Religionen – wirkungsmächtig

Kein Tag vergeht, an dem wir nicht – provoziert von der CSU – über die Frage diskutieren müssten, ob man die Vollverschleierung von Frauen im öffentlichen Raum verbieten müsste. Diese Debatten um den Islam und seine Erscheinungsformen, auch über das Selbstbewusstsein der Muslime, treffen Deutschland in einer Zeit, in der gängige Rede war, Religion spiele in unserer Gesellschaft eine schwindende Rolle. Es hieß: Wo Kirchaustrittszahlen steigen, nehmen auch Agnostizismus oder gar Atheismus zu – kurz: Religion stirbt als gesellschaftlich und politisch prägendes Phänomen aus.

Tatsächlich aber sagen die Demoskopen: Die Deutschen haben Angst vor einem in Wort und Tat aggressiven Islam und seiner äußerlichen Symbolik. Da mag der Generalsekretär des Fatwa-Rates der Kairoer Azhar-Universität, Scheikh Khaled Omran, hundertmal predigen, dass in den Grundlagen des islamischen Rechts nichts von der Vollverschleierung steht und sie gar verboten ist – wir nehmen sie doch als religiöse Demonstration wahr.

Überhaupt bildet Religion den gewaltig tönenden Resonanzboden der kulturellen Auseinandersetzung, in der wir uns befinden. Als Samuel Huntington 1996 schrieb, die größten Gefahren in unserer anarchischen Welt seien „jene zwischen Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen“, empfanden wir das noch als überzogen und politisch unkorrekt. Mittlerweile wissen wir: Das war eine treffende Vorwegnahme der Analyse unserer Gegenwart.

Wer aber heute den Verlust unserer freien, auf Menschenwürde und Gleichberechtigung gebauten Demokratie fürchtet, der kommt ohne eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Religion nicht aus. Denn, schreibt Heinrich August Winkler in seiner „Geschichte des Westens“, entgegen der laizistischen Legende sei „die Geschichte des Westens durch nichts so stark geprägt worden wie durch die Religion in Gestalt des erst jüdischen, dann auch christlichen Monotheismus, der christlichen, auf Jesus zurückgehenden, strikten Trennung der Sphären von Gott und Kaiser und die durch die erst durch diese Unterscheidung ermöglichte Ausdifferenzierung von geistlicher und weltlicher Gewalt im Bereich der Westkirche im 12. Jahrhundert – einer mittelalterlichen Vorform der modernen Gewaltenteilung.“ Und die römische Kirche war es auch, die die griechischen Traditionen der Aufklärung nach der Renaissance zu uns herüberrettete.

Wäre es da nicht an der Zeit, sich auch im europäischen Christentum auf die Religion und ihre im Wege der Selbstreformation errungenen Stärken zurückzubesinnen? Der erstaunte und auch neidvolle Blick auf die Glaubensstärke der Muslime kann nur durch eigene Stärke beantwortet werden. Man wird als Christ in Europa keinen Mangel an guten Argumenten und keine Schwierigkeiten haben, vom normativen Projekt des Westens so überzeugend zu sprechen, dass ein auf politischer Machtübernahme und Abschaffung von Freiheit und Gleichberechtigung gründender Islamismus chancenlos bleibt.

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