Fleisch für alle! Ein Zwischenruf.

Die Erde wird nicht größer, die Zahl ihrer Bewohner aber steigt rasant: Soeben haben wir die 7-Milliarden-Grenze überschritten, 2025 werden acht Milliarden Menschen auf dem Planeten leben. Zuerst müssen sie essen.

Dieser Umstand belebt die Debatte über Art und Umfang von Ernährung und Nahrungsmittelproduktion immer neu. Mit Leidenschaft suchen die Vegetarier dieser Welt  den Nichtvegetariern ihren Fleischkonsum auszureden. Da paaren sich gesundheitliche Warnhinweise mit dem Mitleid zur tierischen Kreatur, man prangert die umweltschädliche Produktion (tierische Abgase, Bodenerosion) des pflanzlichen Futters zur Tiermast an sowie seine Anbaukonkurrenz zu menschlicher Nahrung. Zudem erregt es sozialpolitischen Ärger, dass die großvolumige Nahrungsmittelproduktion in der Hand industrieller Strukturen liegt, die – wie in den letzten Jahrzehnten schon in Europa – kleinbäuerliche Anbauweisen verdrängen.

Die Frage freilich, ob der Fleischverbrauch in der Welt weiter steigen wird, ist längst entschieden: Ja, so wird es kommen, wie sehr die entwicklungspolitischen Vormünder der reichen Industrienationen auch das Gegenteil herbeiwünschen. Und er wird zunehmen gerade in jenen Ländern, deren Menschen noch vergleichsweise in Armut leben.

Vor allem die Geflügel-Nachfrage wächst in allen Erdteilen rasant. Zwischen 2010 und 2016 wird alleine in China eine Zunahme des Geflügelfleisch-Verbrauchs um 42 Prozent erwartet. Die Menschen wollen Fleisch essen, und zwar mehr als bisher: Der weltweite Fleischverbrauch, im Jahr 2000 bei 37,4 Kilo/Kopf/Jahr, wird nach Schätzung der Welternährungsorganisation bis 2050 auf 52 Kilo/Kopf/Jahr ansteigen. Diese Nachfrage wird durch natürlichen Ackerbau und natürliche Viehzucht alleine nicht zu bewältigen sein, weshalb die Welternährungsorganisation FAO schon 2002 vom Welternährungsgipfel zu intensiverer agrarwirtschaftlicher Forschung auch auf dem Felde der Biotechnologie aufgefordert worden ist.

Die Lösung des Hungerproblems müsste schon heute nicht an mangelnder Technik oder fehlenden Ressourcen scheitern; die Erträge in der Landwirtschaft könnten nach Berechnungen des britischen Agrarökonomen Keith Jaggard bis 2050 sogar um die Hälfte gesteigert werden. Voraussetzung ist freilich sowohl politischer Wille als auch ein konstruktiver Umgang mit der „grünen Biotechnologie“.

Den Fragen der technischen und wirtschaftlichen Machbarkeit  stehen dabei jene der ethischen Verantwortbarkeit gegenüber. Also muss man die ökonomischen, ökologischen und sozialen Folgen des großtechnischen agrarischen Anbaus, der Massentierhaltung zum Zwecke der Fleischproduktion und des Einsatzes chemischer Produkte dabei gegeneinander abwägen. Die Frage ist, ob, wie und unter welchen Bedingungen eine intelligente und nachhaltige, entwicklungs- und gesellschaftspolitisch sinnvolle wie ökonomisch und ökologisch verantwortbare und vor allem ausreichende Steigerung des  Nahrungsmittelangebots herbeigeführt werden kann.

Das kann funktionieren, und am Beispiel der Geflügelproduktion lässt sich das besonders gut veranschaulichen. In der Tiermast sind essentielle Aminosäuren notwendig, also Eiweiße, die lebenswichtige Bestandteile menschlicher und tierischer Ernährung bilden. Sie kommen in etwa 20 Formen vor, die nicht allesamt vom Körper selbst produziert werden. Etwa zehn von ihnen müssen täglich mit der Nahrung aufgenommen werden. Bei der Tiermast muss man einige davon mit pflanzlichen Nahrungsmitteln (Sojamehl), andere in Form von tierischem Eiweiß (Fischmehl, Tiermehl) zuführen.  Werden diese essentiellen Aminosäuren durch synthetisch erzeugte Aminosäuren ersetzt, vereinfacht das die Fütterung und verbessert auch die mikrobiologische Lebensmittelqualität. Zugleich entfallen der entsprechende Getreide- oder Sojaanbau und die entsprechende Fisch- oder Tiermehlproduktion. Das Ergebnis: eine nachhaltige Umweltschonung. Das sind handfeste Vorteile, weshalb Tierzüchter, Agrarwirtschaft, aber auch viele Politiker vor allem in den noch unterentwickelten Ländern auf solche Forschungsfortschritte bauen.

