Mein Russland – 25 Jahre nach dem Mauerfall

Wenn man von den Hängen meiner Heimatstadt Coburg nach Osten schaut, wird der Horizont von einem schmalen, dunklen Gebirgsband markiert, dem Thüringer Wald. Für uns Kinder der Nachkriegszeit waren die hohen Wälder dort unerreichbar. Zwischen ihnen und uns lag die Zonengrenze mit Stacheldraht und Minengürtel, Laufhunden und Selbstschussanlagen – ein wahrhafter Todesstreifen. Alle paar Tage las man in der Zeitung von neuen Opfern dort, von Menschen, denen die Verheißung der westlichen Freiheit das Risiko eines Fluchtversuchs wert war, die aber im Minengürtel scheiterten, die man verletzt oder tot wegschaffte. Eine brutale Grenze, „die Russen haben sie gebaut“.

Und doch war das ferne Gebirge uns nah: „Dort entspringt die Itz“, sagte meine Lehrerin Frau Brückner, wenn wir Kinder Heimatkunde hatten, und das war der Fluss, dessen Wasser wir täglich auf dem Schulweg über Coburger Brücken querten. Wieso wir die Quelle am thüringischen Blessberg nicht besuchen konnten, war ja nicht leicht zu verstehen. Die Menschen dort sind eingesperrt, war die Antwort, keiner darf über die Grenze zu uns. „Die Russen wollen das nicht, sie haben Angst, dass keiner zurückkommt.“

Zwar hatten wir keine Verwandten „drüben“, aber die Menschen taten uns leid, weil wir auch wussten, dass sie in ihrem Sozialismus zwar nicht hungerten, mangels Importen aber auf das angewiesen waren, was die Scholle zwischen Mecklenburg und Sachsen so hergab. Für Orangen, Bananen oder Gewürze fehlten die Devisen. Also packte auch meine Mutter zu Weihnachten und übers Jahr Päckchen mit Zucker, Kaffee, Backzutaten, Schokolade, Nylonstrümpfen, Kugelschreibern und anderen Dingen, an denen „drüben“ Mangel herrschte.

„Geschenksendung – keine Handelsware“ mussten wir auf die Päckchen schreiben, aber es hatte sich herumgesprochen, dass mit den Westwaren in der DDR auch schwunghafter Handel betrieben werden konnte, also auch alles willkommen war. Wir freuten uns, den Landsleuten in der sogenannten DDR (die wir ja nicht anerkannten) das Leben unter der Russen-Knute ein bisschen erleichtern zu können.

Manchmal konnte man die Russen auch sehen. In Berlin standen sie mit furchterregenden Panzern am Checkpoint Charlie herum, und Nikita Chruschtschow hämmerte mit seinem Schuh auf das Rednerpult der Vereinten Nationen in New York. Der eine oder andere hatte es als Flüchtling in den Westen geschafft und erzählte vom Leben zwischen Moskau und Irkutsk, von der Taiga, den großen Flüssen, alten Städten und vom schönen Sankt Petersburg.

Die russische Machtelite war uns das Reich des Bösen: Sie knechtete nicht nur die DDR, wir sahen auch die Panzer in der Tschechoslowakei und in Polen, die jede Freiheitslust dort niederwalzten. Auch das eigene Volk hielten sie in Schach. Unvergessen ist mir ein Besuch in Moskau 1978: auf den Märkten ein mageres Angebot, in den Straßen schweigsame Menschen in Furcht vor dem KGB, an den U-Bahn-Stationen Zigarettenschwarzhandel, pompöse Plakate zum Ruhm der militärisch großen und doch bankrotten UdSSR – mit denen, so viel war klar, war nicht gut Kirschen essen.

