Russische Energie-Gefangenschaft?

Der amerikanische Präsident schreckt in seiner allgemeinen Verachtung einer wertebasierten Politik und seiner stetig betriebenen Zerstörung der internationalen Ordnung vor Unwahrheiten nicht zurück. Deutschland sei, so behauptete er etwa auf dem Felde der Energiepolitik, „Gefangener Russlands“, denn wir bezögen „70 Prozent unserer Energie“ von dort. Das ist so unwahr wie vieles andere von Trump. Weil aber immer etwas hängenbleibt, ist Richtigstellung vonnöten.

Richtig ist, dass bei der Betrachtung allein des Erdgases Deutschland der weltweit größte Abnehmer ist. Wir sind auch größter Kunde Russlands. Geopolitisch ist das ein Risiko, denn die Lieferverträge bestehen vor allem mit Russland und den Golfstaaten, beide nicht mit unbeirrbarer Stabilität ausgezeichnet. Das Risiko wird gemildert angesichts des Umstandes, dass Russland seine Lieferverpflichtungen gegenüber Deutschlands zu jeder Zeit strikt eingehalten hat und von den damit eingenommenen Summen direkt abhängig ist. Russland lebt vom Rohstoffexport.

Andererseits: Wenn man Deutschlands Energiesituation betrachtet, dann ist der Primärenergieverbrauch die entscheidende Größe, denn die verschiedenen Energiequellen sind substituierbar: Erdöl, Erdgas, Erneuerbare Energien, Braunkohle, Steinkohle und Kernenergie – das ist der deutsche Energiemix. Russland hat am gesamten deutschen Primärenergieverbrauch einen Anteil von 25 Prozent: 12,4 Prozent mit Erdöl, 8,8 Prozent mit Erdgas und 3,7 Prozent mit Steinkohle.

25 Prozent – das ist zu wenig, als dass man von „russischer Gefangenschaft“ bei der Energie sprechen könnte. Aber wenig ist es auch nicht. Und es zeigt, dass wir uns die selbst auferlegte Abhängigkeit von Importen dringend noch einmal überlegen sollten. Wir haben die Kernkraft und die Kohlekraftwerke auf die Abschussliste gesetzt, stellen den Steinkohlebergbau mit Jahresende ein und wollen das auch mit der Braunkohle tun.

Wenn keine technologischen Wunder geschehen, die uns das Perpetuum mobile bescheren und damit immerwährende Energie, werden wir diesen Weg revidieren müssen. Der Abschied von der Kernkraft war grundfalsch, weil diese Technologie noch viele Möglichkeiten der Risikominimierung ihrer Anwendung bereithält. Nur: Wer nicht mehr daran forscht, findet sie nicht. Ähnlich ist es bei der Kohle: Auch sie kann immer „sauberer“ und klimafreundlicher werden, und daran sollten wir arbeiten, nicht an populistischer Reduktion. Zugleich gehen wir den Weg zur Wasserstofftechnologie viel zu zaghaft an.

Wir mögen von russischen Energieträgern zwar nicht abhängig sein, das Ziel aber wäre Unabhängigkeit von außereuropäischen Importen, also Autarkie. Und genau die sollten wir im Verbund der Europäischen Union anstreben.

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