Hasslawine gegen Wulff

Uwe Siemon-Netto, einer der erfahrensten deutschsprachigen Journalisten und ausgebildeter Theologe, lebt in den USA. Von dort hat er die Causa Wulff verfolgt und der FAZ (und einigen Freunden) den folgenden Brief geschrieben, dem ich sehr zustimme und den ich mit seiner Genehmigung hier einstelle. Siehe auch: uwesiemon.blogspot.com.
MR.

Jetzt, da Christian Wulff mit Großem Zapfenstreich aus seinem Amt verabschiedet wurde, ist ein Nachwort fällig. Ich habe diese Affäre aus der Ferne verfolgt und bekam eine Gänsehaut ob der unfasslichen Inhumanität meiner Landsleute und ihrer Kirchenführer gegen einen Mitmenschen. Herr Wulff ist kein Verbrecher; es gab weder eine Anklage, noch eine Beweisaufnahme noch ein Urteil gegen ihn. Gleichwohl traten die Medien, einschließlich leider der FAZ, eine Hasslawine gegen ihn los, die in der Geschichte dieser Republik kein Beispiel hat. Ich begreife nicht, wieso sich eine Zeitung von hohem Niveau ohne Not an die Spitze eines Lynchmobs gesetzt hat. Wulff wurde zum nationalen  Unhold gemacht. Wo werden er und seine Familie fortan noch in unserem Lande ihr Gesicht zeigen können? Der hämische Pöbel, der sich heute in Zeitungsblogs artikuliert, erinnert mich an die Tricoteusen rund um die Guillotine der französischen Revolution — und an Schlimmeres. Bedenklicher als Wulffs vielleicht fragwürdige Ethik ist der Unrat, der sich hier von der Volksseele entlud. Als Journalist mit 55 Berufsjahren schäme ich mich vor allem meiner Branche. Wenn sie aber tatsächlich das neue Antlitz der Deutschen präzise porträtiert hat und das übermittelte Hasspotential der Realität entspricht, dann: Kyrie eleison!

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