Und dann 1989 die Öffnung und der Abriss der innerdeutschen Grenze, die Wiedervereinigung. Uns Wessi-Nachkriegskindern erschien das als ein unfassbares Wunder. Eben noch der böse russische Bär, und dann plötzlich ein Kommunistenchef, der Verständnis aufbringt für den Freiheitswillen der Menschen seines Imperiums, der die Nationen seines Machtbereichs zu selbstbestimmter Freiheit aufruft, der den DDR-Führern zum 40. Jahrestag ihres kaputten Teildeutschland die Mahnung schenkt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

In den 1990ern war ich im Tross von Helmut Kohl zu Gast bei Boris Jelzin im Kreml. Als die beiden Staatschefs abends zusammen Volkslieder sangen, deutsche und russische im Wechsel, und Jelzin buchstäblich auf dem Tisch tanzte – da war jedem klar, wie viel besser ein Europa ist ohne die Spannungen der kalten oder die Katastrophen heißer Kriege. Dazu, das war der Schwur, sollte es nie wieder kommen.

Die russischen Truppen zogen aus Deutschland ab. Jelzin-Nachfolger Putin sprach vor dem Deutschen Bundestag und warb für Russlands Zimmer im europäischen Haus. Das war der Zeitpunkt, zu dem wir Deutschen begannen, die Russen sogar ein bisschen lieb zu gewinnen. Die Feindbilder schmolzen wie Schnee in der Frühjahrssonne. 2008 fanden nur noch fünf Prozent der Deutschen, Russland sei unser „Feind“, und nur noch zwei Prozent der Russen sahen Deutschland als solchen an. 45 Prozent der Deutschen meinten, man müsse mit Russland „möglichst eng“ zusammenarbeiten, mehr als die Hälfte der Russen wollten das mit Deutschland. Die Hälfte der Deutschen war überzeugt, Russland sei tatsächlich „ein europäisches Land“, was 53 Prozent der Russen auch glaubten. Und in jenem Jahr der Umfrage, 2008, urteilten 55 Prozent der Deutschen und 78 Prozent der Russen, die Beziehungen zwischen beiden Ländern seien „sehr gut“, 45 Prozent der Russen sagten: „Ich mag die Deutschen“, umgekehrt nur 25 Prozent. Die Russen hatten uns den Zweiten Weltkrieg offenbar vergeben.

Vor wenigen Wochen war ich wieder in Moskau. Es ist Montag, der 20. Oktober 2014. Von der Dachterrasse des Kempinski Baltschug blicke ich über den abendlichen Roten Platz: links der prachtvolle Kreml mit dem roten Stern über dem Erlösertor, geradeaus das lichterkettenbehängte Kaufhaus Gum, im Vordergrund die Basilius-Kathedrale, rechts davon eine tiefe Baugrube, dort stand einst das Hotel Rossija, zu kommunistischen Zeiten die Zwangsbleibe aller Westtouristen. Das Wetter ist so regnerisch wie die Stimmung zwischen West und Ost.

In den Stunden zuvor hat die Mitgliederversammlung des Deutsch-Russischen Forums stattgefunden, der wichtigsten deutschen zivilgesellschaftlichen Organisation zwischen den zwei Staaten. Privatleute zählen dazu, Menschen aus Kultur und Wirtschaft. In den Veranstaltungen berichten sie von den Spannungen, in die sie gegenwärtig durch den Konflikt nach der Krim-Krise hineingezogen wurden. Sanktionen durch den Westen, die Russen wehren sich, ändern Gesetze zum Nachteil westlicher Investoren. Die freie Presse des Landes wird kujoniert und auf Kreml-Kurs gebracht, Kritik kann der Kreml nicht brauchen. Medienunternehmer aus dem Ausland werden vertrieben, Staatsmedien beteiligen sich an einem aufkommenden Propaganda‧feldzug, Menschenrechtsorganisationen haben wieder schwere Zeiten, die Atmosphäre erkaltet, die Uhr läuft rückwärts.

Von der neuen Freundschaft zwischen Deutschland und Russland, wie ich sie nach dem Mauerfall erlebt hatte, ist der Lack abgeblättert. Russland wird wieder als Gegner wahrgenommen, unverlässlich und launisch, Putin als Bär der Taiga, der niemanden um Erlaubnis fragt, der nach eigenen Gesetzen handelt. Der das Völkerrecht umschreiben will. Der in Sotschi den Waldai-Klub empfängt unter dem Kongressmotto „New order or no order“, zu Deutsch: eine neue, russlanddienliche Weltordnung oder gar keine.

