Misstrauen in die Moderne

Waren das schöne Tage? Familien, die den Heiligen Abend, umsorgt von caritativen Organisationen,  unter dem Weihnachtsbaum in der Haupthalle des Frankfurter Flughafens zubrachten statt im heimischen Wohnzimmer; Menschen, die in überfüllten Zügen mit ausfallenden Heizungen Notgemeinschaften des Überlebens bildeten und zu sozialer Nähe kamen, die ihnen zuvor undenkbar schien; Autofahrer, die einander mit dem Nötigsten aushalfen, sich aus Schneewehen ausgruben oder Abschlepphilfe anboten. So hatte sich der Bundespräsident die Umsetzung seiner Weihnachtsansprache wohl nicht vorgestellt, aber sei’s drum: Die Deutschen, ein Volk von Nachbarn.

Den Hintergrund bildet freilich eine bittere Wahrheit: Wir haben uns eine Moderne geschaffen, die sich unserem Regiment entzogen hat. Mag sein, dass wir schlampig gewesen sind oder zu schnell: Der Beispiele sind mittlerweile viele, die die Unfähigkeit des Menschen zu solider Daseinsvorsorge belegen. Das fängt bei der Bundesbahn an, die Züge baut, die im Sommer keine Kälte und im Winter keine Wärme bieten; die mit Oberleitungen fährt, die schon bei einstelligen Minusgraden einfrieren; die Züge auf die Strecke schickt, die weder funktionierende Toiletten noch intakte Speisewagen haben; die Gleisstrecken baut, deren Weichen einfrieren; die Lokomotiven bestellt, deren Lüftungsschlitze bei leisem Schneefall verstopfen und ein Weiterfahren unmöglich machen. Deutschland per Bahn – eine Alptraummärchen.

Das geht weiter in der Finanzwirtschaft: Wir haben uns ein weltweites Finanzsystem zurechtgezimmert, dessen Mechanismen wir nicht mehr überschauen. Fassungslos sehen wir den obersten amerikanischen Währungshüter vor einem Senatsausschuss weinen, dass er sich das alles auch nicht habe vorstellen können. Unsere Experten – allesamt ratlos, und auch gegenwärtig nur zu sanft tastendem Optimismus bereit, weil sie nicht wissen, wo es vielleicht in nächster Zeit wieder kracht im Gebälk der Weltfinanzen.

Oder in den entsetzlich langweiligen Klimadebatten: Vor ein paar Jahren noch wurde uns die Abwesenheit jeglichen Winters prophezeit, sorgsam archivierten wir die letzten Winterfotos, um den Enkeln noch zu zeigen, wie Winter einmal ausgesehen hat. Nun, da wir einen Bilderbuchwinter nach dem anderen erleben und die Preise für Heizenergie explodieren,  sagt man uns, das sei gerade der Beweis für die Klimaerwärmung, weil Golfströme und Polarwinde eben nun Wege nähmen, die inmitten angeblich menschenverursachter steigender Wärme geradezu zwangsweise neue Kälte mitführen.

In Vorfreude auf warme Winter hatten die Behörden schon die Räumfahrzeuge verkauft und Streusalzvorräte reduziert – und nun das! Wir erleben die Unfähigkeit des Staates, einen ganz normalen Winter zu bewältigen: Auf den Flughäfen fehlen die Enteisungsmittel, weil man ihre Bestellung versäumte; auf den Straßen fehlt das Streusalz (oder es wird nicht ausgebracht, weil sich sein Preis verdreifacht hat und der Staat sparen will); die Schienen sind oft unpassierbar.

Was ist das für eine Moderne? Die Unfähigkeit der politischen Apparate, diese Probleme (deren Liste sich leicht verlängern ließe) in den Griff zu bekommen, zeugt nicht nur von schlampiger Governance. Sie hat auch tiefgreifende Folgen. Die Hauptfolge ist, dass die Menschen spüren, dass die Fachleute die Folgen gegenwärtiger Entwicklungen entweder gar nicht mehr abzuschätzen in der Lage sind oder sich in den Prognosen widersprechen. Daraus erwächst eine Verunsicherung der Demokratie und die zwanghafte Vorstellung, man müsse die Dinge jenseits demokratischer Prozesse selbst in die Hand nehmen. Die zweite Folge und eine Konsequenz der ersten: Wer das Gefühl hat, dass die vernetzte Welt mit sich selbst nicht mehr klarkommt, der wird die Globalisierung ablehnen und sich ins nationale Schneckenhaus zurückzuziehen suchen, weil er sich bei den zukunftsbezogenen Lebensfragen vollkommen zu Recht eine hinnehmbare Stabilität wünscht. Die Folge ist ein wiederauflebender Nationalismus, der die Suggestion schafft, dann seien die Lebensumstände eines Volkes wieder in verlässliche Bahnen zu lenken.

Positiv gewendet: Wir brauchen eine kraftvolle Stärkung des Vertrauens, das die Menschen in die Lenkung der Gesellschaft – national wie international – setzen. Das nationale und internationale Reglement ist gegenwärtig nicht geeignet, diese Anforderungen zu erfüllen. Europa ist zu schwach ausgestattet, der Lissaboner Vertrag zu kraftlos. Das weltweite Finanzsystem ist noch längst nicht ausreichend reguliert. Die Vereinten Nationen sind nicht in der Lage, die Standards der weltweiten Governance zu setzen, die die Probleme der Sicherheitsarchitektur, aber auch solche etwa des Internets, einfordern. Das sind die Aufgaben, die man der Politik 2011 setzen möchte. Manche unserer politischen Spitzenfachkräfte, Angela Merkel etwa oder auch Jean-Claude Juncker in Luxemburg, haben eine Ahnung davon, was auf uns zukommt und was notwendig wäre. Ihre Mission sollte es sein, das nun umzusetzen. Politik darf sich nicht zur Passivität verdammen lassen, und Europa darin nicht zunehmend  dissent und kraftlos vor sich hintreiben. Sonst braucht sich niemand zu wundern , wenn nicht nur das europäische Projekt scheitert, sondern wegen des wachsenden Misstrauens in die Politik zugleich auch der nationale Zusammenhalt zerbricht.

Comments are closed.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: