – einmal aus der Haut fahren, wenn sich Finanzmärkte und Journalisten einen Spaß daraus machen, Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und damit den Euro und Europa in immer größere Krisen hineinzureden. Bad news are good news, man kann an ihnen verdienen. Aber am Ende des Tages zerstört diese Attitüde, die sich mit journalistischem Ethos schon gar nicht erklären lässt, alle guten Seiten Europas, die ganze schwer erarbeitete Solidität unserer politischen und wirtschaftlichen Existenz.

Das würde ich mir wünschen: dass Sie sich, Frau Bundeskanzlerin, zu diesem Thema einmal richtig in Rage reden und all den leichtfertigen Besserwissern und Krisengewinnlern übers Maul fahren. Argumente hätten Sie genug.

Herzlich
Ihr

Michael Rutz(Erschienen am 9.5.2011 in Christ und Welt/ DIE ZEIT)

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