In Russland wird den Menschen eingeredet, Angela Merkel und die Deutschen seien Marionetten der Vereinigten Staaten, Teil eines feindlichen Nato-Systems, das den Russen an den Kragen wolle. Da wird es begründungspflichtig, Mitglied zu sein in russlandfreundlichen Organisationen. Ich muss mich rechtfertigen dafür, dass ich mich für das Gespräch mit Russland einsetze und den Dialog nicht abbrechen lassen will. „Sie sind im Vorstand des Deutsch-Russischen Forums?“, werde ich gefragt, und die Brauen des Fragers gehen nach oben. „Im Petersburger Dialog sind Sie auch noch?“ Wenn ich bejahe, sehe ich das Verdikt: Ich gelte als Putin-Versteher, einer, der den Russen alles abnimmt, auch ihre Behauptung, der Westen habe „angefangen“.

Doch verstehe ich Putin überhaupt nicht. Ich kann die russischen Amputationsschmerzen nach 1989 zwar nachvollziehen. Ich kann begreifen, dass es für einen Machthaber in Moskau ausfüllender war, Herr über ein Sowjetimperium von vielen Unionsrepubliken inklusive des Baltikums, Weißrusslands und der Ukraine und zugleich über Polen, die DDR, die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien zu sein. Die Frage, warum sich fast alle diese Staaten aus eigener Entscheidung dem Westen zugewendet haben, warum sie Mitglied werden wollen in Nato und EU, warum sie mit dem russischen Bären nichts mehr zu tun haben wollen und ihm misstrauen – diese Frage stellt Putin sich nicht. Und wenn, dann beantwortet er sie mit Drohungen statt mit einer Umkehr seiner Politik.

Ich verstehe auch nicht sein völkerrechtliches Vabanque-Spiel. An gültige, von Russland unterschriebene Verträge hält er sich nicht, er droht, „Russen überall dort zu verteidigen, wo sie leben“, demnächst also vielleicht in Berlin. Er führt asymmetrische Kriege, schürt Unruhen in Nachbarstaaten, missachtet die europäische Menschenrechtskonvention, verachtet Europa für seine Amerika-Hörigkeit und die USA selbst. Und doch weiß er, dass dort alles viel besser ist als in seinem Russland: Rohstoffabhängigkeit, kein Mittelstand, Korruption und Oligarchie, zerstörtes staatliches Gewaltmonopol. Warum nur kehrt er nicht wieder um und fügt sich, als machtvolles Mitglied, ein in ein demokratisches, westliches Staatensystem?

Man kann an Russland verzweifeln. Das Einfachste wäre, aufzuhören in diesen Gremien, die die deutsch-russischen Beziehungen verbessern wollen. Aber wir, die wir uns dort dieser Aufgabe verschrieben haben, hören nicht auf. Ich möchte nicht wieder in Kriegsangst leben in Europa, wie ich es in meiner Kindheit gewohnt war – und fühle doch, dass sich die Ängste wieder einstellen. Ich möchte meinen Kindern und Enkeln sagen können, dass ich mit meinen geringen Kräften jedenfalls alles versucht habe, die Kontakte zwischen den Menschen beider Völker so zu befördern, dass sie eine jeweils eigene, eine zivilgesellschaftliche Kraft entfalten und ihre Regierungen von unten her zur friedenspflichtigen und aussöhnenden Räson bringen.

Unsere Medien machen einem das nicht leicht. Sie belohnen – vom „Spiegel“ bis zu den Zeitungen der „Frankfurter Allgemeinen“ – die plakative Menschenrechtsrhetorik. Wenn Marieluise Beck von den Grünen wieder einmal auf Menschenrechts-Hopping-Tour geht – rein ins Krisengebiet, Fotos und Presseerklärung, wieder raus –, dann stehen sie abdruckbereit und applaudierend zur Seite. Boykottiert Beck per Presseerklärung den Petersburger Dialog, dann spenden ihr die Kommentatoren Beifall. Niemand aber aus den deutschen Medien versucht wenigstens zu verstehen, warum diejenigen, die alle Missstände kennen und sie auch ansprechen, dennoch den Dialog ständig, unablässig und mühevoll fortführen, gerade auch dort, wo er nicht mehr PR-trächtig ist.

Die Russen und wir: Da geht es nicht nur um Wladimir Putin und Angela Merkel. Es geht um Hunderte von Städtepartnerschaften, in denen viele Tausende von Menschen zwischen beiden Ländern Kontakte und Freundschaften geknüpft haben. Es geht um Zusammenarbeit in zahlreichen Kulturveranstaltungen mit Ausstellungen, Symposien und Austauschprogrammen. Es geht um gemeinsame Wissenschaftsprojekte. Es geht um die vielfältigen Kontakte der Religionen und Konfessionen zwischen beiden Staaten, die von realistischen Debatten geprägt, aber von einem großen Friedenswillen überformt sind. Es geht um Jugendaustausch auf politischen und kulturellen Ebenen, um den Austausch junger Journalisten, um gemeinsame Programme und um wechselseitige Lehrveranstaltungen von Dozenten im jeweils anderen Land.

Ja, es geht auch um die Wirtschaft, um die 6000 deutschen Unternehmen in Russland mit ihren Hunderttausenden Mitarbeitern, die alle Multiplikatoren sein können eines demokratischen, freiheitsbewussten, sozialmarktwirtschaftlichen Lebensweges einer Nation – eines europäischen Weges eben.

Es geht um die in mehr als zehn Jahren gewachsenen eindrucksvollen Leistungen des Petersburger Dialogs, der in seinen vielen Arbeitsgruppen zahllose Kontakte geschaffen, Diskussionen geführt, Verbesserungen ermöglicht und nachhaltig wirksame Projekte verwirklicht hat. Und es geht um meinen zu früh gestorbenen Freund Peter Boenisch, der den Petersburger Dialog mit gegründet hat, der mich dort hineinzog und fest überzeugt war: Ohne Russland wird es keinen Frieden geben in Europa. Deshalb habe ich dort mitgemacht.

Selbstredend geht es auch um unsere gemeinsame Kultur. Zwar stimmt es, dass Peter der Große durch die Gründung seiner europäischen Stadt an der Newa die Russen zivilisieren, ihnen westliche Lebensart beibringen wollte. Das aber ist, nicht nur in besseren Kreisen, längst erfolgreich bewältigte Geschichte. Wer heute als Deutscher bei einem üppigen russischen Mahl in die Rituale der Trinksprüche gerät, der findet bei seinen russischen Freunden die Fähigkeit vor, mühelos Puschkin und Goethe, Dostojewski und Schiller zu zitieren. In Deutschland wird man kaum literarisch fündig, fack ju Göhte.

Von Egon Bahr wird der Satz überliefert, für Deutschland sei Amerika unverzichtbar, aber Russland sei unverrückbar. Das ist für einen Europäer das Mindestmaß an Rechtfertigung dafür, jeden Dialogweg offenzuhalten. Wahr ist aber auch, dass Russland ein im Kern europäisches Land beeindruckender Schönheit und Kultur mit gastfreundlichen Menschen ist. Es hat die falsche Regierung: einen Regenten, der auf Autokratie, auf weltweit wirksame Machtspielchen setzt, der nicht geliebt, sondern gefürchtet sein will. Das ist eine Entscheidung, deren Konsequenzen er tragen muss.

Wenn ich jetzt den Thüringer Wald sehe, kann ich hinfahren und über den Rennsteig wandern. Ich bin in Prag und Warschau willkommen und fühle stets: Ich bin in einem zivilisierten, kulturvollen, demokratischen Land. Ich habe ein Visum für Russland und fühle mich im wundervollen Sankt Petersburg wohl, streife durch das lebenslustige, kulturbegeisterte, chaotische Moskau. Ich war im muslimischen Kasan und am Baikalsee. Ich war überall in Europa von Sizilien bis Narvik, von Madrid bis Athen und Istanbul. Ich fühle Europa, liebe es und lebe es – und ich bin die erste Generation, die das je so leben durfte. Diese Möglichkeiten, diese Weite, diese europäische Lebensfreude möchte ich meinen Kindern und Kindeskindern gerne vererben.

Michael Rutz ist Mitglied im Vorstand des Deutsch-Russischen Forums und Mitglied im Lenkungsausschuss des Petersburter Dialogs.

Erschienen in ZEIT/Christ und Welt vom 6. November 2014

 

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