Der Brexit – ein Kommunikationsversagen

Der Austrittsbeschluss Großbritanniens aus der EU ist die Geschichte eines massiven Kommunikationsversagens. Wer sich in europäischen Dingen genau auskennt, der weiß: Europa ist viel besser als sein Ruf. Die Idee einer Europäischen Zusammenarbeit hat ein zuvor ungekanntes Maß an Frieden, Wohlstand und auch Zusammenhalt bewirkt. In Brüssel arbeiten Heerscharen von qualifizierten Beamten daran, den gemeinsamen Markt für 500 Millionen Menschen zu ermöglichen. Sie sorgen für ein gemeinsames Rechtssystem, für vergleichbare soziale Standards, für Freizügigkeit der Arbeitnehmer: kurz: für ein lebenswertes und praktisch auch erlebbares Europa ohne Grenzen, in dem jeder gewinnt.

Doch: Über das Gute wird in den Medien selten geredet. Viel hingegen erfahren wir über Fehlentwicklungen, Krisen, Katastrophen und Konflikte. All das ist für die Medien auf der Suche nach der Aufmerksamkeit des Publikums spannender, denn Krisen bieten Emotionen und erzeugen überdies Seriencharakter, da meist viel Zeit vergeht, bis Gewinner und Verlierer feststehen.

Gewiss: In der Kontrolle ihrer eigenen Selektivität sind die Massenmedien autonom. Das wollen wir auch so haben. Die Akteure einer Demokratie, vor allem die Regierungen, entbindet das aber nicht von der Pflicht, eine öffentliche Wahrnehmung von Politik zu organisieren, die in ihrer Faktenlage vollständig ist. Denn wenn demokratische Herrschaft eine repräsentative Herrschaft ist und sie im Namen des Volkes ausgeübt wird, hat eben jenes Volk auch Anspruch darauf, die ganze Wahrheit über die politischen Institutionen , ihre Tätigkeit und ihre Agenden zu erfahren, gerade dann, wenn die Themen komplex sind. Das heißt: auch das Konstruktive, das Positive, die Erfolge müssen kommuniziert werden – worüber die Europäische Union in Gegenwart und Geschichte reichlich verfügt.

Da genügt es nicht, wenn unsere deutschen Parlamentarier ab und an ein nettes Wort über die Friedensdividende der EU verlieren, ansonsten aber über europäische Erfolge schweigen. Schlimmer noch: Bei nationalen Problemlagen neigen sie dazu, sich von Verantwortung selbst frei zu zeichnen und mit erhobenem Finger nach Brüssel zu weisen, anstatt das gemeinsame europäische Haus zu schützen. So bleibt: Brüssel als Buhmann, und so bringt man Menschen gegen Europa auf.

Die Europäische Kommission und auch die Bundesregierung stehen jetzt in der Verpflichtung, ihre Kommunikationsanstrengungen zu vervielfachen. Lethargische EU-Vertretungen sowie ein in europäischen Fragen praktisch wirkungsloses Bundespresse- und Informationsamt reichen längst nicht mehr aus. Nicht diplomatisch abgewogene und politisch gehemmte Sprache ist da notwendig, sondern eine Sprache der Leidenschaft, die die europäische Geschichte, ihre erfolgreiche Gegenwart und die große Geschichte ihres solidarischen Handelns neu erzählt. Wir brauchen ein Informationskonzert auf allen Medien unserer Zeit, gespielt von jungen Menschen, deren Zukunft die Gegner der europäischen Idee in vielen Ländern eben jetzt zu zerstören im Begriffe sind.

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