Kohl und die Geschichtsschreibung

Eine Eigenschaft des verstorbenen Altkanzlers Helmut Kohl wird uns noch zu schaffen machen: Er war von einem tiefen Misstrauen erfüllt gegen Historiker, die aus einer beliebigen Anordnung von Aktenfunden Geschichte schreiben. Kohl sah die Gefahr, dass auf diese Weise seine Leistungen beim Gelingen der deutschen Einheit marginalisiert, seine Bemühungen um ein einheitliches Europa relativiert und damit sein politisches Erbe beschädigt werden könnten. „Die Fälscher sind unterwegs“, sagte er dann, wenn ihm ein Kommentar unterkam, der insinuierte, seine Leistung bestünde mehr oder weniger darin, im Zusammenwirken der vier Siegermächte zur deutschen Einheit keinen Schaden angerichtet zu haben.

Kohl hat versucht, solchen Deutungen einen Riegel vorzuschieben. „Ich war doch dabei, ich weiß doch, wie es wirklich gewesen ist“ – und deshalb schrieb er alles auf. Mit größtem Elan und Detailbesessenheit verfertigte Kohl seine Memoiren, mehrbändig. Er gab die Kanzleramtsakten zur deutschen Einheit vorzeitig frei, damit er die geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung noch erleben und gegebenenfalls würde korrigieren können. Zugleich gewährte er bereitwillig Interviews, um den Geschichtsbüchern reichhaltig Zitate und Schilderungen zu liefern, von einem Akteur der Weltpolitik. Viertägig stand er der ARD vor der Kamera zur Verfügung, um sein Leben zu erzählen. Und wenn es von Journalisten oder Historikern erbeten war, rief er auch schon einmal Michail Gorbatschow oder George Bush senior an, damit diese die Kohlschen Darstellungen bestätigen konnten.

So würde es nicht verwundern, wenn Helmut Kohls letzte Verfügungen vor allem der Frage gewidmet sind, was mit den Akten geschieht, die sich noch in seinem Besitz befanden, privaten Akten vor allem. Die Frage ist von geschichtspolitischer Bedeutung, obwohl so vieles schon offenliegt. Es wird einen Streit der Archive um diesen Nachlass geben, die Konrad-Adenauer-Stiftung macht sich Hoffnungen wie auch diverse Staatsarchive. Wem gehören Akten eines Bundeskanzlers?

Das alles belegt, wie sehr der Politiker Helmut Kohl stets in historischen Linien dachte. Jede Entscheidung prüfte er auf die langfristige Wirkung ab. Jede außenpolitische Regung wurde befragt: Hat sie noch in zehn, zwanzig oder 50 Jahren Bestand? Was würde ihre langfristige historische Folge sein? Kohl war keiner, der Geschichte einfach geschehen lassen wollte. Er wollte sie prägen, und er wollte gut in ihr wegkommen. Er dachte stets an sein eigenes Denkmal: Einer, der den Frieden schuf.

Zum Nachteil Deutschlands war das nicht. Politiker dieses Schlages handeln nicht leichtfertig, sie machen es sich mit Entscheidungen schwer, sie zählen eher zu den Zauderern. Man mag Kohl in manchen Dingen zu Recht den „Cunctator“ genannt haben, den zögerlichen Politiker. Im Zusammenhang mit der deutschen Einheit jedenfalls war er das ganz und gar nicht, er gestaltete den historischen Moment so energisch, wie er auch die europäische Einigung und den Euro vorantrieb. Mit Spannung wird man erwarten dürfen, was die Akten des Kohl’schen Erbes jetzt noch hergeben.

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