Die wichtigste synthetische Aminosäure ist das DL-Methionin, dessen Marktvolumen gegenwärtig bei 750 000 t liegt. Es wird als erste synthetische Aminosäure zur Geflügelproduktion eingesetzt. Gewonnen wird DL-Methionin (im Gegensatz zum in der Schweinemast verwendeten biotechnologisch erzeugten Lysin oder dem biotechnologisch hergestellten Threonin) auf petrochemischer Basis. Um einen ökologischen Beurteilungsrahmen auch für die öffentliche Diskussion zu schaffen, setzen die Hersteller synthetischer Eiweiße (führend ist hier die deutsche Evonik AG) „Life Cycle Assessments“ ein, also Ökobilanzen, in denen die Umweltwirkungen des Produktes während seines ganzen Lebensweges dargestellt werden. Auch im Falle synthetischer Aminosäuren lässt sich so ein besseres Verständnis für den ökologischen  Zusammenhang zwischen nachhaltiger chemischer Produktion und der Wohlfahrt von Tieren, Endverbrauchern und ihrer Umwelt erzielen.

Bei Betrachtung der Umweltbilanz für synthetisches Methionin fällt vor allem die gewaltige Ersparnis von Anbauflächen für die bisher verwendeten pflanzlichen Eiweißfutter ins Auge. Denn ein Kilogramm Methionin ersetzt in der Fütterung 160 Kilogramm Sojamehl, entsprechende Importe können entfallen. Die Verwendung von 750 000 t synthetischem Methionin – das sind die weltweit vorhandenen Produktionskapazitäten – würde demnach die Nutzung von 15 Mio Hektar Ackerland zum Zwecke des Anbaus futterergänzender agrarischer Eiweiße überflüssig machen. Dies ist segensreich, da die Flächen für den Anbau von Getreide und Gemüse für den menschlichen Verzehr knapper werden. Denn die klimatisch verursachte Bodenerosion zerstört jährlich mindestens zehn Millionen Hektar agrarischer Fläche, und bisher für menschliche Nahrung verwendete agrarische Anbauflächen werden zudem für die pflanzliche Energieerzeugung umgewidmet.

Aber synthetische Eiweisse haben noch einen anderen Vorteil, der in ihrer physiologischen Verwertbarkeit liegt: sie sind „sortenrein“. Pflanzliches Eiweiss-Futter hingegen enthält Aminosäuren in unterschiedlichen Anteilen, verwertet wird aber nur bis zur Grenze des Eiweisses mit dem geringsten Anteil – das „Minimumgesetz“ Justus von Liebigs: „Der Nutzen der in Futtermitteln enthaltenen Proteine wird durch die knappste Ressource eingeschränkt.“ Mithin werden auf pflanzlichem Wege überschüssige Proteine erst produziert und dann gleichsam vernichtet.

Aber die Ökobilanz setzt sich fort: Pro metrischer Tonne künstlich hergestellten Methionins – so haben es das Institut für Energie- und Umweltforschung ifeu sowie die Unternehmensberatung McKinsey vorgerechnet – werden 23 t CO2–Emissionen eingespart. Das bedeutet: Bei Vollauslastung der jetzt vorhandenen Kapazitäten ließen sich etwa 14 Mio t CO 2 pro Jahr einsparen. Bei Ammoniak geben diese Berechnungen den Faktor 1:26, bei Nitrat 1:7 an. Solche Belastungsminderungen sind ökologisch  bedeutsam, da nach Angaben der FAO bereits ein Fünftel des EU-Ackerlandes einen Stickstoffüberschuss aufweist und das Grundwasser Nitratfrachten trägt. Würden synthetische Aminosäuren in der Schweinemast EU-weit eingesetzt, ließen sich 300 000 t Stickstoff ersparen.
Man sieht: Das Thema ist zu kompliziert, als dass man es einer emotionalen Diskussion überlassen dürfte. Fleischverbrauch muss die Umwelt nicht schädigen, wie es oft jene behaupten, die im warmen Nest des Reichtums sitzen und selbst als Vegetarier auf die edelsten Eiweiße Rückgriff nehmen können. Den ärmeren Teilen der Erde und ihren Menschen ist damit nicht gedient.

(veröffentlicht in ZEIT/Christ und Welt vom 10.5.2012)

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