Städter, bleibt in der Stadt!

Es herrsche, erklärt man uns, Landflucht in Deutschland. Die Menschen wollten dorthin, wo das Leben tobt. Wo Menschen, Autos, Geschäfte dicht beieinander sind. Wo der Lärmpegel so hoch ist wie die Mieten. Das alles, predigen uns die Immobilienunternehmer, sei wahnsinnig attraktiv.

Dann aber klingelt an der Etagenwohnung jemand vom Institut für Demoskopie in Allensbach. Ob sie mit ihrem Stadt-Leben zufrieden seien? Zum Ärger der Immobilienmakler sagen nur acht Prozent der Städter: ja! Sie vermuten das Glück vielmehr auf dem Land: Gute Luft, günstiger Wohnraum, Nachbarschaftshilfe, Zufriedenheit. „Die Sehnsucht der Städter nach dem Land wird immer größer“, folgern die Demoskopen.

Die Soziologen – meist Städter – sind irritiert. Im Deutschlandfunk faselte neulich einer, es handele sich um ein Phänomen der „Spätmoderne“, die Städter lebten eine eingeübte „Ästhetik und Ikonografie des Natürlichen“ aus, die Sehnsucht gelte dem Wald und den Wiesen und damit auch einer im Geschwindschritt der globalen Ubiquität verlorengegangenen Langsamkeit. Dann sagte der Deutschlandfunk-Soziologe: „Die Menschen denken ans Landleben und glauben, die Kuh grüßt um die Ecke – wir wissen aber, das ist nicht so.“

Der Mann war nie auf dem Land. Während ich diese Zeilen schreibe, grasen Kühe nur hundert Meter von hier, große, braune, echte Kühe. Aus Nachbars Garten kräht der Hahn, und in meinem eigenen Gemüse- und Obstgarten wachsen gerade Salate, Sauerampfer, Zucchini, Gurken, Mangold, Radieschen, Busch- und Stangenbohnen, Tomaten, Kohlrabi, Grünkohl, Rosenkohl, Kürbis, rote Beete, Zuckermais, Johannisbeeren, Äpfel, Zwetschgen, Holunder, Zwiebeln und Lauch. Nicht zu vergessen etwa 25 verschiedene Würz- und Heilkräuter. Zehn Gehminuten, dann bin ich im Naturschutzpark der Lüneburger Heide, dort, wo die Heidschnuckenherden ihrer Wege ziehen, (auch vor dem Wolf) behütet von Schäfern und ihren Hunden.

Jeden Morgen, bevor um acht der Büroalltag beginnt, gehe ich eine Stunde in die Beete. Man muss jäten, Schnecken sammeln, die Beete hacken und wässern. Die Salatsamen müssen in die Anzuchtgefäße und die schon kräftigen Setzlinge ins Beet. Die Staudenbeete wollen gejätet und geschnitten sein, die verblühten Rosen gekappt.   Vor allem muss man ernten: heute zwei Schlangengurken, zwei Zucchinis, zwei Kohlrabi, Radieschen und Mangold.

Die Morgenstunden sind still, ab und an fährt ein Traktor auf die Felder hinaus, Erntezeit.  Später hört man Autos, die die Dorfstraße hinunter zur Autobahn streben, weiter nach Hamburg, 25 Minuten braucht man bis zur Innenstadt, auch nicht mehr als jemand aus Blankenese. 60 000 Pendler allein aus dem Süden Hamburgs machen das so, mit Bahnen, Bussen, Autos. Aber sobald sie können, wollen sie wieder heim.

Wir Landmenschen neiden den Städtern nicht einmal ihr Freizeitangebot. Zugegeben, wir haben keine Staatsoper. Aber dafür musizieren in den jahrhundertealten Kirchen von Egestorf und Undeloh Konservatoriumsabsolventen ganz wunderbar, jeden Sonntag, den ganzen Sommer über, immer um 17 Uhr, immer für zehn Euro. Wir haben auch kein Schauspielhaus, dafür aber den „Ebendörper Immenschworm“, der die Skandale des Landlebens erschütternd auf die Bretter bringt. Wir sonnen uns nicht am künstlich sandaufgeschütteten Elbstrand mit Kübelpalmen und Caipirinha, dafür aber im wunderbar gepflegten Waldnaturbad mit sauberem Quellwasser, das umgeben ist von einem Barfußpark, in dem man unter den Füßen spüren kann, was es in der Großstadt kaum mehr hundekotfrei gibt: Moor, Sand, Wiese, Kiesel, Blätter, Rindenmulch.

Wir haben Schulen ohne Drogen, Kitas mit fröhlichen Kindern, Bauernmärkte. Wir Landleute, sagt Allensbach, sind total zufrieden, was die Städter ja kaum glauben möchten. Vielleicht ist es ja auch besser, sie bleiben in der Stadt. Dort können sie ihre geheime Land-Sehnsucht bei „Urban Gardening“ und der Lektüre von Sehnsuchtszeitschriften wie „Landlust“, „Landidee“, „Mein liebes Land“, „Mein schönes Land“ ,„Landgarten“, „LandSeele“ oder „Kraut und Rüben“ ausleben. Ich hingegen erwäge, mir fünf Hühner zuzulegen und einen Steinbackofen in den Garten zu bauen. Doch das wird eine andere Geschichte.

(erschienen in ZEIT/Christ und Welt 6.8.2014)

 

 

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