Atomkraft: Dennoch brauchen wir sie

Wenn man sich das öffentliche Meinungsbild anschaut, das die Deutschen zum Thema unserer Energiezukunft abgeben, könnte man als Politiker verzweifeln. Nichts ist erwünscht: Kernenergie nicht, weil es Tschernobyl und Fukushima gegeben hat und weil keiner ein Endlager haben will. Kohle nicht, weil sie mit Treibhausgasen die Umwelt verschmutzt. CO2-freie Kohlekraftwerke auch nicht, weil man nicht weiß, ob die unterirdischen Kohlendioxid-Speicher auch dichthalten. Windräder nicht, weil sie die Landschaft verschandeln und den Tieren des Meeres und der Luft im Wege stehen. Biomasse nicht, weil sie in Konkurrenz tritt zum Anbau von Nahrungsmitteln. Hinzu kommen Ideologen, denen es gar nicht recht ist, dass hinter der Energieerzeugung große Konzerne stehen, und denen traut man sowieso alles Schlechte zu.

Politiker können es also nur falsch machen. In solcher Situation ist es ratsam, sich von allen Emotionen unbeeindruckt zu zeigen und das Vernünftige zu tun.

Vernünftig ist, erstens, die Zahlen zu betrachten. Bis 2050 wird es etwa neun Milliarden Menschen geben, die Energie brauchen. Bis 2050 wird man mit einem jährlichen weltweiten Wirtschaftswachstum von durchschnittlich drei Prozent rechnen müssen. Daraus ergibt sich: Bis 2050 wird sich der Energieverbrauch der Welt wahrscheinlich verdoppeln.

Andere als die vorhandenen Energiequellen sind nicht in Sicht. Man kann ihre Anteile untereinander verschieben. Immer aber kommt man am Einsatz der vorhandenen Energiequellen nicht vorbei, jedenfalls nicht in den nächsten 30 Jahren. Eher ist auf keinen Fall eine Technologie zu erhoffen, die uns aus allen Bedenken erlöst.

Vernünftig ist deshalb, zweitens, die Summen für die Energieforschung immens zu steigern, weit über das bisherige Maß hinaus. Das kann entweder der Staat finanzieren, aber der ist notorisch klamm. Oder die großen Unternehmen tun es – von kleinen Stadtwerken, die ihre eigenen kleinen Kohlekraftwerke betreiben, ist da nichts zu erwarten. Deshalb brauchen wir auch große, leistungsfähige Energiekonzerne. Deshalb müssen sie auch hohe Gewinne machen – um sie in Forschung zu reinvestieren. Von nichts kommt nichts, auch wenn der Bürger das gerne hätte.

Vernünftig ist, drittens, weiterhin auf einen Energiemix zu setzen aus Erdöl und Erdgas (die in absehbarer Zeit allerdings erschöpft sein werden), aus Kohle, aus erneuerbaren Energien wie Biomasse, Solar- und Windkraft – und aus Kernkraft, an der wir auf lange Sicht nicht vorbeikommen. 439 Reaktorblöcke gibt es in der Welt. 17 davon stehen in Deutschland, und sie haben ihren Dienst zuverlässig verrichtet, wenn auch die Kernkraftgegner mit allen Mitteln versuchen, aus jedem abgefallenen Nagel einen Beinahe-Super-Gau zu stilisieren. Gab es einen Störfall, tat die Technologie, was sie sollte: Sie schaltete sich ab.

Vernünftig ist deshalb, viertens, die Kernkraft nicht ständig zu dämonisieren. Wir brauchen sie – ob wir wollen oder nicht – noch auf lange Zeit. Das bedeutet, dass wir jungen Menschen nicht Angst machen sollten davor, Kernphysik zu studieren. Wir brauchen Kernphysiker schon dafür, die deutschen Kernkraftwerke die nächsten Jahrzehnte zu betreiben. Wir brauchen sie für vielerlei andere Anwendungen, von der Medizin über die Werkstofftechnologie bis hin zur Raumfahrt. Wir brauchen sie, um all die anderen Kernkraftwerke in der Welt auf den Sicherheitsstandard zu bringen, den wir uns wünschen.

32 Kernkraftwerke sind – vor allem in Asien – derzeit im Bau. Die Internationale Atomenergieagentur erwartet für die nächsten 13 Jahre den Zubau von 46 Kernkraftwerken der 1300-Megawatt-Klasse. In den USA werden in den nächsten zwei Jahren Bauanträge für 30 weitere Kraftwerke erwartet. Russland will in den nächsten 20 Jahre 30 neue AKWs bauen. Indien, China – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.


Wir können die Welt also nicht missionieren, weil ganze Erdteile einen erheblichen Nachholbedarf an Energie haben und Kraftwerke – auch Kernkraftwerke – brauchen. Entweder sie basteln sich die Kernkraftwerke selber zusammen – oder sie kaufen die sicherheitserprobten Technologien der Industriestaaten. Da ist es gut, wir verstünden auch noch etwas von dieser Technologie und müssten obendrein unsere eigenen Kernkraftwerke (und den partiellen Ausstieg aus der Kernkraft) nicht demnächst von Russen, Indern oder Afrikanern betreiben lassen.

Vernünftig ist es daher auch, einem sicheren Betrieb von Kernkraftwerken in Deutschland endlich den Weg zu ebnen. Bisher wird die einschlägige Forschung entweder behindert oder vernachlässigt, anstatt sie auf allen Ebenen zu fördern – vielleicht käme ja eine neuartige, sichere Kernkraft-Technologie heraus. Zum anderen produzieren die Kernkraftgegner die von ihnen beschworenen Risiken selbst. Es gäbe, sagen sie beispielsweise, kein sicheres Endlager. Das stimmt, aber nur deswegen, weil die rot-grüne Anti-AKW-Politik das Endlager bisher verhindert hat, die weitere Erkundung von Gorleben wurde aus lauter Angst davor gestoppt, das Endlager könne sich dort als geeignet erweisen. Zwischenzeitlich lungern die radioaktiven Abfälle in irgendwelchen absolut unsicheren Hallen herum – das ist eine wirkliche Gefährdung der Bürger, ein unglaublicher Skandal.

Je eher man die Kernkraft nicht mehr braucht, weil uns das Perpetuum mobile eingefallen ist: umso besser. Noch aber ist es nicht in Sicht. Und so lange haben die Politiker – auch wenn sie ihre Pensionen schon im Blick und die Begrenztheit ihrer eigenen Lebensspanne begriffen haben – die Verpflichtung, unideologisch so zu handeln, dass auch den nächsten Generationen noch ein energieauskömmliches Leben in jenem Wohlstand und in solchen gewärmten Stuben möglich ist, in denen etwa auch die Politiker und PolitikerInnen der Grünen haben groß werden dürfen.

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